Berlinale

Vampire im Keller, Tauben auf dem Dach

Die lateinamerikanischen Kurzfilme der 76. Berlinale boten starke Bilder aus unterschiedlichen Lebenswelten

7 Kurzfilme aus Lateinamerika haben es auf die Berlinale 2026 geschafft. Die meisten von ihnen konnten überzeugen. Die folgenden Kurzkritiken sind absteigend nach der besten Bewertung geordnet:

Von Dominik Zimmer

La hora de irse

Mit Sicherheit das Highlight der diesjährigen lateinamerikanischen Kurzfilme auf der Berlinale. Was zunächst als ganz normales queeres Online-Date beginnt, entwickelt sich schnell zu einem skurrilen Vampir-Exploitation-Stück mit treffsicherem Sinn für abgründigen Witz. „Patricio arbeitet für seine Schwestern“, heißt es harmlos in der Berlinale-Kurzbeschreibung von La hora de irse (Time to go). Im Film sieht das so aus: Er lebt mit seinen Schwestern im Keller eines Hauses in Argentinien in einem Vampir-Matriarchat. Dort ist er quasi rechtlos und für die Beschaffung von Blut zuständig – obwohl ihm dieser Job eigentlich zuwider ist. Dazu muss er Wut und Spott seiner Schwestern ertragen, wenn er mal wieder „schlechte Qualität“ (also die falsche Blutgruppe) nach Hause gebracht hat. Kein Wunder, dass er mit dem Gedanken spielt, seine Arbeit früher oder später zu kündigen…

Da Regisseur Renzo Cozza für seine originelle Story auch noch schöne Bilder gefunden hat, überrascht es, dass diese Kurzfilm-Perle das Festival ohne Preis verlassen musste. Als kleines Trostpflaster gibt es immerhin von LN die Höchstnote für La hora de irse.

La hora de irse, Argentinien 2026, 20 Minuten, Berlinale-Sektion Shorts, Regie: Renzo Cozza
LN-Bewertung: 5/5 Lamas

Foto: Allá en el cielo | Nobody Knows the World

Allá en el cielo

Der zweite herausragende lateinamerikanische Kurzfilm der diesjährigen Berlinale spielt am Stadtrand von Lima. Der mehrdeutige Titel Allá en el cielo (Deutsch: Dort oben im Himmel) erinnert an ein bekanntes Lied des ecuadorianischen Sängers Julio Jaramillo. Protagonisten sind der elfjährige Chito und sein älterer Bruder Rockio. Rockio ist Drogenkurier, die Ware verschickt er mit Brieftauben, um die sich Chito auf dem Dach ihres Hauses kümmert. Als legale Tarnung verkaufen die beiden in der Nähe des Friedhofs Blumen – eine sichere Einnahmequelle, denn die Machtkämpfe der Narco-Gruppen fordern häufige Todesopfer und Begräbnisse sind an der Tagesordnung. Als dann Rockio ermordet wird, will Chito zunächst Rache für seinen Bruder nehmen. Doch am Ende schafft er es, dem Kreislauf der Gewalt zu entrinnen.

Dem peruanischen Regisseur Roddy Dextre gelingt mit Allá en el cielo ein realistischer und ergreifender Blick auf die Rolle von Kindern und Jugendlichen im Drogenhandel. Die Bilder von den Dachterrassen der unverputzten Lehmhäuser bleiben ebenso im Gedächtnis haften, wie die Rituale und Parolen der Jugendlichen bei der Beerdigung ihrer wie Märtyrer gefeierten Gruppenmitglieder.  Stark auch das Bild der in Käfigen gehaltenen Tauben, die schließlich aber doch noch zum Symbol der Befreiung werden. Allá en el cielo erhielt bei der Verleihung der Gläsernen Bären für die besten Jugend-Kurzfilme zu Recht eine lobende Erwähnung.

Allá en el cielo, Peru 2026, Berlinale-Sektion Generation 14plus, Regie: Roddy Dextre
LN-Bewertung: 5/5 Lamas

Floresta do fim do mundo

Suely ist eine Indigene Frau, die in einer brasilianischen Großstadt als Müllwerkerin arbeitet. In ihren monotonen Alltag, der vor allem aus dem Sortieren von Plastikabfällen besteht, schleichen sich immer mehr Tagträume ein. Träume, in denen sie sich in der Wildnis befindet oder sich selbst in eine Pflanze zu verwandeln scheint. In einer Bar begegnet sie Jorge, der mit seiner menschlichen Existenz hadert und Zuneigung sucht, aber keinen Ausweg aus seiner Verzweiflung findet. Doch eine geheimnisvolle Stimme führt sie auch von ihm weg. Ihre Bestimmung findet sie schließlich nach der Flucht aus der Betonwüste in der grünen Welt des Regenwaldes.

Floresta do fim do mundo (Forest of the End of the World) ist eine utopisches Plädoyer für die Rückbesinnung auf die Ursprünge des  Lebens in und mit der Natur. Die Botschaft ist nicht neu, doch Regisseur Felipe M. Bragança schafft es, sie mit originellen Bildern zu unterlegen, die zwischen poetisch und schockierend changieren. Dabei wurde er vom Indigenen bildenden Künstler Denilson Baniwa unterstützt, der  einige beeindruckende Spezialeffekte für den Film beisteuert.

Floresta do fim do mundo, Brasilien 2026, 25 Minuten, Berlinale-Sektion Forum Expanded, Regie: Felipe M. Bragança, Denilson Baniwa
LN-Bewertung: 4/5 Lamas

Cuando llegue a casa

Auch in Guadalajara machen Teenager*innen das, was sie überall auf der Welt tun: Sie treffen sich, albern herum und scrollen gemeinsam durch ihre Social-Media-Feeds. So wie der 15-jährige Paco im mexikanischen Kurzfilm Cuando llegue a casa (Wenn ich nach Hause komme). Regisseur Edgar Adrián folgt ihm, wenn er mit seiner besten Freundin Andrea abhängt und erste queere Erfahrungen auf einem Jahrmarkt macht. Seine Großmutter Pina, bei der er wohnt, ahnt davon nichts. Sie ist Schneiderin und näht ihm zu Hause seine Kleidung. Doch mit Pacos Gefühlswelt ändert sich auch sein Modegeschmack. Ein Hemd, das Pina ihm liebevoll genäht hat, gestaltet er radikal um – auch auf die Gefahr hin, dadurch einen Konflikt zu riskieren. Cuando llegue a casa ist eine leise und unspektakulär erzählte Coming-of-Age-Geschichte über Coming-Out und ein Kleidungsstück, das mehr erzählt als tausend Worte.

Cuando llegue a casa, Mexiko 2026, 20 Minuten, Berlinale-Sektion Generation 14plus, Regie: Edgar Adrián
LN-Bewertung: 3/5 Lamas

Jülapüin Yonna

„Der Traum vom Tanz“ bedeutet übersetzt der Titel des Kurzfilms von Luzbeidy Monterrosa Atencio übersetzt aus der Sprache der Wayuu. Die Indigene Gemeinschaft lebt auf der Halbinsel Guajira, die teils zu Kolumbien, teils zu Venezuela gehört. Die 15-jährige Weinshi ist die Protagonistin von Jülapüin Yonna. In ihren Träumen kommuniziert sie mit ihren Vorfahren und  begibt sich auf eine Wanderung durch die Wüstenlandschaft der Guajira, um mit den Ältesten der Wayuu zu sprechen. Die Reise führt ihr vor Augen, wie sehr die Region unter Bergbau und Klimawandel zu leiden hat. Gleichzeitig beginnt sie den heiligen Tanz Yonna zu lernen, mit dem die Erde geheilt werden soll. Jülapüin Yonna ist ein vor allem visuell überzeugender Kurzfilm, der mehr mit farbenprächtigen und schön choreografierten Bildern als durch eine ausgefeilte Handlung überzeugt.

Jülapüin Yonna, Kolumbien 2026, 16 Minuten, Generation 14plus, Regie: Luzbeidy Monterrosa Atencio
LN-Bewertung: 3/5 Lamas

Miriam

In Miriam schreibt die Regisseurin Karla Condado einen filmischen Brief an ihre Tante, die Opfer eines Femizids in Mexiko wurde. Der Täter war ihr ehemaliger Partner, doch das Verbrechen wird von der Familie tabuisiert. Als Dialog mit der Verstorbenen bricht der Film dieses Schweigen. Condado erzählt dabei auch ihre eigene Lebensgeschichte seit dem Tod ihrer Tante und untermalt das mit oft körnigen, verschwommenen Schwarz-Weiß-Bildern, in denen sie Pflanzen, Tiere und sich selbst zeigt. Aber obwohl die sehr berührende Botschaft auch durch auf den Bildschirm eingeblendete Worte transportiert wird, stellt sich keine wirkliche Verbindung zwischen Bild und Ton ein. So setzt Miriam zwar ein wichtiges Zeichen gegen die Tabuisierung femizidaler und intrafamiliärer Gewalt, schafft es aber nicht, die Zuschauer*innen auch über die visuelle Ebene emotional anzusprechen.

Miriam, Mexiko 2026, 20 Minuten, Berlinale-Sektion Shorts, Regie: Karla Condado
LN-Bewertung: 3/5 Lamas

El León

In den 1980er und 1990er wurden linke Studierende und Lehrende der Universidad de Colombia in Bogotá von Paramilitärs verschleppt und ermordet. Drei Professoren wurden im Auditorium aufgebahrt und mit einer Totenmesse verabschiedet. Die Kurzdoku El León (Der Löwe) zeigt ausschließlich zusammengeschnittene Archivaufnahmen der Trauerfeier: Ein klassisches Konzert, Personen, die Blumen und eine Fahne der Guerilla ELN auf die Bühne tragen. Regisseurin Diana Bustamante untermalt das Geschehen mit Gedichten des kolumbianischen Dichters León de Greiff.

Die Erinnerung an die Verbrechen der Paramilitärs ist auch für das heutige Kolumbien wichtig. Schade deshalb, dass El León so gar keine Einordnung der Ereignisse anbietet. Es gibt keine Erklärung zum Kontext oder zum Titel, weder das Datum der Trauerfeier noch die Namen der Aufgebahrten werden genannt. Wer nicht schon vor dem Film eine profunde Kenntnis der Ereignisse hatte, wird nur schwer verstehen, was hier vor sich geht. Fraglich, wie sinnvoll ein Dokumentarfilm zu einem historischen Ereignis sein kann, der seine Zuschauer*innen über die Umstände seiner Entstehung derart im Dunkeln lässt.

El León, Kolumbien, 14 Minuten, Berlinale-Sektion Forum Expanded, Regie: Diana Bustamante
LN-Bewertung: 2/5 Lamas


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