«

»

Artikel drucken

Trotzkis Schrei im Ohr

Ohrenbetäubend erschallt der Schrei am 20. August 1940 durch den Innenhof. Vergeblich wehrt sich der von Stalin zum Tode Verurteilte Lew Dawidowitsch alias Leo Trotzki gegen sein vorgezeichnetes Schicksal. Ein Schrei, ein Biss in jene Hand, die ihm soeben einen Eispickel in den Schädel geschlagen hat, zu mehr reicht die Kraft nicht aus. Trotzkis mühevoll vorgebrachte Worte an seine Wachleute, dass sein Mörder „reden“ müsse, retten diesem das Leben. Am folgenden Tag stirbt Trotzki an den Folgen des Attentats, sein Mörder wird in Mexiko zu 20 Jahren Haft verurteilt.
In seinem neusten Roman Der Mann, der Hunde liebte erzählt der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura in drei Erzählsträngen die Geschichte der Ermordung Trotzkis aus den Perspektiven von Mörder und Ermordetem. Damit begibt sich Padura, hierzulande bisher vor allem durch seine exzellenten gesellschaftskritischen Krimis um den kubanischen Teniente und späteren Antiquar Mario Conde bekannt, auf die Spuren eines im Realsozialismus links liegen gelassenen Mannes. Schon Trotzkis Lebensgeschichte alleine böte genügend Stoff für eine große Erzählung: erfolgreicher Revolutionär, Begründer der roten Armee, aber auch Blockierer einer möglicherweise demokratischen Entwicklung durch die Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstandes, schließlich der verlorene Machtkampf mit Stalin und der erzwungene Gang ins Exil.
Im ersten Strang erzählt Padura aus Trotzkis Leben vom Zeitpunkt seiner Verbannung nach Alma-Ata bis zu seiner Ermordung in Mexiko. Nach Zwischenstationen in der Türkei, Frankreich und Norwegen wird Trotzki in Mexiko zunächst von den Maler_innen Frida Kahlo und Diego Rivera im blauen Haus in Coyoacán aufgenommen. Immer wieder spürt er den Atem Stalins im Nacken, der ihn aber noch als Verkörperung der Konterrevolution braucht, um seine Macht zu festigen. Trotzki selbst bleibt daher zunächst am Leben, viele seiner Genoss_innen fallen in unterschiedlichen Ländern jedoch Attentaten zum Opfer. Währenddessen laufen in Moskau Schauprozesse gegen vermeintliche Trotzki-Anhänger_innen, die immer heftiger ausarten.
Weniger bekannt, aber nicht minder spannend ist die Lebensgeschichte seines Mörders Ramón Mercander, die im zweiten Strang erzählt wird. Als Kommunist im spanischen Bürgerkrieg gerät Mercader in das Umfeld des Stalin ergebenen sowjetischen Geheimdienstes. Die Ablehnung des „konterrevolutionären“ Trotzkis und seiner Anhänger_innen wird für ihn zur Obsession. Er verschreibt sich ganz dem Projekt Stalins und wird in den inneren Zirkel der straff und sektenähnlich organisierten sowjetischen Kommunist_innen aufgenommen. Kontakt hat er fast ausschließlich mit seinem extrem wandlungsfähigen Vorgesetzten Kotow, der ihn als Agent des sowjetischen Geheimdienstes vom spanischen Bürgerkrieg über Frankreich bis nach Mexiko in den Kampf schickt. Dieser erscheine, wie Ramón eingebläut wird, „manchmal erbarmungslos“, sei aber „immer gerecht“. Der Katalane verinnerlicht das Credo, dass für den Sozialismus „jedes Opfer, jede Tat historisch gerechtfertigt sei und nicht die geringste Abweichung hingenommen werden” könne. Über die vorgetäuschte Zuneigung zu der Trotzkistin Sylvia Agelof verschafft sich Ramón unter falscher Identität schließlich direkten Zugang zu Trotzkis Umfeld. Seine unvermeidliche Tat für den Sozialismus steht von Anfang an fest.
Im dritten Strang trifft der kubanische Schriftsteller Iván am Strand von Havanna auf einen geheimnisvollen kranken Mann, der stets mit zwei eleganten Windhunden spazieren geht. Dieser erzählt ihm die unglaubliche Geschichte von Trotzkis Mörder mit einem Reichtum an Details, über die letztlich nur eine einzige Person verfügen kann. Iván beschafft sich Material über Trotzki, der im Kuba der 1970er von offizieller Seite aus als „die personifizierte Eiszeit, die potenzierte Ideologische Verruchtheit“ galt. Als der Mann plötzlich nicht mehr auftaucht, steht Iván vor der Entscheidung, was er mit seinem Wissen anfangen soll. Jahrzehnte später erst erlangt er Klarheit über die Frage.
Im Gegensatz zu den anderen beiden Erzählsträngen, die trotz literarischer Verarbeitung auf recherchierten Fakten beruhen und von Personen der Zeitgeschichte handeln, ist Iván ein fiktiver Charakter. Anhand seiner Lebensgeschichte thematisiert Padura kritikwürdige Zustände auf Kuba wie den Konformismus an den Universitäten und die Repression gegen Schwule in den 1970er Jahren, sowie die schwierigen Lebensverhältnisse nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Gleichzeitig belichtet der Autor die bisher wenig bekannte Tatsache, dass Ramón Mercader in den 1970er Jahren unter offiziellem Schutz in Kuba gelebt hat.
Trotz der Kritik am Sozialismus und den Verhältnissen auf Kuba konnte das Buch auf der Insel erscheinen, wenn auch in vergleichsweise niedriger Auflage. Zur Zeit des vom Autor geschilderten kulturpolitisch repressiven grauen Jahrfünfts in den 1970er Jahren wäre dies unmöglich gewesen.
Anhand der Biografien von Mörder und Ermordeten lässt Padura das 20. Jahrhundert von Stalin und Hitler, über den Zweiten Weltkrieg, den Prager Frühling bis hin zum noch immer sozialistischen Kuba an der Schwelle zum neuen Jahrtausend Revue passieren. Mit seiner großartig erzählten Geschichte, die trotz des weitgehend bekannten Endes im Verlauf an Spannung zunimmt, zieht er eine bittere, realistische Bilanz des Realsozialismus und der verhängnisvollen Lesart von Marx‘ Ideen. Der Umgang mit Trotzki stellt für Padura dabei einen entscheidenden Moment des Scheiterns dar. Selbst Ramón und sein früherer Vorgesetzter Kotow können dem später kaum widersprechen. Jahre nach Stalins Tod treffen sie sich als von der Geschichte nunmehr zur Farce karikierte, gebrochene Persönlichkeiten in Moskau wieder. Die Erinnerung an Trotzkis Schrei und eine Narbe an der Hand von Ramón zeugen von einem Verbrechen, das sich auch für dessen Protagonisten nicht gelohnt hat.

Leonardo Padura // Der Mann, der Hunde liebte // Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein // Unionsverlag // Zürich 2011 // 736 Seiten // 28,90 Euro

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/trotzkis-schrei-im-ohr/