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Verwässerte Hilferufe

Das Begleitheft zum Film schließt: “Das Wasser ist die Metapher für die Suche Manuels nach dem eigenen Bild und jenem der Welt, in der er lebt“. Schon fragt man sich unweigerlich: Was ist schon von einem Film zu erwarten, der sich auf solch einfältige Weise ankündigt? Sind diese Worte wohl als aufrichtige Warnung zu verstehen, und hält „Escrito en el agua“ (wörtlich: Im Wasser geschrieben) in dem Sinne, was die so feinsinnige Metapher verspricht: pure Langeweile ?
Aber schauen wir uns erst einmal um, in der Mittelstandsfamilie im schneeweißen Haus am Rande von Buenos Aires. Sohn Manuel (Mariano Bertolino) ist ein introvertierter Computerfreak, der zum Leidwesen seiner Eltern ständig im Internet surft und damit die familiäre Telefonleitung lahmlegt. Die zurückhaltende Mutter trägt – man kann es an ihrem leidenden Gesichtsausdruck ablesen – eine profunde Frustration in sich. Es ist wohl die in den großen Räumen des Hauses auf den Ohren lastende eheliche Nichtkommunikation, die ihr zu schaffen macht. Als Therapie- und zugleich Ausdrucksmöglichkeit hat sie jedoch die Photografie entdeckt: gemeinsam mit Manuel zieht sie durch Buenos Aires und nimmt die Verlierer der Gesellschaft auf. Echtes Sozialengagement also.

Generationenkonflikt auf dem Land

Schließlich die zentrale, aber wie so oft nichts von sich preisgebende Vaterfigur Marcelo (Jorge Marrale). Der leitende Ingenieur einer großen Baufirma trägt ebenfalls von Beginn an eine schwere Last mit sich herum. Wie es sich für einen geschäftsorientierten Vater gehört, handelt es sich hierbei allerdings nicht um eine emotionale, sondern rein berufliche Frustration.
In Bewegung setzt sich das Familienkarussell, als Vater Marcelo seinen Sohn zu einem Geschäftstermin für ein paar Tage mit aufs Land nimmt. Beide quartieren sich beim in der Nähe wohnenden Großvater (Marcos Woinski) ein. Dieser wirkt zu Beginn mit zotteligem Bart und seinen Flüchen („Me cago en la hostia“) verschroben und kämpferisch, reiht sich später aber, allzu sehr unter einem Kriegstrauma leidend, mühelos in den Kreis der Frustrierten ein. Während des Aufenthaltes auf dem Lande wird es nun nicht nur zur erwarteteten Austragung – oder sagen wir eher: Berührung – des zweifach angelegten Generationenkonfliktes kommen. Clara, die Tochter des Holzhändlers des Dorfes (hübsch: Luciana Gonzales Costa), wird Manuel in die Geheimnisse der Liebe einführen und noch im Bett über die ökologischen Verbrechen seines Vaters aufklären. Dieser läßt nämlich in der Fabrik radioaktives Material verwenden, was schon zum tragischen Tod eines Arbeiters führte …

Radioaktivität und Kettensägenrasseln

Die nächste Frage drängt sich auf: Jede Figur ein wenig überkonstruiert, klischeebehaftet ? Ganz genau. Nicht, daß man aus der Figurenkonstellation von vornherein nichts mehr hätte machen können. Aber so bieder wie sie angelegt ist, hätten hier schon entweder innere Brüche offengelegt werden oder vielleicht ein in den Familienalltag einbrechendes Ereignis die Dinge gewissermaßen auf den Kopf stellen müssen.
Der in Bolivien geborene und in Kuba ausgebildete Regisseur Marcos Loayzas vertraut indes vollends auf seine Figuren und konzentriert sich entsprechend auf eine rein beobachtende Inszenierung. Vor allem liegt ihm daran, dem Zuschauer die „zarte“ – gleichsam im Wasser Kreise ziehende – Wandlung Manuels vom Jugendlichen zum Manne zu schildern, angereichert mit den Nebenschauplätzen des Generationenkonfliktes sowie des Ökologie- und Schuldthemas. Und da er dies nicht auf intelligente, sondern oftmals sehr plumpe Weise ausführt, macht sie sich tatsächlich breit, die schon in der Wassermetapher keimende Langeweile.
So wird der Zuschauer nicht etwa dezent oder gar verrätselt auf etwas hingewiesen, es wird ihm, wohl in der Angst, es könne sonst verloren gehen, förmlich unter die Nase gerieben. Also: nicht im Wasser geschrieben, sondern hineingeworfen ins selbige. Es kündet beispielsweise nicht gerade vom Einfallsreichtum des Regisseurs, das Ökologiethema mit einer rasselnden Kettensäge und dem Fall eines großen Baumes einzuleiten. Und Loayza will auch die von Kameramann Billi Behnisch sehr eindrucksvoll in Szene gesetzte Landschaft nicht für sich sprechen lassen. In langatmigen Lektionen muß der Großvater den Enkel über die Faszination der Natur und die so andere Wahrnehmung als die in der Stadt unterrichten.
Andererseits wird vieles im Film zwar plakativ aufgeworfen, aber dann nicht weiterverfolgt. Nicht ein Wort erfährt man beispielsweise über die Hintergründe der unterkühlten und konfliktbeladen angelegten Beziehung zwischen Großvater und Marcelo. Nur eines: Geständnisse, mit Tränen in den Augen, die bekommen wir in der Schluß-Emphase des Filmes. Vater Marcelo gesteht seine Schuld am Tod des Arbeiters und der Großvater bekennt, daß er nicht der vorgebliche republikanische Held des spanischen Bürgerkrieges war, sondern bereits mit sieben Jahren nach Mexiko emigrierte.
Bei einem sich derart unbeholfen-konstruiert darstellenden Gesamtbild können dem Film dann auch die eingestreuten literarischen und musikalischen Hommagen an so große Herren wie Kierkegaard, Borges und Piazzolla nicht mehr weiterhelfen. Abgesehen davon, daß sie herzlich wenig mit dem Film zu tun haben, zeigt ihre Häufung nur, was sie in Wirklichkeit sind: Hilferufe aus geistiger Leere.

„Escrito en el agua“; Regie: Marcos Loayza; Argentinien 1997; 85 Minuten.

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