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Verschollen in der Einseitigkeit

Der Blick ist auf die Beine ge­rich­tet und jeder Schritt des Man­nes, der da eben der U-Bahn ent­stie­gen ist und, den Bahnsteig in Zeitlupe durchschreitend, auf den Zuschauer zu­kommt, hallt lan­ge nach. “Ein seltsames Spiel. Wir gehen durch ein schwei­gen­des Labyrinth, ohne uns und un­se­re Situationen zu kennen. Oh­ne zu ahnen, daß wir mit je­dem Um­stei­gen unser Schicksal für im­mer verändern”, heißt es aus dem Off.
Und schon rast der Zu­schau­er in schwindelerregen­der Ge­schwin­dig­keit durch das fahl­blau er­leuchtete U-Bahn-Netz von Buenos Aires. Sugge­stiv-dra­mati­sche Klänge kündi­gen das be­vor­stehende Unheil an. Es ge­langt zunächst als Nachricht durch die Tele­fondrähte des U-Bahn-Sy­stems in die kargen Höh­len der Aufse­her und Depot-Wäch­ter und läßt diese ver­stum­men: ein ganzer U-Bahn-Zug mit drei­ßig Pas­sagieren ist ver­schwunden.

Donnernde Metapher

Pro­ta­go­nist Daniel Pratt (Guillermo Angeletti), der von Be­ginn an über das schweigende La­by­rinth und das Schick­sal der Men­schen sinniert, erhält von U-Bahn-Direktor Blasi den Auf­trag, die Kon­struktionsplä­ne des U-Bahn-Sys­tems auf­zu­trei­ben und dem Ver­schwin­den des Zu­ges auf den Grund zu ge­hen.
Pratt ist To­po­lo­ge, ei­ner der, wie ihm der Kon­strukteur des neuen Au­ßen­rin­ges der U-Bahn be­schei­nigt, Rech­nungen und For­meln über die Oberflä­che er­stellt und die­se dann in Schub­laden steckt. Das klingt nach schlech­ten Aus­sichten für eine Lö­sung des Fal­les durch Pratt, doch drückt ihm der Kon­strukteur so­gleich ein geheim­nis­vol­les Spiel­zeug in die Hand, das die Wahr­nehm­ungsfähig­keit ver­bes­sern soll. Es deutet sich an: das Rätsel, das sich hier stellt, for­dert über plausible Gedanken­struktu­ren hin­ausgehende Erklä­rungen. Die Kamera entfernt sich und zeigt Pratt und den Kon­strukteur unmittelbar vor dem gäh­nenden Ab­grund einer ab­geschnitte­nen Autobahnbrücke – noch­mals der bildliche Hinweis darauf, daß die ra­tional-men­sch­liche Kon­struktion hier ins Leere führen wird.
Seine Nachforschungen füh­ren den Pro­tagonisten Pratt schnell auf die Spur des ver­schwun­denen Wis­senschaftlers Hu­go Mistein. In dessen Woh­nung findet er die ersten Hin­weise darauf, daß der ver­schwundene Zug in eine Möbi­usschleife geraten ist: jenes ein­seitige Band, das nach dem Leip­ziger Ma­thematiker benannt ist, und bei dem man ohne Über­schreitung des Randes an jeden Punkt der Oberfläche gelangen kann. Der Gei­sterzug, der wie un­sichtbar im komplexen Au­ßenring der U-Bahn dahinrast, und von dessen Existenz nur das Um­springen der Signale und ein fernes Donnern künden, ist aller Wahr­scheinlichkeit nach in eine Dimension höherer Ord­nung ge­sprun­gen.
Aus in­terpretatorischer Sicht liegt die andere – politische – Di­men­sion auf der Hand: der ver­schwundene Zug ist eine klare Metapher für die desapare­cidos Argentiniens und spielt im­mer wieder mehr oder weniger deut­lich auf dieses Thema an. In den Gän­gen der U-Bahn hängen Pla­ka­te mit dem Foto eines Ver­schwun­denen, der Zug ver­schwand an der Station Plaza de Mayo und am Ende formu­liert der Bür­ger­meister von Buenos Aires lakonisch ein recht be­kanntes Prin­zip der Ver­gan­gen­heitsbewälti­gung: “Meine Her­ren, hier ist nichts vorgefallen.”

Atmosphärische Teamarbeit

Der Film “Moebius”, als Kol­lektivarbeit von 45 Stu­denten der “Universidad del cine de Bue­nos Aires” unter Leitung des Re­gie-Dozen­ten Gustavo Mosquera R. ent­standen, ist ein span­nendes, sehr atmosphäri­sches Werk.
In küh­lem Blau­grün ge­haltene Bil­der, rasende Kame­rafahrten und lang anhaltende Blicke in die be­droh­liche Leere der U-Bahn-Schächte fan­gen perfekt das La­byrinthartige, Un­heilvolle des U-Bahn-Systems ein.
Viele der Ein­stel­lungen, ins­besondere bei den Wechseln vom harten Nah der Ge­sichter zur Weite des U-Bahn-Uni­versums, sind kunst­voll gelun­gen. Sämtliche Cha­rak­tere des Filmes sind sorgsam heraus­gear­beitet und her­vor­ragend besetzt. So wird die hektisch ein­berufene Kri­sen­ver­samm­lung der staat­li­chen “Ver­ant­wort­lichen”, des U-Bahn-Di­rektors Bla­si mit dem Bür­ger­mei­ster und zwei Herren vom Mi­li­tär­kran­kenhaus und ei­ner Versi­cherungs­anstalt, zu ei­nem hin­tergründig-ironi­schen Ver­gnü­gen.
Und das Mäd­chen, das Pratt bei der Suche begegnet und fortan begleitet, umstrahlt eine wunderbar geheimnisvolle Aura. Lediglich die Bot­schaft des Filmes, daß wir in einer Welt le­ben, die nur noch dem Plausi­blen Glau­ben schenkt, kommt am En­de doch et­was plakativ daher. Die Ent­schlüsselung des Ge­heim­nisses um den ver­schwun­denen Zug und Professor Mistein findet ihren Ausgangs­punkt an der Sta­tion Borges und ist un­ter­legt von den Klängen eines Tan­gos. Gau­kelt der Tango niemals ein Welt­bild vor, in dem alles sein gu­tes Ende findet, so hat Bor­ges in seinen Phantasmen das Uni­ver­sum schon immer als chaotisch-irrationales La­by­rinth er­klärt, das der menschliche Geist nicht zu durchdringen vermag.
Doch Pratt stellt sich der Her­ausforderung und steigt ein in den Geisterzug Nr. 86 – für ihn be­ginnt damit eine Reise oh­ne Wie­derkehr in eine andere Di­men­sion von Raum und Zeit, wäh­rend sie für den Zuschauer kurz darauf jäh enden wird.

“Moebius”; Regie: Gustavo Mos­quera R.; Argentinien 1996; Farbe, 88 Minuten.

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