Mexiko | Nummer 600 - Juni 2024

Überleben durch radikale Zärtlichkeit

Porträt einer Meerjungfraubraut

Lia García, afro-mexikanische Künstlerin, Pädagogin und Aktivistin für die Rechte von trans Personen und anderen disidencias, setzt der systematischen transfeindlichen Gewalt der Gesellschaft radikale Zärtlichkeit entgegen. Sie fordert mit bewegenden Performances Normen und gesellschaftliche Erwartungen heraus und ermöglicht unerwartete Begegnungen.

Von Johanna Fuchs
Lia García Künstlerin, Poetin, Pädagogin und Aktivistin für die Rechte der LGBTIQ-Gemeinschaft in Mexiko-Stadt (Foto: privat)

„Ich bin eine Frau des Wassers, sagen meine Vorfahrinnen. Tochter von Oshún, der Mutter aller Flüsse, die fließen und sterben, indem sie zum Meer werden, Wasser – Yemayá. Das Wasser ist mein Zufluchtsort vor all der Traurigkeit, all der Wut, hier fühle ich mich frei; alles fließt in ihm, genauso wie in meinem Körper und meinem Geschlecht. Alles ist transparent, wie ich und meine Schwestern, die wir täglich unser Gesicht zeigen trotz der Beleidigung und des Spotts darüber, dass wir vor den durch das koloniale Patriarchat aufgedrückten Normen fliehen.“ So stellt sich Lia García im Text „Durch Meere überleben wir: Metaphern des trans Schmerzes“ vor, der 2020 im Sammelband Tsunami 2 veröffentlicht wurde.

Lia García ist Künstlerin, Poetin, Pädagogin und Aktivistin für die Rechte der LGBTIQ-Gemeinschaft in Mexiko-Stadt. Sie hat in fast 20 Jahren der Arbeit ihre ganz eigene Verknüpfung von Performancekunst, Poesie und Pädagogik entwickelt, um Menschen auf emotionaler Ebene anzusprechen und Verbindung zu denen herzustellen, die im Alltag oft eine Bedrohung für sie darstellen. Ihre Form zu arbeiten führt sie unter anderem auf ihr Studium der Pädagogik an der UNAM (Universidad Nacional de México) zurück. Währenddessen lernte sie anarchistische und dekoloniale, feministische Gruppen kennen und schloss sich mit Kunststudierenden vom benachbarten Institut zusammen, um politische und künstlerische Räume für queere Personen zu öffnen und von dort aus auf die Gesellschaft einzuwirken.

Auf die Gesellschaft einwirken Lia García bei der pädagogischen Arbeit (Foto: privat)

Ihre Performances spielen mit Berührung und Poesie. Sie geht zwischen den Anwesenden umher, berührt ihre Gesichter und Arme, schaut ihnen in die Augen, trägt persönliche, emotionale Texte vor, nimmt das Publikum mit auf eine intime Reise in ihr eigenes Inneres und führt sie dabei gleichzeitig mehr zu sich selbst. Nicht selten beginnen einige zu weinen. „Lia hat die Fähigkeit, den Raum, den sie betritt, auf magische Weise zu verwandeln. Ihre Werke sind kraftvoll, tiefgehend und vermitteln starke Emotionen“, erzählt ihre Kollegin und langjährige Freundin Melina Castillo Morales LN im Interview. „Sie hat eine Art zu sein und das Leben zu betrachten an sich, die ansteckt. Mit ihr gibt es keine Oberflächlichkeit, es geht immer voll Intensität in die Tiefe.“

Lia Garcías Performances bringen Dinge zum Ausdruck, die intellektuell schwer vermittelbar sind. Valerie E. Leibold sieht in diesem Fokus auf Affekte und Emotionen in einer Analyse für die Zeitschrift Extravio einen Anstoß zur „kollektiven, dekolonisierenden Transformation“. Indem sie in ihren Per­formances vor allem Gefühle anspricht, entfernt sie die Anwesenden vom analytischen, bewussten Denken, das normalerweise als einzige Quelle legitimen Wissens anerkannt wird, und führt sie hin zu einem affektgeleiteten Erleben der Begegnung.

Die Performances sind dabei so vielfältig wie die Künstlerin selbst. Es gibt keine Eindeutigkeit in ihrer Arbeit, sie soll in der Gesellschaft verankerte Bilder aufbrechen. Risse und Brüche im System zu erzeugen, ist ein Ziel, das sich durch Lias Leben zieht. Daher erzählt sie LN auch gern eine Anekdote ihrer Großmutter Virginia aus Oaxaca: „Sie sagte immer, wenn ein Spiegel zerbräche, müsse ich ihn zusammenfegen und Wasser und Salz darüber schütten, um keine sieben Jahre Unglück auf mich zu ziehen. Doch eines Tages antwortete ich ihr, ich wolle den zerbrochenen Spiegel nicht wegwerfen. Ich mochte es, mich vervielfacht zu sehen, in Teile zerstückelt, denn ich bin viele Dinge, ich bin in einem kontinuierlichen, lebendigen Prozess der Selbsterkenntnis und Dekolonisierung, eine Vielfalt an Möglichkeiten.“

„Ein konstanter Ausnahmezustand“

Lia Garcías Arbeit muss in ihrem spezifischen, regionalen Kontext verstanden werden. Der mexikanische Alltag für eine trans Frau ist einer der konstanten Bedrohung und Gewalt. Das internationale Trans Murder Monitoring-Projekt registrierte im vergangenen Jahr 52 Morde an trans Personen in Mexiko. Auch das Leben von Menschen wie Lia García ist von Diskriminierung und Gewalt geprägt: „Wir trans Frauen leben in einem konstanten Ausnahmezustand“, beklagt sie. Die durchschnittliche Lebenserwartung von trans Frauen in Mexiko liegt laut einem Bericht der Interamerikanischen Menschen­rechtskommission (CIDH) von 2015 bei nur 35 Jahren.

In vielen Bundesstaaten Mexikos gibt es große Fortschritte in Bezug auf Gesetze zu Themen wie der Identitätsanerkennung, Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung oder Diskriminierungsprävention, wie ein weiterer Bericht der CIDH 2018 feststellte. Die gesetzlichen Bedingungen für trans Personen sind in vielen Teilen des Landes besser als noch bis vor kurzem in Deutsch­land. Doch der Wandel in der Gesellschaft schreitet langsamer voran. „Auch wenn der Staat uns mehr Rechte zugesteht, gibt es nach wie vor ein großes Problem der geschlechtsbezogenen Gewalt im Kulturellen“, so die Aktivistin. Trans Frau in Mexiko zu sein bedeutet, dass Trauer, Wut und Schmerz zum Leben dazugehören. Doch Lia lässt nicht zu, dass ihr Leben nur darauf beschränkt wird. Auch dazu passt eine Geschichte ihrer Großmutter Virginia über die Entstehung von Perlen, die Lia in „Durch Meere überleben wir“ nacherzählt: „Perlen, meine Kinder, sind keine Sache von Eleganz. Perlen verstecken ein Geheimnis in sich, das nur die enthüllen können, die wie wir gelernt haben, das Leben mit den Augen voller Wasser zu sehen. Damit eine Perle aus einer Muschel heraus geboren wird, müssen zehn Jahre vergehen. Um die zehn Jahre braucht sie, um die Bakterien, die sich durch ihr zerbrechliches, schwammiges Inneres gebohrt haben, mit Perlmutt zu überziehen, um sie einzukapseln und ihre Wunde in eine Perle zu verwandeln.“ Virginia sammelte als junge Frau Perlen in Puerto Ángel, Oaxaca. Es ist Tradition der Frauen der Familie, Perlen aufzubewahren und weiterzugeben, als Symbol dafür, „dass sie gelernt haben, aus ihrem Schmerz ihren wertvollsten Schatz zu machen.”

Heute trägt auch Lia gerne Perlen, die sie mit ihren Vorfahrinnen und mit dem Meer verbinden. Sie hat sich ihre Weiblichkeit dafür selbst aneignen müssen. Das Verknüpfen von Gefühlen wie Trauer oder Wut mit Zärtlichkeit und Widerstand ist zentraler Aspekt ihrer performativen Arbeit. Sie möchte Menschen Türen öffnen, um sich von den Zwängen patriarchaler Männlichkeitsnormen und der kolonialen Geschlechterbinarität zu befreien. Denn wie an vielen Orten der Welt gab es auch schon im Mexiko vor der Kolonisierung andere Geschlechtskonzepte als die heute dominanten. „Wir (trans Personen) wurden als göttlich betrachtet, doch dann kam die Kolonisierung und alles, was (den Europäeri*nnen) seltsam schien, wurde zur Sünde und musste ausgelöscht werden. Trans Frau zu sein bedeutet, sich in einem konstanten Prozess des Heilens kolonialer Wunden zu befinden“, erklärt Lia. Sie versteht die Gewalt als Teil der kolonial geprägten Gesellschaftsstrukturen, von denen auch cis Männer, die die Mehrheit der Täter bilden, in ihrer Identität beeinflusst sind. Daher arbeitet sie bewusst mit dieser Zielgruppe.

Radikale Zärtlichkeit In Performances tritt Lia García in die Nähe der Zuschauenden (Foto: privat)

Zärtlichkeit ist der Schlüssel ihrer Performances. Ein Gefühl, das für viele cis Männer in Mexiko im Alltag versperrt bleibt und sie verun­sichert – umso mehr, wenn es in Verbindung mit einer trans Frau steht. Auch Lia beobachtet dies in ihrem Leben. „Einen Mann in Verbindung mit Zärtlichkeit zu bringen, kann mich das Leben kosten“, sagt sie. „Die gesellschaftlichen Kosten davon, in Lateinamerika eine trans Frau zu lieben, sind so hoch, dass dieser Mann die Möglichkeit, sich zu verändern, im Keim ersticken muss.“

Dennoch oder vielmehr gerade deshalb bringt Lia ihre Performances auch an Orte wie Polizeischulen und Gefängnisse, Orte, an denen Männlichkeit geprägt und Macht stabilisiert wird. Die Arbeit mit genau den Männern, die oft am gewaltvollsten handeln, insbesondere mit jenen, die zugleich durch koloniale Strukturen marginalisiert werden und entsprechend in Polizei und Gefängnissen überrepräsentiert sind, hält Lia für unabdingbar. „Andere Feministinnen haben sich von dieser Arbeit abgewandt, sie haben uns trans Frauen die Arbeit mit Männlichkeiten überlassen“, kritisiert sie. Doch sie könnten sich das nicht leisten. Oft werden ihre Erfahrungen im Kontext von Feminismen, die durch cis Frauen geprägt sind, nicht ausreichend beachtet oder gar aktiv ausgeschlossen. Doch es gibt Bewegung in die richtige Richtung: „2005 war es noch ungewöhnlich, dass eine trans Frau von sich sagte, sie sei Feministin. Feminismus und der Kampf von trans Personen hatten noch wenig Kontakt miteinander. Mittlerweile finden mehr Gespräche statt.“ Ein Prozess des Lernens und auch einer des Verlernens von Transfeindlichkeit, der noch lange nicht abgeschlossen ist.

Transfeindlichkeit verlernen Ein langwieriger Prozess (Foto: privat)

Lias eigens entwickeltes Konzept radikaler Zärtlichkeit nutzt es aus, dass Überraschung und Emotionen Menschen dazu bewegen können, auch tief verankerte Muster und Denkweisen zu verlernen. Das solle zeigen, dass andere Begegnungen möglich und lohnend sind. Lia bezeichnet diesen Prozess daher als „politische Verfüh­rung“ – ganz nach dem Vorbild der Meerjungfrau, einer von Lias Identitätserweiterungen, wie sie die Figuren, in die sie sich in ihren Performances verwandelt, nennt. Meerjungfrauen sind ambivalente Wesen, die vielen Angst einflößen, da sie mit ihrem Gesang Menschen verzaubern und den Verstand verlieren lassen. Den Verstand zu verlieren in dem Sinne, sich auf Empfindungen einzulassen, die wir gelernt haben abzuwehren, ist genau das Ziel, auf das Lia hinarbeitet.

Weil die Meerjungfrau und die Braut im Hochzeitskleid zwei Figuren sind, die seit vielen Jahren Teil ihres Repertoires sind, ist Lia García auch als la novia sirena („die Meerjungfraubraut“) bekannt. Ihre Figuren sind Teil populärer Rituale wie das Feiern des 15. Geburtstags einer jungen Frau (Quinceañera) oder die Hochzeit. Wenn sie sich diese Figuren aneignet, knüpft sie einerseits an allgemein verbreitete emotionale Verbindungen zu bestimmten Bildern an, um Gefühle von Gemeinschaft und Liebe anzusprechen. Andererseits destabilisiert sie die normative Bedeutung dieser Bilder indem sie als trans Frau sich das entsprechende Kleid anzieht und die anwesenden Personen ihre eigenen Annahmen hinterfragen lässt. „Wenn eine trans Person in einem Kontext wie diesem umarmt wird, geliebt wird, gewollt wird, ist das sehr kraftvoll“, berichtet sie, „ich wollte schon immer angeschaut werden, gesehen werden, das Gefühl haben, dass alle Blicke auf mir ruhen wie auf einer Braut. Angeschaut und erkannt zu werden ist in dieser Gesellschaft ein Risiko, und gleichzeitig ist es ein politischer Akt zu sagen, „ich existiere, hier bin ich!“ So erfüllt sich Lia durch ihre Performances Wünsche, die ihr ansonsten durch gesellschaftliche Normen verwehrt bleiben und verhilft sich zu etwas Gerechtigkeit.

Eine starke Abgrenzung zwischen Arbeit und Alltag spüre sie jedoch nicht: „Wenn ich meine Performances vorführe, schlüpfe ich in keine Rolle, das bin komplett ich“. Nicht nur ihre Identitätserweiterungen begleiten sie konstant: „Die Zärtlichkeit hat mir geholfen, zu überleben, denn ich muss kontinuierlich mit den Blicken, Beleidigungen und Spekulationen zurechtkommen. Zwischen anderen und mir über meine Emotionen Verbindung herzustellen und ihnen dabei die ihren zu spiegeln ist Basis meines alltäglichen Überlebens. Schon den Busfahrer nett zu grüßen, stellt einen Bruch mit den Erwartungen der Leute dar. Den eindringlichen Blick einer Person in der Öffentlichkeit zu erwidern, verändert das ganze Narrativ. Die andere Person stellt sich durch mich infrage, anstatt nur mich infrage zu stellen.“ So viel Haltung in unangenehmen und potenziell gefährlichen Situationen aufzubringen, erfordert viel Kraft und ist auch mit Müdigkeit und Einsamkeit verbunden. Zärtlichkeit prägt jedoch auch Lias Umgang mit sich selbst. „Ich umarme die ganze Bandbreite dieser Gefühle“, sagt sie, „ich leiste auch dadurch Widerstand, dass ich heile, und heile dadurch, dass ich weiter Widerstand leiste“.

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