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Umbruch, Übergang und Wandel

Eigentlich eine gute Nachricht: Auf der diesjährigen Berlinale gibt es so viele Weltpremieren von lateinamerikanischen Filmen wie selten. Da die Rezensionen der Filme jedoch erst nach der Weltpremiere erscheinen können, wurde der diesjährige Berlinale-Schwerpunkt der LN leider kürzer als sonst.
Umbruch, Übergang und Wandel lautet das Motto in der Festival-Sektion Forum 2013, das sich sowohl auf die Gesellschaft als auch auf das Individuum bezieht. Hier ist zum Beispiel die Weltpremiere Matar extraños (Mexiko/Dänemark) von Jacob Secher Schulsinger und Nicolás Pereda zu sehen. Am Beispiel der mexikanischen Revolution will dieser Film die Inszeniertheit jeder filmischen Geschichtserzählung deutlich machen. Ebenfalls eine Weltpremiere ist La Paz (Argentinien) von Santiago Loza. Der Streifen handelt von einem jungen Mann, der nach der Entlassung aus der Psychatrie und der Rückkehr ins Elternhaus versucht, sich wieder in den Alltag einzuleben. Beinah erstickt von der Liebe seiner Mutter, sucht er Halt bei seiner Großmutter und der bolivianischen Haushälterin. Für Kunstliebhaber dürfte Hélio Oiticica (Brasilien) von Cesar Oiticica Filho ein besonderer Leckerbissen sein. Aus Archivmaterial, Tonspuren und Musik stellt der Neffe des 1980 verstorbenen brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica eine beeindruckende visuelle Collage zusammen.
Im Wettbewerb wird 2013 nur eine Koproduktion aus Lateinamerika gezeigt: Gloria (Chile/Spanien) unter der Regie von Sebastián Lelio (La Sagrada Familia, Navidad, El año del tigre) mit Paulina García und Sergio Hernández. In dem Film geht es um die 52-jährige Gloria und ihre Suche nach Liebe und Zärtlichkeit im Alter.
„Wir-Gefühle in der Ich-Gesellschaft“ präsentiert die Kinder- und Jugendfilmsektion Generation. In Princesas Rojas (Costa Rica/Venezuela) von Laura Astorga Carrera flüchten Claudia und ihre Schwester mit den Eltern, sandinistischen Aktivist_innen, vor den Unruhen in Nicaragua ins benachbarte Costa Rica. Immer unterwegs, führen die Mädchen ein unbeständiges Leben. Und ihre Familie kommt nicht zur Ruhe. In AninA (Uruguay/Kolumbien) von Alfredo Soderguit erhält ein Mädchen als Strafe für eine Pausenhofrangelei einen mysteriösen Brief. Der Animationsfilm erzählt in reicher Bildsprache von Freundschaften, Kinderängsten und ersten leisen Liebesgefühlen. La Eterna Noche de las Doce Lunas (Kolumbien) von Priscila Padilla Farfan widmet sich der indigenen Gemeinschaft der Wayuu, wo Mädchen vor der Pubertät für zwölf Monde abgeschottet werden. In dokumentarischer Qualität erzählt der Film, wie sich die junge Pili auf ihre Rolle als Frau vorbereitet.
Die Sektion Panorama spannt in diesem Jahr einen weiten Bogen: Deshora (Argentinien/Kolumbien/Norwegen) von Barbara Sarasola-Day erzählt die Geschichte von Ernesto und Helena, die fernab der Großstadt im Gebirgsdschungel des Nordwestens von Argentinien wohnen. Ihre Ehe wird erst mit der Ankunft von Helenas Cousin Joaquín belebt, der nach einem Drogenentzug von seiner Mutter zu ihnen geschickt wird. Ebenfalls eine Weltpremiere ist Workers (Mexiko/Deutschland) von José Luis Valle González. Der Film zeigt auf durchaus humorvolle Weise die Ungerechtigkeiten, denen Arbeiter_innen in Mexiko ausgesetzt sind. Zwei von ihnen finden einen Ausweg: Rafael, der seit 30 Jahren in einer Glühbirnenfabrik putzt, und Lidia, eine von sieben Hausangestellten bei einer reichen Mexikanerin, deren ganzes Leben sich nur noch um ihren Hund „Princesa“ dreht. Das Coming-of-age-Debüt Tanta Agua (Uruguay/Mexiko/Niederlande/Deutschland) von Ana Guevara Pose und Leticia Jorge Romero ist die Momentaufnahme einer Familie, deren Mitglieder zwar in unterschiedlichen Lebensphasen stecken, Unsicherheit und Verzweiflung aber ganz ähnlich erleben. Die vierzehnjährige Lucía muss mit ihrem kleinen Bruder und dem von der Mutter geschiedenen Vater eine Woche Urlaub in einem verregneten Ferienort verbringen. Hin- und hergerissen zwischen ihrer Rolle als Kind und als Teenager erlebt sie eine unglückliche erste Liebe. In Habi, la extranjera (Argentinien/Brasilien) von María Folerencia Alvaréz fährt Analía im Auftrag ihrer Mutter nach Buenos Aires. Bald soll sie aufs Land zurückkehren und den Friseurladen der Familie übernehmen. Doch eine Adressverwechselung führt sie zu einer muslimischen Gemeinde, und von der neuen fremden Welt gebannt, beschließt sie kurzerhand, die Rolle einer anderen Person zu übernehmen. Zum ersten Mal öffentlich wird auch Narco Cultura (USA) von Shaul Schwarz gezeigt. Er widmet sich der Musik, die die mexikanischen Drogenbosse, die narcos, verherrlicht und bietet einen verstörenden Einblick in eine Region, in der die Friedhöfe prächtiger sind als die Städte.
Auch das Kulinarische Kino zeigt als einen von 16 Filmen über Essen und Umwelt einen lateinamerikanischen Film. In Perú sabe: La cocina, arma social wird die von Ferran Adrià und Gastón Acurio gegründete Kochschule und die Kochbegeisterung der peruanischen Jugend vorgestellt. Anschließend bereitet Kolja Kleeberg mit Berliner Kochauszubildenden ein peruanisch inspiriertes Menü zu.

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