Nummer 620 - Februar 2026 | Venezuela

In Zeiten von Druck und Krise Zeit gewinnen

Der Politologe Omar Vázquez Heredia spricht über den US-Militärangriff und die Situation in Venezuela nach dem 3. Januar

Seit dem 3. Januar hat sich im Land viel verändert, und gleichzeitig ist vieles gleich geblieben. Der Politologe Omar Vázquez Heredia spricht über den Angriff, seine Auswirkungen und die Regierung unter Delcy Rodríguez.

Interview von John Mark Shorack
Foto: Cacica Honta

Wie hast du den US-Angriff am 3. Januar in Caracas erlebt?
Das Bombardement weckte meine Partnerin und mich auf. Wir hörten ein Kratzen an den Fenstern und sahen ein Licht wie eine Stichflamme, die das ganze Zimmer erhellte. Wir sprangen abrupt auf, geschockt und unsicher, ob wir rausgehen oder drinnen bleiben sollten. Wir hörten das laute Brummen der Flugzeuge. In dem Moment, als der US-Militärangriff stattfand, war mir nicht bewusst, dass es sich nur um einen einzelnen Vorfall handeln würde. Stell dir vor, du erlebst so etwas nur ein einziges Mal, während die Palästinenser es jeden Tag erleben. Zu leben in dem Bewusstsein, dass dir jederzeit eine Bombe auf den Kopf fallen kann.

Wie hat sich Caracas seit den ersten Tagen bis heute verändert?
Diese Phase der echten Erschütterung dauerte nur zwei bis drei Tage. Der Angriff fand am Samstagmorgen statt. In meiner Gegend gab es keinen Strom. In vielen Läden machten Menschen nervös ihre Einkäufe. An manchen Orten wurde nur Bargeld in Dollar akzeptiert. In dieser ersten Woche waren die Straßen noch relativ leer.
Die Regierung hat es geschafft, ab dem 12. Januar eine zynische Normalität wiederherzustellen, indem sie darauf drängte, dass an diesem Tag der Unterricht an den Universitäten sowie im gesamten Bildungssystem wieder beginnt und alle Ministerien und öffentlichen Einrichtungen aktiviert werden. Es ist eine zynische Normalität, denn die Bevölkerung lebt seit mindestens 2013 in einer permanenten Ausnahmesituation. Um kognitive Dissonanz zu vermeiden, konstruiert die Bevölkerung eine innere Normalitätserzählung.
Es ist sehr schwierig, in dem Bewusstsein zu leben, einem möglichen weiteren Militärangriff, einem internen militärischen Konflikt zwischen verschiedenen Fraktionen des Chavismus oder vor allem staatlicher Unterdrückung ausgeliefert zu sein. In diesem Rahmen konstruiert sich die Bevölkerung eine Pseudo-Normalität, und genau darauf zielt auch die Regierung von Delcy Rodríguez ab.

Gibt es eine starke militärische und polizeiliche Präsenz auf den Straßen?
Am Samstag, dem 3. Januar, war kein einziger Polizist auf der Straße zu sehen. Der Schock traf auch den Staatsapparat. Am Sonntag zeigten sich erste Polizisten und bewaffnete Gruppen, doch das Militär blieb noch mehrere Tage in den Kasernen. Derzeit gibt es eine massive Militär- und Polizeipräsenz auf den Straßen, ähnlich wie nach den Wahlen vom 28. Juli 2024, sogar noch schlimmer.

US-Präsident Trump kündigte an, dass er vorhabe in Venezuela zu regieren. Delcy Rodríguez übernahm ihrerseits die Präsident­schaft in Venezuela und präsentierte sich als Person, die das Geschehen unter Kontrolle hat. Wie analysierst du die Machtverhältnisse in Venezuela?
Derzeit setzt die Regierung von Delcy Rodríguez ihre seit einiger Zeit verfolgte politische Linie fort: Es handelt sich um eine pragmatische Linie, die mit Rhetorik und technokratischen Gesten umhüllt ist. Der Chavismus macht Zugeständnisse gegenüber Trump, wo es nötig ist, und bei Aspekten, die ihm selbst nützen, wie dem Verkauf von Öl ohne Sanktionsverluste. Sie stellen das Abkommen mit den Vereinigten Staaten als eine autonome Entscheidung dar und sagen: „Wir verkaufen Öl. Wir wollten schon immer Öl an die Vereinigten Staaten verkaufen.“ Vor dem Angriff musste ein Großteil des Öls an China geliefert werden, nur um die Schulden zu bezahlen. Dieses wurde offenbar an russische Tanker geliefert, die aufgrund der Sanktionen einen Preisnachlass erhielten.

In welcher anderen Form hat die Regierung Delcy Rodríguez nachgegeben und was könnte ihr Plan sein?
Die Regierung stimmte außerdem der Freilassung einer Gruppe politischer Gefangener zu und hilft Trump damit, Erfolge in Venezuela vorzuweisen. Aber die Freilassung der Gefangenen macht nicht einmal die Hälfte der inhaftierten Personen aus. Es bleiben über 800 politische Gefangene inhaftiert, darunter Juan Pablo Guanipa. In Venezuela ist er nach María Corina Machado der Oppositionsführer mit dem größten politischen Profil und dem stärksten Rückhalt in der Bevölkerung, da er sie in ihrer gesamten Strategie begleitet hat.
Ohne die These einer Vormundschaft vollständig zu verwerfen, da sie eine Möglichkeit darstellt, kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass die chavistische Führung Trump einige Zugeständnisse macht, während sie zugleich dadurch Zeit gewinnt, um die Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten im November dieses Jahres abzuwarten. Eine Niederlage von Trumps Partei könnte eine innenpolitische Umstrukturierung ermöglichen. Die Regierung weiß, dass sie trotz ihrer Differenzen gemeinsam eher in der Lage sind, dem Druck von außen und innen standzuhalten. Ihr oberstes Gebot ist es, in Zeiten von Druck und Krisen Zeit zu gewinnen.

Wie haben sich Wirtschaft und Kaufkraft der Menschen seit dem 3. Januar entwickelt?
Eigentlich ist nur der Dollarkurs gesunken. Der Parallelkurs ist von 900 Bolívares pro Dollar auf 400 gefallen. Wenn der Parallelkurs so bleibt wie derzeit, werden die Verkäufer gezwungen sein, die Preise für ihre Waren zu senken. Im Moment ist dieser Effekt am Markt jedoch noch nicht zu beobachten. Symbolisch gesehen ist der Wechselkurs für ein Land wie das unsere jedoch wichtig. Die Menschen haben dann das Gefühl, dass sich die Lage verbessert.

Wer ist Delcy Rodríguez und wie verlief ihre politische Laufbahn?
Delcy Rodríguez und Nicolás Maduro kennen sich seit ihrer Jugend, denn sie waren Mitglieder derselben Partei, der Liga Socialista (Sozialistisch Liga). Ich glaube nicht, dass sie gleichzeitig in der Partei waren, denn Nicolás Maduro ist vorher ausgetreten, aber sie haben diese Verbindung. Die Liga Socialista wurde von Delcy Rodríguez’ Vater gegründet, doch sie selbst hielt sich eher vom politischen Aktivismus fern. Sie hat sich zwar in manchen Bereichen engagiert, aber eher in technokratischer Funktion. Die Beziehung zu Chávez war sehr distanziert und angespannt. 2006 war sie kurzzeitig Ministerin im Sekretariat, da sie sich heftig mit Hugo Chávez angelegt hatte. Bis 2013 hatte sie keine hochrangige Position inne. Als Maduro 2013 Präsident wurde, erhielt sie wichtige Ämter, zunächst im Kommunikationsministerium und später im Außenministerium. Sie präsentiert sich als sehr pragmatisch und war die treibende Kraft hinter den neoliberalen Maßnahmen, die Maduros Regierung seit August 2018 umgesetzt hat und von denen die lokale Unternehmerschaft und die hohe Staatsbürokratie profitierten. So ist Delcy Rodríguez die Ansprechpart­nerin des transnationalen Ölkapitals, insbesondere von Chevron, sowie der gesamten venezolanischen Bourgeoisie.

Omar Vázquez Heredia (Foto: Privat)

OMAR VÁZQUEZ HEREDIA ist Doktor der Sozialwissenschaften der Universität Buenos Aires (UBA) sowie Politologe der Zentraluniversität von Venezuela (UCV). Derzeit ist er Professor der Abteilung Lateinamerika an der Fakultät für Soziologie der UCV sowie Forscher am Institut für fortgeschrittene Studien in Venezuela. Als Dramatiker gewann er Literaturwettbewerbe für unveröffentlichte Autor*innen vom Verlag Monte Ávila Editores und Cruzando Fronteras für seine Werke „Un reencuentro en el Estadio Universitario“ (Ein Wiedersehen im Universitätsstation) und „Y llegó un gato a sus vidas“ (Und dann kam eine Katze in ihr Leben).


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