Bolivien | Nummer 620 - Februar 2026

Vergiftet durch Quecksilber

Indigene fordern ein Ende des illegalen Goldabbaus

Durch den Abbau von wertvollen Metallen im Bolivianischen Amazonas werden Flüsse, Böden und Bevölkerung vergiftet. Trotz Studien zu den Auswirkungen des Bergbaus auf Umwelt und Gesundheit wird die Indigene Bevölkerung nicht ausreichend durch die bolivianische Regierung geschützt. In dieser Reportage bietet LN einen Einblick in die Situation der Betroffenen.

Von Nancy Vacaflor Gonzales, La Paz - Übersetzung: Sarah Schaarschmidt
Folgen des Bergbaus: Verschmutzter Fluss in Samaipata, Bolivien (Foto: JanC.Beck vie Flickr CC BY2.0)

„Es gibt kein Territorium, das vor dem Bergbau sicher ist und nicht von Verschmutzung betroffen ist“, erklärt Miriam Pariamo, Indigene Anführerin im Madidi, im bolivianischen Amazonasgebiet – ein Gebiet, das vom Bergbau bedroht wird. In den letzten zehn Jahren hat der Bergbau in den Flüssen stark zugenommen und damit auch der Einsatz von Quecksilber für die Goldgewinnung. Die Indigenen werden durch das Metall vergiftet – über den Boden, auf dem sie ihre Nahrungsmittel anbauen, und über die Fische, die sie aus den Flüssen fischen. Die Vorsitzende der Gemeinde San José de Uchupiamonas, die im Herzen des Madidi liegt, eines der biodiversitätsreichsten Reservate der Welt, ist Zeugin der Verschmutzung der Flüsse durch Quecksilber. Laut der Weltgesundheitsorganisation gehört dieses Element zu den zehn giftigsten Chemikalien für die öffentliche Gesundheit und ist ein besonders schädlicher Umweltverschmutzer. Die giftige Substanz wird sowohl im handwerklichen Bergbau als auch beim Goldabbau aus Flussablagerungen eingesetzt. Sie wird mit Goldstaub vermischt und bildet eine sogenannte Amalgam­verbindung. Diese wird anschließend aus dem Schlamm entfernt. Danach wird das Gemisch angezündet, das Quecksilber verbrennt an der Luft und die Winde verteilen die Rückstände im Wald und vergiften so die Pflanzen, Tiere und Menschen. Pariamo beobachtet machtlos die riesigen Bagger der Bergbaukooperativen entlang der Einzugsgebiete der Flüsse Beni und Madre de Dios, die ihre Flussläufe umleiten, die Erde aufwühlen, abholzen, ganze Hügel zerstören und die Flüsse mit Quecksilber kontaminieren. Letztlich verursachen sie eine Veränderung des gesamten Ökosystems. Die Indigenen, die an den Ufern der Flüsse leben, sind am stärksten gefährdet, weil die Umweltverschmutzung und die Verschmutzung des Wassers ihre wichtigste Tätigkeit, die Fischerei, bedrohen. Sie ist die Grundlage ihrer Ernährung; einst bedeutete sie Leben, heute steht sie für einen fortschreitenden Tod. „Wir können den Fisch jetzt nicht mehr essen, weil alles kontaminiert ist“, beklagt Pariamo, die durch das Land reist und anprangert, dass der bolivianische Staat seiner Verantwortung ausweicht, die Indigenen Völker vor dem Goldbergbau zu schützen. Auch Oscar Campanini, Direktor des Dokumentations- und Informationszentrums Boliviens (CEDIB), bestätigt: „Die Goldgewinnung erfolgt auf Kosten der Vergiftung der Indigenen, deren Ernährungsgrundlage der kontaminierte Fisch aus den Flüssen ist.“ Die Schlussfolgerungen sind nicht empirisch, sondern wissenschaftlich und beruhen auf Proben und Analysen von Haaren und Blut, um das Vorhandensein von Quecksilber im Organismus der Menschen festzustellen, die in Indigenen Gemeinschaften leben, die von der Verschmutzung betroffen sind.

Ein Schrei, den niemand hört


Eine Pilotstudie, die 2023 vom CEDIB, der Universidad Mayor de San Andrés und der Universidad de Cartagena (Kolumbien) in den Einzugsgebieten der Flüsse Beni und Madre de Dios durchgeführt wurde, stellte den Gesundheitszustand von Frauen im gebärfähigen Alter anhand von Haarproben sowie hämatologischen, biochemischen und geno­toxikologischen Analysen fest. Professor Jesús Olivero von der Universidad de Cartagena erklärt, dass die Studie Folgendes aufdeckte: „Ungefähr neun von zehn der untersuchten Frauen Quecksilberwerte im Haar aufweisen, die über den international empfohlenen Werten liegen, um die Gesundheit der Menschen zu schützen.” Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass drei von vier Frauen aufgrund ihrer Quecksilberbelastung Werte aufweisen, die ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko darstellen. In gesundheitlicher Hinsicht „leiden die Frauen unter verschiedenen medizinischen Problemen aus biochemischer Sicht“. Die Verschlechterung der Gesundheit der Menschen kann kurz-, mittel- oder langfristig auftreten. Auch wenn die Ergebnisse „nicht überwältigend sind“, stellen sie doch einen „Weckruf“ an die Behörden dar, damit sie Maßnahmen ergreifen – nicht nur Vorschläge, sondern Lösungen. Es ist nicht die einzige Studie. Im Jahr 2022 legte die staatliche Ombudsstelle Defensoría del Pueblo den Bericht „Stand der Umsetzung und Einhaltung des Minamata-Übereinkommens über Quecksilber (2017–2022)“ vor. Darin wird deutlich, dass das freigesetzte Quecksilber in den Flüssen, in denen Goldbergbauaktivitäten stattfinden, in den Organismus von Fischen gelangt. Diese werden wiederum von Indigenen Gemeinschaften wie den Ese Ejja, Leco, Tacana und Pacahuara konsumiert und schädigen damit in direkter Weise ihre Gesundheit und ihre Umwelt. Eine weitere Studie wurde von einer Organisation in Auftrag gegeben, die Indigene Völker unter dem Namen Central de Pueblos Indígenas de La Paz (CPILAP) vereint, und in Zusammenarbeit mit der Universidad Mayor de San Andrés durchgeführt. Sie ergab, dass sechs Indigene Völker im Norden von La Paz von einer Quecksilberverseuchung betroffen sind, die die erlaubten Grenzwerte um das Zwei- bis Siebenfache überschreitet. Am stärksten betroffen sind die Tsimanes und die Ese Ejjas. Auf Grundlage dieser Beweise fällte das zuständige Gericht für verfassungsmäßige Garantien ein „historisches“ Urteil zugunsten der Indigenen und bestimmte, dass die staatlichen Stellen illegale Bergbauaktivitäten sowie solche ohne Umweltlizenz einstellen und sich zudem der Vergabe neuer Verträge enthalten. Nichtsdestotrotz sind die Bergbauunternehmen weiterhin tätig. „Für die Indigenen, obwohl sie die Klage vor Gericht gewonnen haben, um die Präsenz von kooperativen Goldabbauern zu stoppen, wird das Urteil bis heute nicht in seinem tatsächlichen Ausmaß umgesetzt“, kritisiert Campanini. Armut ist ein prägendes Merkmal der Indigenen Völker, die in den Randgebieten der Flusseinzugsgebiete leben, und nur eingeschränkten Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und Trinkwasser haben. Ihr Einfluss auf die politische Macht ist minimal, obwohl sich der Staat als plurinational definiert. „Es ist uns definitiv nicht gelungen, dass der Staat der öffentlichen Gesundheit besondere Aufmerksamkeit schenkt, denn betroffen sind nicht nur die Indigenen Völker. Es ist das maßlose Wach tum des legalen, vor allem aber des illegalen Bergbaus, das zahlreiche Indigene Völker, die im Amazonasgebiet leben, gefährdet“, kritisiert der Indigene Anführer Álex Villca von der Nationalen Koordinierungsstelle zum Schutz Indigener Gebiete, bäuerlicher Territorien und Schutzgebiete (Coordinadora Nacional de Defensa de Territorios Indígenas Originarios Campesinos y Áreas Protegidas, kurz CONTIOCAP).

Das Quecksilber, das vergiftet


Der genossenschaftliche Goldbergbau in Bolivien erlebt ein rasantes Wachstum. Die Hauptgründe dafür sind: Der Mangel an nachhaltiger Beschäftigung und eine Informalität von 80 Prozent, der hohe Preis des Edelmetalls auf dem internationalen Markt sowie die Flexibilität der Regierung bei der Durchsetzung von Normen. Diese Ausweitung erfolgte insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten der Regierung der Bewegung zum Sozialismus (MAS). Im Jahr 2025 wuchs die Zahl der Bergbaukooperativen von 800 auf 3.100, von denen sich 2.500 der Goldförderung widmen. Die größte Konzentration – 1.800 – befindet sich in der Andenregion La Paz im Osten Boliviens. Die Mehrheit operiert ohne Lizenz oder Genehmigung. Das Wachstum ist mit einer politischen Allianz der Regierungen der ehemaligen Präsidenten Evo Morales Ayma (2006–2019) und Luis Arce Catacora (2020–2025) mit den Menschen aus dem Goldbergbausektor verbunden. Sie verfügten über Vertretung in der Legislativversammlung und in den Regierungsebenen, das heißt, über politische Macht, um eine Reihe von Konzessionen auszuhandeln und Gold ohne Kontrolle und Aufsicht zu fördern. Der Preisboom hat einen regelrechten „Goldrausch“ ausgelöst. Alle wollen das Edelmetall abbauen. Die Feinunze wird derzeit zu 4.893 US-Dollar gehandelt (31.01.2026), während sie vor 20 Jahren noch bei 400 Dollar lag. „Zu diesem Faktor kommt noch die parteipolitische Rolle hinzu, die die Bergbaukooperativen übernommen haben“, erklärt der Forscher Alfredo Zaconeta. Allein im Jahr 2021 beliefen sich die Goldexporte auf 2,7 Milliarden US-Dollar; 2022 wurden über 3 Milliarden verzeichnet; 2023 sank der Wert auf 2,4 Milliarden, blieb aber weiterhin hoch. Das Paradoxe daran – so der ehemalige Präsident der staatlichen Bergbau­gesellschaft Boliviens und Fachmann auf diesem Gebiet, Héctor Córdova – ist, dass der Staat aus Lizenzgebühren und Steuern lediglich rund 63 Millionen US-Dollar erhält. „Das müsste den bolivianischen Staat dazu veranlassen, Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen, um die Auswirkungen zu mindern“, sagt Villca von CONTIOCAP. Gleichzeitig ist er jedoch überzeugt, dass die Indigenen Völker für den Staat lediglich als „politische Fahne“ gedient haben, um internationale Anerkennung zu erlangen. Indigene müssen „durch geeignete Verfahren und insbesondere über ihre Institutionen konsultiert werden, wann immer gesetzgeberische oder administrative Maßnahmen geplant sind, die sie betreffen könnten“, legt die bolivianische Verfassung klar fest. Und auch im Übereinkommen Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ist das Recht auf tatsächliche Beteiligung an Entscheidungen, die sie betreffen, verankert. „Die rechtlichen Schritte, die von Indigenen Völkern eingeleitet wurden, haben zwar zu einem günstigen Urteil geführt, doch in der Praxis hatten sie keine tatsächliche Wirksamkeit“, protestiert Villca mit Blick auf die Nichtumsetzung Indigener Rechte. Zaconeta weist in dieser Analyse auf die Auswirkungen des Bergbaus auf zwei weitere Elemente hin: Neben den massiven ökologischen und menschlichen Schäden werden Indigene durch die Umstände gezwungen, ihre Tätigkeit zu ändern und selbst zu Bergleuten zu werden, wodurch sie sich von ihrer Kultur, ihren Traditionen und ihrer Verbindung zur Natur entfernen. Das Eindringen der Bergleute in Indigene Territorien, der Druck auf Indigene, die Goldförderung zu genehmigen, und die Armut werden zu entscheidenden Faktoren dafür, dass Indigene in die Bergbauaktivitäten hineingezogen werden. Miriam Pariamo ist der Ansicht, dass die einzige Möglichkeit, um das Eindringen des Bergbaus in ihre Territorien zu verhindern, der „Kampf“ und „Widerstand“ gegen eine extraktivistische Politik ist, die mit staatlicher Billigung gewachsen ist. „Wir fordern die Einhaltung der Rechte Indigener Völker, den Respekt ihrer Organisationsstrukturen und ihrer Territorien sowie die Ablehnung von Kontamination und Zerstörung der Umwelt“, mahnt sie.


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