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“Ureinwohner gab es nicht”

Nun war es also raus. Im historischen Jahr des 500. Jahrestag der Conquista legte Calderón ein Geschichtswissen an den Tag, vor dem als Historiker promovierte Staatsoberhäupter anderer Länder erblassen könnten. Merkwürdig nur, daß besagte Ausführungen dann im Lande selbst auf heftigen Widerspruch stießen – und vor allem bei Costa Ricas UreinwohnerInnen machte sich Unmut breit.
Natürlich klärte sich dann alles als Mißverständnis auf. Er hatte es ja gar nicht so gesagt und ganz anders gemeint, und er sei falsch interpretiert worden. Auch wenn es wohl niemals völlig geklärt werden wird, ob Calderón tatsächlich eine derartige Äußerung gemacht hatte – ins Bild gepaßt hätte es allemal. In absolutem Kontrast zum Bild des demokratischen Landes wurden die Indígenas im Laufe der Geschichte in Costa Rica ebenso unterdrückt wie in anderen Staaten, und sollte der überwiegende Teil der weißen Bevölkerungsmehrheit auch nicht die Existenz der costaricanischen UreinwohnerInnen bestreiten, so darf getrost unterstellt werden, daß deren Lebenssituation nur den wenigsten bekannt ist.
Etwa 30.000 Indígenas leben in Costa Rica, was einem Anteil von einem Prozent an der Gesamtbevölkerung entspricht. Sie leben in 22 gesetzlich geschützten Reservaten von 320.650 Hektar Fläche, d.h. ungefähr sechs Prozent des Nationalterritoriums. Diese Zahl muß jedoch relativiert werden, da einige der Reservate in der Realität zu 90 Prozent von Nichtindígenas genutzt werden; es wird geschätzt, daß die Indígenas nur etwa 60 Prozent der Reservatsflächen tatsächlich für sich in Anspruch nehmen können. Die acht in Costa Rica vertretenen Völker sind die BriBris, Cabécares, Guaymíes, Malekus (Guatusos), Térrabas (Teribes), Borucas, Huetares und Chorotegas.

Geschichtlicher Überblick

Die Spanier, die ab 1502 das Land erreichten, trafen auf ein schätzungsweise von 400.000 Personen bewohntes Gebiet. Für die indigenen Völker Costa Ricas hatte diese Ankunft ebenso katastrophale Auswirkungen wie für die BewohnerInnen anderer amerikanischer Länder: Von Raubzügen der spanischen Eroberer, Zwangschristianisierungen und Tributeintreibungen bis zu großflächig praktizierten gewaltsamen Umsiedlungen der Indígenas ins von den Eindringlingen als ideales Wohngebiet ausgewählte, jedoch nur kärglich besiedelte Valle Central. Die hier lebenden Huetares wurden als Arbeitskräfte benutzt, wobei besonders das von der Krone bereits 1542 offiziell verbotene “Encomienda”-System (hierbei überwacht der Conquistador die “Evangelisation” der Indígenas und hat dadurch Anspruch auf deren Arbeitskraft und Tributzahlungen) oft angewendet wurde – und zwar erst ab 1569, also 27 Jahre nach dem königlichen Verbot. Die ständige Unterdrückung führte nahezu zu einer Auslöschung des Volkes der Huetar. Nur noch wenige ihrer Nachkommen leben heute im Land, die alten Traditionen sind größtenteils vergessen. Ein ähnliches Schicksal ereilte die Chorotegas, die im Nordwesten des mittelamerikanischen Landes angesiedelt waren.

Widerstand gegen die Spanier

Die undurchdringlichen, regenreichen Urwaldgebiete von Chirrippó im Osten des Landes dagegen erschwerten das Vordringen der Conquistadoren und ermöglichten es ihren BewohnerInnen, weite Teile ihrer Kultur zu bewahren. Auf die härteste Gegenwehr allerdings stießen die Spanier in Talamanca.
Trotz der gewaltigen Rückschläge wurden immer neue Anstrengungen unternommen, weiter in das von BriBri und Cabécar bewohnte Gebiet vorzudringen, als es die außerhalb liegenden Missionar- und Militärstationen zuließen. Erklärbar ist dies nur durch die irrige Annahme der Spanier, ausgerechnet in diesem unzugänglichen Stück Land jene Reichtümer finden zu können, die schon Cristóbal Colón veranlaßt hatten, das Land “Costa Rica” zu nennen.
Die Männer und Frauen Talamancas machten alle Versuche der Europäer zunichte. Santiago de Talamanca, die einzige jemals von den Spaniern in Talamanca errichtete Stadt, fiel im Jahre 1610 nach nur fünfjährigem Bestehen. Als herausragendes Ereignis in der Geschichte des Widerstands der Indígenas gilt der Aufstand unter Pablo Presbere im Jahre 1709, bei dem sämtliche Missionarstationen und Militärbasen im Gebiet zerstört wurden, und der von Talamanca aus auch auf andere Regionen des Landes übergriff. Die Gegenwehr der Talamanqueños ging so weit, daß die eigenen Felder und Vorräte verbrannt wurden, wenn ein Rückzug unvermeidlich erschien.
1821 erlangte Costa Rica im Zuge der Loslösung Zentralamerikas von Spanien ohne eigenes Hinzutun die Unabhängigkeit. Von diesem Zeitpunkt an führte die wirtschaftliche Entwicklung zu der verschärften Herausbildung sozialer Klassenunterschiede, wozu vor allem der Kaffeeanbau beitrug. Für die Indígena-Bevölkerung bedeutete dies konkret den Verlust weiteren Landes, das Kaffeeplantagen weichen mußte.

Eindringling United Fruit

Die Tatsache, daß zum Ende des 19. Jahrhunderts auch die Talamanca-BewohnerInnen die Tür für die Spanier öffneten, ist mit der Wahl des Kleineren von zwei Übeln zu erklären. Zermürbt von Zweifrontenkämpfen einerseits gegen die Conquistadoren, andererseits gegen feindliche Völker, vor allem die “Zambos-Mosquitos” aus Nicaragua, akzeptierten sie die Hegemonie des Staates und ließen Expeditionen in ihr Gebiet zu.
Noch stärkere Auswirkungen für die UreinwohnerInnen als der Kaffee sollte der Bananenanbau mit sich bringen. Als Gegenleistung für die Finanzierung des Baus einer Eisenbahnlinie zur Atlantikküste und die Begleichung costaricanischer Auslandsschulden erhielt der US-Amerikaner Minor Keith 1884 große Landgebiete im Tal von Talamanca übereignet. Dies war der Beginn der Zeit der United Fruit Company (UFCO) bzw. ihrer Tochterfirma Chiriqui Land Company in Costa Rica. Der Bananenanbau verdrängte die Indígenas in die abgelegenen Bergregionen und brachte das gesamte soziale Gefüge in Talamanca durcheinander. Als die UFCO sich nach 30jähriger Präsenz aufgrund des “Panamá-Virus” aus Talamanca zurückzog, kehrten die früheren BewohnerInnen in ein ausgelaugtes, ökologisch schwer geschädigtes Land zurück.
Gerade in Talamanca sollten damit die Versuche Dritter, Profit aus den Böden zu schlagen, noch lange nicht beendet sein – auch in späteren Zeiten, als Gesetze solche Unternehmungen bereits verboten hatten, kam es immer wieder zu Okkupationsbestrebungen.

Erste Gesetze über das “brachliegende” Land

1939 hatte ein Gesetz erstmals die “brachliegenden Regionen” – gemeint sind die von den Indígenas bewohnten Gebiete – als “unveräußerlich” erklärt. 1956 entstanden die ersten vom Staat bestimmten drei Reservate; als 1961 ein Gesetz jene Territorien als ausschließlich den UreinwohnerInnen gehörend bestimmte, wurde den in anderen Gebieten lebenden Indígenas damit automatisch das Recht an ihrem Land abgesprochen, das zum Staatseigentum erklärt wurde. Im Laufe der Zeit entstanden weitere Reservate, die jedoch immer wieder beschnitten und zerstückelt wurden, was einen traurigen Höhepunkt 1982 in der Auflösung des seit Jahren bestehenden Reservates China Kicha fand.
Andere Gesetze fügten sich in das Bild nahtlos ein. 1973 war das Geburtsjahr der Comisión Nacional de Asuntos Indígenas (CONAI). Zum einen bedeutete dies einen klaren Affront gegen die Selbstbestimmung der Völker, da sie laut Gesetzestext “in den allgemeinen Entwicklungsprozeß eingeordnet werden” sollten; zum anderen setzte sich CONAI aus Weißen zusammen, die im Laufe der Jahre nicht durch Projekte, sondern durch Unfähigkeit und Korruption von sich reden machten.

Bedrohung von außen

1977 erklärte das “Indígena-Gesetz” die Reservate für exklusives, unveräußerliches Eigentum der Gemeinden und stellte die Gebiete ausdrücklich als Co-Eigentum von Staat und Indígenas dar. Als künstliche repräsentative Organe wurden die Asociaciones de Desarrollo Integral (ADI) geschaffen, um die Rechte der BewohnerInnen gegenüber Interessenten an Erforschung und Ausbeutung der Böden zu verteidigen. Trotzdem führte die staatliche Ölförderungsgesellschaft RECOPE ab 1980 Erforschungen in der Region Talamanca durch, was allgemein mit Bestechung der Menschen in den ADI erklärt wird.
1981 schließlich wurde der “Código de Minería” verabschiedet, ein Gesetz, das die im “Ley Indígena” festgelegte Miteigentümerschaft der Indígenas an dem von ihnen bewohnten Land handstreichartig abschaffte – ab sofort mußte ein Antrag von der Asemblea Legislativa des Landes in ein Spezialgesetz umgearbeitet werden, um die Förderung von Bodenschätzen zu genehmigen; die Interessen der Indígenas sollten lediglich “berücksichtigt” werden.
Einmalig in der Geschichte des Landes war die Definition des im Süden lebenden Volkes der Guaymí als AusländerInnen – obgleich letztere seit Jahrhunderten auf costaricanischem Boden wohnen, mußten sie sich plötzlich langwierigen bürokratischen Prozessen unterziehen, um die costaricanische Staatsangehörigkeit zu erhalten. 1991 wurde dieser historische Fehler von einem weiteren Gesetz korrigiert.
1992 unterzeichnete Präsident Calderón das Abkommen 169 der Vereinten Nationen, das den Schutz der indigenen Völker über die nationalen Rechte stellt. Ausdrücklich wird dort in einem der Artikel bestimmt, daß der Staat die Gebiete der Indígenas schützen und diese vor Konzessionen an Mineros konsultieren muß.

Aktuelle Situation

Wenn etwas den Indígenas in Costa Rica Hoffnung geben kann, so ist es ihr eigenes Engagement. Längst gibt es Organisationen, die nicht von außen her gesteuert werden und die den Anspruch auf Selbstbestimmung untermauern. Im Vordergrund stehen hierbei landwirtschaftliche Projekte zur Selbstversorgung und zur Ausfuhr sowie Bildungsprogramme.
Kein einfacher Prozeß: Unterschiedliche Strukturen in den einzelnen Reservaten erschweren eine breite Zusammenarbeit. Am weitesten sind die aufgrund ihrer Geschichte mit dem größten Selbstbewußtsein und einer vollständig bewahrten Kultur lebenden BewohnerInnen von Talamanca, die ihre Politik durch Organisationen wie SOSWAK oder CODEBRIWAK vertreten. Konflikte zwischen Talamanca-Indígenas und der Organisation SEJEKTÖ (La Voz del Indio), die seit Mitte der achtziger Jahre versucht, über verschiedene Unterorganisationen eine Kooperation aller Indígena-Völker zu erreichen, sind jedoch ein offenes Geheimnis.
Die Durchführung von Projekten gestaltet sich besonders schwer in Gebieten wie Chirrippó, wo sich die schlechte Infrastruktur sowie Einflüsse Dritter wie der Kirche oder ausländischer Gruppen stärker bemerkbar machen. Wenn in den Dörfern der Cabécar, wo das letzte Haus oft einen Tagesmarsch entfernt liegt, fremde Kräfte einen Keil zwischen die Indígenas treiben, ist es kaum möglich, daß alle an einem Strang ziehen. Und gerade hier ist die Armut groß, leiden vor allem Kinder unter der unzureichenden Ernährung und sind medizinische Versorgungsstationen oftmals nur nach mehreren Stunden Fußweg erreichbar.

Quelle: Guevara Berger, Marcos/Chacón Castro, Rubén: Territorios Indios en Costa Rica: Orígenes, Situación Actual y Perspectivas; Costa Rica 1992

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