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“Verurteilt wurden nur die Opfer”

Was geschah laut Ihren Quellen am 2. Oktober 1968?

1968 ist ein sehr wichtiges Datum für Mexiko, weil es für die erste Massenbewegung mit demokratischer Zielsetzung steht. Trotz der Tatsache, daß die Linke die Führung innehatte und die Forderungen formulierte, war die Studentenbewegung von 1968 nicht linksgerichtet, sondern breiter, demokratisch orientiert. Die Bewegung begann etwa am 26. Juli und wurde kurz nach dem Massaker auf dem Platz der Drei Kulturen am 2. Oktober liquidiert. In diesem Zeitraum geriet die Stadt in Bewegung, es gelang, etwa 400 000 StudentInnen zu mobilisieren. Auf der Straße, in Bussen, auf den Märkten verbreiteten Brigaden die Inhalte der Bewegung. Und es gab eine fortwährende Repression von Seiten des Präsidenten Díaz Ordaz, der von Anfang an auch die Armee für diese Zwecke einsetzte. Dem Journalisten Julio Scherer – 1968 Leiter der liberalen Tageszeitung Excélsior und 20 Jahre lang Direktor der politischen Wochenzeitschrift Proceso – gelang es, die Familie des Generals und damaligen Verteidigungsministers Marcelino García Barragán zur Herausgabe seiner 68 betreffenden Dokumente zu bewegen. Diese Dokumente sind bedeutsam, sie sind nicht in vollem Umfang glaubwürdig, es gibt Desinformation und Urteile, die wir nicht teilen.
Aber in Bezug auf den 2. Oktober 1968 sind sie außerordentlich wertvoll. General García Barragán bestätigt, daß Elemente des präsidialen Generalstabs – ein Organ der Armee, das direkt dem Staatspräsidenten unterstellt ist und nur Anordnungen des Staatspräsidenten befolgt – Wohnungen in Tlatelolco angemietet haben und von dort aus das Feuer eröffneten. Viele Soldaten wurden verletzt, manche getötet. Die Schüsse provozierten die Reaktion der Armee, die zum Massaker führte. Wir wissen bis heute nicht, wie hoch die Zahl der Opfer ist. Die glaubwürdigeren, aber nicht überprüfbaren Schätzungen sprechen von 200 bis 500 Toten. Es handelte sich um eine unbewaffnete Menschenmenge, die StudentInnen besaßen keine Maschinengewehre oder Pistolen. Das Massaker war schrecklich. Und was dem Massaker folgte, war ebenso dramatisch.
Nur die Opfer wurden verfolgt, nur die Opfer wanderten ins Gefängnis. Nicht einer der Verantwortlichen wurde verurteilt. Es wurde deutlich, daß die rechtsprechende Gewalt eine Farce war. Die Dokumente beweisen – und darin liegt ihre Bedeutung –, daß die Schüsse nicht von den StudentInnen abgegeben wurden, daß all das eine Erfindung des Kalten Krieges war. Der Präsident Díaz Ordaz war davon überzeugt, daß er es nicht mit einer friedlichen Studentenbewegung, sondern mit einer feindlichen Armee zu tun hatte. Deshalb heißt das Buch „Teil eines Krieges“, wegen der Halluzination des Präsidenten. Er hatte die Mentalität des Kalten Krieges verinnerlicht, sicher bewunderte er John McCarthy, gewiß hielt er Hoover für einen Verteidiger der Freiheit, und schließlich sah er in jeder Forderung nach sozialer Gerechtigkeit eine bolschewistische Verschwörung. Und das erscheint mir das Interessanteste des Buches zu sein. Zu sehen, wie die wahnhafte Mentalität des Kalten Krieges zum Massaker führt, weil sie es mit einer feindlichen Armee und nicht mit einer sozialen Bewegung zu tun zu haben glaubt.

Welche Bedeutung hat ‘68 für das Mexiko der Gegenwart?

Die wichtigste Bedeutung hat mit der Straflosigkeit zu tun. Wir haben es in Mexiko mit einer vollkommenen Straflosigkeit der mächtigen Klassen zu tun, einer Straflosigkeit auf dem Gebiet der Ethik ebenso wie auf dem der Justiz und der Ökonomie. Die Straflosigkeit ist das häßlichste Merkmal des Lebens in Mexiko. 1968 wurden nur die Opfer vor Gericht gestellt. Die Justiz befolgte blind die Anweisungen des Präsidenten Díaz Ordaz. Den ermordeten StudentInnen nicht nur von Tlatelolco, sondern auch anderswo, hat die Regierung nicht die geringste Aufmerksamkeit zu Teil werden lassen. 1999 ist das Massaker von Acteal in Chiapas noch immer nicht aufgeklärt, ist das Massaker von Aguas Blancas in Guerrero immer noch nicht aufgeklärt. Noch immer ungeklärt ist der enorme Betrugsskandal um den Fonds zur Sanierung der Banken, der uns etwa 70 Milliarden Dollar gekostet hat. Das ist Straflosigkeit. Die Lehre aus ‘68 wie aus ‘99 ist folgende: Solange es uns nicht gelingt, die Straflosigkeit einzudämmen und zu zerstören, wird Mexiko niemals ein modernes Land.

Was muß passieren, damit die Straflosigkeit ein Ende hat?

Ich vermute, es ist ein Mehrparteienbündnis erforderlich, zusammengesetzt aus den großen Oppositionsparteien, um einen Machtwechsel herbeizuführen. Unbegrenzte Kontinuität an der Macht bedeutet die Institutionalisierung der Straflosigkeit. Außerdem ist eine soziale Erziehung vonnöten, die die Bürger zu politischem Engagement innerhalb und außerhalb der Parteien anspornt. Die Straflosigkeit existiert weiter, solange die Demokratisierung der Gesellschaft keine Fortschritte macht. Es gibt Fortschritte. Die nicht-staatlichen Organisationen sind die Avantgarde dieser Transformation. Aber noch bleibt unglaublich viel zu tun. Es ist zu befürchten, daß wir mit der Straflosigkeit noch eine Zeit lang leben müssen.

Gibt es eine Reaktion des Systems auf Ihr Buch?

Nicht die geringste. Ihre Technik ist Zermürbung durch Gleichgültigkeit, Ertränken in Indifferenz. Ich kenne die Mitglieder des Kabinetts von Präsident Zedillo nicht, aber ich bin mir sicher, sollten wir doch einmal einander vorgestellt werden, würden sie niemals über das Buch sprechen. Es existiert nicht. Die Ereignisse liegen 31 Jahre zurück, und wer weiß, wen das überhaupt jemals interessiert hat. Acteal existiert nicht. Sie treiben einen Prozeß voran, der niemand überzeugt. Sie bestehen darauf, daß 90 Personen ein Dorf heimsuchten und ein Massaker anrichteten, um eine Person zu rächen, die bereits vor Monaten gestorben war. 90 Personen, die in acht verschiedenen Dörfern wohnten, taten sich zusammen, um einen Familienangehörigen zu rächen, wobei von den Festgenommenen nur zwei miteinander verwandt waren. 88 Personen hatten keinerlei verwandtschaftliche Beziehungen miteinander.
Kurzum, eine Racheaktion aus familiären Motiven scheint völlig unplausibel. Um die Straflosigkeit zu bekämpfen, müssen die Informationsversorgung verbessert, die soziale Mobilisierung vorangetrieben und die Menschenrechte gestärkt werden, die von Seiten der katholischen Kirche, der Rechten und der Regierung verletzt werden. Das alles muß getan werden. Auf diesem Gebiet bin ich nicht so pessimistisch, denn es gibt Fortschritte. Was die ökonomische Situation angeht, bin ich sehr pessimistisch, nicht jedoch was die Menschenrechte angeht. Ich glaube, dort sind wir schon ein ganzes Stück weitergekommen.

Die Veröffentlichung der Dokumente eines Beteiligten an der Repression von 1968 ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Welche Forschungen stehen noch aus?

Ich glaube, daß sich die Historiker der Sache annehmen werden und daß die Klagen, die Ex-StudentenführerInnen von 68 erhoben haben, fortgeführt werden. Die in Parte de guerra veröffentlichten Dokumente liefern wichtiges gerichtlich verwertbares Material und stützen die Anklage.

Glauben sie, es wird ein Gerichtsverfahren gegen die Verantwortlichen geben?

Ich fürchte nicht. Aber man muß es versuchen, denn auf diese Weise läßt sich ein Rechtsbewußtsein schaffen.

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