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VERFRÜHTE MIDLIFE-CRISIS

Sie waren zu viert: Aurora, Emiliano, Antero und Andrei „Duke“ Dukelsky. Ein Quartett, das um die Jahrtausendwende das digitale Fanzine Orangotango publizierte, Wegbereiter des Internets, Millennials, bevor man von Millennials sprach. Jung, wild, populär, belesen und provokativ erleben sie die intensivste Zeit ihres Lebens gemeinsam in Porto Alegre. Doch was bleibt, wenn junge Wilde älter werden? Aurora hat trotz ihres Erfolgs als Bloggerin den Journalismus geschmissen und schlägt sich als Doktorandin mit bahnbrechenden Forschungen zu Zuckerrohr und misogynen Professoren herum. Andrei veröffentlichte drei Romane und wird „eines der vielversprechensten Talente der zeitgenössischen brasilianischen Literatur“; gleichzeitig begeht er „digitalen Selbstmord“, indem er alle seine Internet-Accounts löscht. Antero berät die ganz großen Firmen zu Kommunikations-Strategien, hat Geld, Frau, Kind und eine Reihe Online-Affären. Emiliano, sieben Jahre älter als die anderen, wird mäßig erfolgreicher freier Journalist und Autor, der offen schwul lebt.

Viel miteinander zu tun haben sie, 15 Jahre nach der Zeit mit Orangotango, nicht mehr. Dann stirbt Andrei völlig überraschend, erschossen bei einem Raubüberfall auf seiner Joggingrunde. Anlass für Aurora, Antero und Emiliano den Freund zu beerdigen, auf Spurensuche in die Vergangenheit zu gehen und die Frage zu beantworten, wer der immer rätselhafte „Duke“ eigentlich war.

Der Autor Daniel Galera – auch er ist 1979 geboren, lebt in Porto Alegre und gilt als großes Talent der zeitgenössischen brasilianischen Literatur – wählt die eher konventionelle Ausgangssituation eines plötzlichen Todesfalles, um viele kleine und einige größere Geschichten aus den „Nullerjahren“ zu erzählen, immer wieder durchbrochen von Ausflügen in das heutige Brasilien: die Streiks der Busunternehmen, die großen Proteste von 2013, die immer weiter zunehmende Gewalt auf den Straßen. Er bleibt dabei ganz in seinem Universum der brasilianischen Mittelklasse, ihren Aufstiegsnöten und Abstiegsängsten. Das große Thema des Romans So enden wir (im Original „Zwanzig nach zwölf“), atmosphärisch und sprachlich überall angedeutet, ist aber eine irgendwie drohende Apokalypse: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich irgendwas bessern wird. Jeder weiß doch, was falsch läuft und was man besser machen könnte, aber was gemacht werden könnte, wird nicht gemacht, und deswegen kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass es gemacht werden könnte. Ich fürchte, ich gehöre allmählich zu den Leuten, die an das Ende der Welt glauben. Dabei fand ich das immer so lächerlich“, sagt Aurora, als sie zu dritt nach der Beerdigung in „ihrer alten“ Bar sitzen.

Aurora als Biologin übernimmt den Part der Mahnerin in der Wüste, zieht auch die radikalsten Konsequenzen aus ihrer Kritik. Doch mit dem Fortgang der Handlung wächst das deutliche Gefühl, dass es den dreien nicht wirklich um eine drohende ökologische Katastrophe oder fehlende gesellschaftliche Veränderung geht, sondern sie ganz einfach von „Lebensüberdruss“ geplagt werden. 15 Jahre nach den intensiven, wilden Zeiten ist ihr Leben schal geworden. Am Ende folgt Aurora einem Fabelwesen in den Wald und Emiliano macht eine gänzlich neue sexuelle Erfahrung: „Es war ein neues, unerschlossenes Terrain, etwas, das ich noch nicht kannte und das mich mit einer Energie erfüllte, die ich mir für später aufbewahren würde. Für einen Moment in der Zukunft, der alles sein konnte, nur nicht langweilig. Solange diese Art von Energie existierte, dachte ich, bevor ich einschlief, solange ein paar von uns sie noch in sich spürten, auch wenn wir sie gerade nicht nutzten, würde unsere Welt weiterbestehen.“ Liest man den Roman als aktuelles Psychogramm der aufgeklärten brasilianischen Mittelklasse, dann ist an Verbesserungen wirklich nicht zu denken.

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