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“Und doch ist es, als hätte ich nie etwas gesagt”

Diesen Roman zu lesen, bedeutet zuzuhören. Viele Passagen lang einfach zuzuhören, als säße man direkt diesem Mann gegenüber, der einem sein Leben erzählt. Mal fühlt es sich dabei an, als taste er mit forschendem Blick das Gesicht seines Gegenübers ab, mal, als wende er den Kopf scheu zu Boden. Mal, als sitze er ganz in seine Erinnerungen und Gedankengänge gekehrt oder im Zwiegespräch mit einem seiner Geschwister. Gustavo Ferreira, Ich-Erzähler und Protagonist des zweiten auf Deutsch erschienenen Romans von Beatriz Bracher, kommt gleich auf der ersten Seite des Buches zum Kern seiner Geschichte. Zwei Tage, nachdem er im Gefängnis gefoltert wurde, hätten die Militärs seinen Freund Armando, einen Revolutionär und Widerstandskämpfer, getötet, obwohl er ihn nicht denunziert habe. Seit diesem Ereignis begleitet ihn die Frage nach seiner Schuld. Sie steht im Raum, zwischen ihm und den ihm nahestehenden Menschen. Nur spricht niemand darüber.
Eine junge Frau, die einen Roman über die Zeit der Militärdiktatur schreiben will, bittet Gustavo um ein persönliches Interview. Er ist hin- und hergerissen: „Über das, was ich schon vergessen habe, möchte ich nicht sprechen.“ Doch im Buch spricht Gustavo zu uns. 64 Jahre alt, steht er kurz vor seiner Pensionierung. Bislang bewohnte er das ehemalige Elternhaus in São Paulo, nun will er ins kleine São Carlos ziehen. Wir blicken ihm beim Durchstöbern von Dokumenten im alten Haus über die Schulter. Die Vergangenheit lebt wieder auf. Wir hören von verstorbenen Familienmitgliedern. Kurz nach Gustavos Freilassung aus dem Foltergefängnis erliegt seine Frau Eliana, die Schwester des getöteten Freundes Armando, im Pariser Exil einer Lungenentzündung. Die Mutter Armandos nimmt sich das Leben, Gustavos Vater stirbt an einem Schlaganfall. Gustavo stürzt sich in die Arbeit. Nach Jahrzehnten der Verdrängung, im „Zwischenakt des Lebens“, den der Umzug und der Eintritt in den Ruhestand bedeuten, spürt er wieder die Bürde der falschen Verdächtigung. Sie drängt sich in seinen Bewusstseinsstrom.
Nicht chronologisch, nicht thematisch geordnet, sondern sprunghaft und assoziativ vermischt der Ich-Erzähler Erinnertes mit aktuellen Ereignissen. Nicht nur der Werdegang seiner Familienangehörigen fügt sich Stück für Stück zu einem Ganzen, dazwischen berichtet der ehemalige Schuldirektor und Ausbilder für Lehrer aus seinem Berufsalltag und vom Leben mit der Diktatur. Dazu unterbrechen regelmäßig Textpassagen verschiedenster Genres seinen Monolog. Oft sind es literarische Zitate, fiktive wie reale, auf die der Ich-Erzähler kommentierend Bezug nimmt.
Ohne Kapiteleinteilung und visuell wie inhaltlich collageartig zusammengefügt, erfordert Beatriz Brachers Roman Aufmerksamkeit und etwas Geduld beim Lesen. Die Anmerkungen der Übersetzerin zu Zitaten, Namen und Begriffen am Ende des Buches liefern dafür hilfreiche Erläuterungen. Es ist indes die gewählte Erzählform, die eine besondere Nähe zur Figur des Protagonisten schafft, seine Biographie in all ihren Facetten greifbar macht. Und sicher gibt Die Verdächtigung über den brasilianischen Kontext hinaus ein Beispiel, welch dramatischen Einfluss ein diktatorisches System auf ein persönliches Leben nehmen kann.

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