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Vom Ameisenhaufen zum Auberginenpüree

Eines Tages zum „verdienten Dichter“ El Salvadors ernannt zu werden, das hat sich Roque Dalton (1935-1975) sicherlich niemals träumen lassen. Schließlich war es eine Hassliebe die ihn mit seinem Land verband. Dabei waren Hass und Liebe klar verteilt: Hass auf die politische und ökonomische Elite, die er für die soziale und politische Ungerechtigkeit im Lande verantwortlich machte. Liebe für die marginalisierten Schichten, für die „traurigsten, die allertraurigsten der Welt“, wie er sie in seinem bekanntesten Gedicht, dem „Liebesgedicht“ beschrieben hatte. Zur Heilung dieser Situation hatte er El Salvador „Molotov-Cocktail-Einläufe“, im Klartext: bewaffneten Kampf, verordnet. Nicht umsonst also war er wegen revolutionärer Umtriebe von eben jener Elite zum Tode verurteilt worden.
Entkommen konnte er damals, 1964, nur im ganz magisch-realistischen Stil: Ein Erdbeben hatte die Gefängniswände zerbröseln lassen. Dalton konnte ins Exil nach Kuba und später nach Prag flüchten. In Prag entstand unter anderem sein packender Testimonio-Roman Miguel Marmol (dt. Die Welt ist ein hinkender Tausendfüßler, 1997; s. Rezension in LN 275) über den salvadorianischen Kommunisten Miguel Marmol, der während des Aufstands 1932 in El Salvador seine eigene Hinrichtung überlebte. Ebenfalls in Prag entstand der von der kubanischen Casa de las Américas 1969 preisgekrönte Gedichtband Taberna y otros lugares (dt. Und andere Orte, 1981).
Wie kaum ein anderer war Roque Dalton bemüht, Poesie und Revolution zur Übereinstimmung zu führen. Das Ergebnis war eine experimentelle, intellektualisierte Poesie voll beißender Ironie, die politisch unmissverständlich blieb, sich aber dennoch den formalen Vorgaben der Doktrin des sozialistischen Realismus widersetzte. Außerdem kritisierte Dalton die wachsende Bürokratisierung des real existierenden Sozialismus. Ende der sechziger Jahre wurde er in der lateinamerikanischen Linken zu einem Vorbild und einer regelrechten Kultfigur. Solch illustre Leute wie Mario Benedetti, Julio Cortázar oder Hans Magnus Enzensberger nannten sich seine Freunde.
Aber Dalton wurde auch zum Vorzeige-Dichter der offiziellen kubanischen Kultur. Und das nicht umsonst. 1968 war nämlich der Gedichtband Fuera de juego (dt. Außerhalb des Spiels, 1971) des Kubaners Heberto Padilla prämiert, aber anschließend vom kubanischen Künstlerverein als „konterrevolutionär“ kritisiert worden. Diese sogenannte „Affäre Padilla“, die drei Jahre später mit der vorübergehenden Verhaftung und einer ekelerregenden Selbstkritik des Dichters endete, führte schließlich zum Bruch innerhalb der lateinamerikanischen Linken. Dalton stand innerhalb dieser Auseinandersetzung eindeutig auf der Seite der kubanischen Funktionäre. Er ging sogar soweit, das Andenken an seinen ehemaligen Freund aus einem seiner Gedichte zu tilgen, indem er eine Widmung an Padilla aus einer neueren Ausgabe entfernte.

Ein monströser Tod

1974 entstand die Collage Las historias prohibidas del pulgarcito (dt. Däumlings verbotene Geschichten, 1989), die einige LiteraturkritikerInnen für Daltons originellstes und gelungenstes Werk halten. Dalton klaubte hier Fragmente aus den verschiedensten Textsorten zusammen, von den Briefen des Eroberers Pedro de Alvarado an Hernán Cortés bis zu populären Vierzeilern, den bombas, und puzzelt sie zu einer 500-jährigen Tradition des Widerstandes zusammen.
Im gleichen Jahr ließ Dalton seinen Gedichten Handlungen folgen, ging klandestin nach El Salvador zurück und schloss sich dem Revolutionären Volksheer (ERP) an, das später die Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) mit begründete. Aber die Auseinandersetzungen innerhalb des ERP über den richtigen Weg zur Revolution mündeten in einen Machtkampf, in dem Dalton von seinen Widersachern als CIA-Spitzel denunziert und exekutiert wurde. Offensichtlich gefallen der Wirklichkeit, wie Borges einmal schrieb, die „Symmetrien und die leichten Anachronismen“: Das 1964 von Daltons Feinden in der Regierung unterschriebene Todesurteil wurde elf Jahre später, am 10. Mai 1975, von seinen Feinden innerhalb der Guerilla-Bewegung vollstreckt.
Trotz der Umstände dieses „monströsen Todes“ (Julio Cortázar), wurde Dalton post-mortem zum Märtyrer stilisiert. Die kubanische Kulturzeitschrift Casa de las Américas veröffentlichte noch 1975 eine 50-seitige Sammlung mit Hommagen an den Dichter, in der sich eine Großzahl der lateinamerikanischen Intellektuellen zu Wort meldet.
1976 erschien in Costa Rica sein biographischer Collage-Roman Pobrecito poeta que era yo (dt. Armer kleiner Dichter, der ich war, 1986), in dem Dalton das Ambiente der salvadorianischen Studenten-Bohème der sechziger Jahre beschreibt. 1977 gab die Propagandaabteilung der Guerillaorganisation Resistencia Nacional Daltons Poemas Clandestinos als Schützengraben-Ausgabe in der Reihe „Publikationen für die proletarische Sache“ heraus. Damit wurde Dalton endgültig zum Guerilla-Dichter. Vor allem für diejenigen, die von der Universität in die Berge gingen, war er ein wichtiger Begleiter und einige der Guerilleras und Guerilleros ließen sich von ihm inspirieren, ihre Erfahrungen in den Bergen dichterisch zu verarbeiten. „Wir wollten alle sein und schreiben wie Roque“, erzählt Tito Ruíz, der nach der Schließung der Nationaluniversität in die Berge ging und dort mit dem Dichten anfing. Seine Gedichte sind in einem kleinen spanischen Verlag mit dem bezeichnenden Namen Editorial Roque Dalton erschienen. Insgesamt wurde Dalton, wie Santiago, der ehemalige Chef des Untergrundsenders Radio Venceremos erklärt, während der Zeit des Bürgerkrieges jedoch „nicht gelesen sondern gebraucht“. Sein Werk diente zur ideologischen Motivation im bewaffneten Kampf. Es ging nicht darum, sich an Daltons Texten ästhetisch zu erbauen, sondern darum, sie in die Tat umzusetzen.

Romantik statt Revolution

Die Zeiten haben sich geändert. Der Bürgerkrieg ist vorbei und das Motto der Nachkriegsgesellschaft heißt „versöhnen statt spalten“. Da haben Roque Dalton und sein Werk eigentlich keinen Platz. Aber die Welt ist voll von Beispielen, wie ehemalige Staatsfeinde durch geschickte Verschiebungen den Zeichen der Zeit entsprechend angepasst werden.
An vorderster Front kämpft hier der Literaturwissenschaftler Rafael Lara Martínez, der 1994 eine monumentale Anthologie der Gedichte Daltons vorlegte. In seiner einleitenden Studie stellt sich der Literaturwissenschaftler die Aufgabe, endlich den Schleier zu lüften, der aus politischer Motivation über Dalton gelegt worden war. Minutiös arbeitet er heraus, wie Daltons Texte nach politischen Gesichtspunkten immer wieder neu geordnet wurden, und wie aus dem Menschen Dalton ein revolutionär-poetischer Monolith gezimmert wurde. Der Dichter war daran, wie wir bereits gesehen haben, selbst beteiligt, indem er einige Texte im nachhinein ideologisch reinigte. Darüber hinaus führt uns Lara Martínez einen weithin unbekannten Roque vor. Dalton hat nämlich keineswegs nur Gebrauchs- und Propagandalyrik geschrieben. Sein Frühwerk, vor allem der Gedichtband La ventana en el rostro (1961), ist das Zeugnis eines aufgewühlten Jugendlichen, der beginnt, sich für seine soziale Umgebung zu sensibilisieren. Zunächst einmal weiß er sich nicht anders zu helfen, als seine von den sozialen Konflikten zerrissene Gefühlswelt in eine Poesie romantischer Prägung zu bannen. Für den späteren Revolutionär Dalton ist diese Zerrissenheit vor allem ein „ideologisches Problem“, das „überwunden“ werden muss. Auf diesem Weg gelangt er zu seinen avantgardistischen Texten und zur politischen Handlung gleichzeitig.
Für Lara Martínez ist die zerrissene Seele die Triebfeder des poetischen Schaffens schlechthin. Demzufolge wertet er auch Daltons „lyrisches“ Frühwerk gegenüber seinem „ideologisierten“ Spätwerk auf. Dass das Erziehungsministerium diese Anthologie und in seiner Klassikerreihe eben La ventana en el rostro veröffentlicht hat, erscheint in diesem Zusammenhang geradezu zwingend. Das Bild des romantischen Dichters, der soziale Konflikte im inneren verarbeitet, anstatt sie nach außen zu tragen, passt besser in die heutige Zeit.
Ebenso in die heutige Zeit passt die Stilisierung Daltons zu einer Verkörperung des Nationalcharakters, wie sie das Erziehungsministerium bei den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Ermordung des Dichters vor fünf Jahren vornahm. Und so kann der ehemalige Bürgermeister von San Salvador, Mario Valiente von der regierenden ARENA-Partei, meinen, er sei zwar mit Daltons Philosophie nicht einverstanden, aber das wenige, was er von ihm gelesen habe, gefalle ihm sehr gut. Dabei sei ihm vor allem das „Liebesgedicht“ im Gedächtnis geblieben: „Ich erinnere mich, dass Dalton sagt, wir Salvadorianer seien ein Volk von ‘Allesfressern, Alleskäufern, Allesverkäufern’, und das stimmt.“ Und auch seine Parteigenossin, die ehemalige Erziehungsministerin Cecilia Gallardo de Cano, hat keine Berührungsängste mit Dalton und zitiert den selben Vers in einem Interview.

Auberginenpüree aus jungem Marx

Das „Liebesgedicht“, aus dem der Vers stammt, ist gewiss eine Liebeserklärung an das salvadorianische Volk. Jedoch wird der Begriff „Volk“ als politischer Kampfbegriff gebraucht, der sich an die marginalisierten Schichten richtet und die Oberklasse und die politische Elite ausschließt. Wollte Dalton mit seinem Gedicht Klassengegensätze aufdecken, „spalten statt versöhnen“, werden diese durch die Einschreibung in einen patriotisch-nationalistischen Diskurs wieder zugekleistert.
„Jeder kann aus den Büchern des jungen Marx / ein leichtes Auberginenpüree machen. / Das Schwierige ist jedoch, sie zu bewahren, wie sie sind, / nämlich / wie alarmierende Ameisenhaufen“, schreibt Dalton 1969 in einem Gedicht. Dieser Prozess findet momentan mit seinen eigenen Texten statt. Auch Dalton ist mittlerweile leicht verdaulich geworden. 1997 hat die salvadorianische Nationalversammlung, in der die rechten Parteien die Mehrheit besitzen, Dalton sogar zum „verdienten Dichter“ El Salvadors ernannt.
Diese Institutionalisierungspolitik ist einerseits Ausdruck der nicht zu leugnenden kulturellen Liberalisierung des Landes. Gleichzeitig handelt es sich jedoch um eine Form der Institutionalisierung, die dazu dient, den Systemkritiker Dalton zu integrieren und unschädlich zu machen. Von den namhaften Literaturwissenschaftlern kommt hierzu erstaunlich wenig Kritik. Einzig Ricardo Roque von der Jesuitenuniversität UCA beklagt diese „Zähmung der unbequemen Aspekte Daltons“. Miguel Huezo Mixco hingegen, einst selbst Guerilladichter und heute Leiter der Verlagsabteilung des Erziehungsministeriums, anerkennt zwar das hegemoniale und neutralisierende Interesse des Staates bei der Integration Roque Daltons, möchte das allerdings nicht allzu negativ sehen: „Dieser Interpretation würde ich den negativen Ton nehmen wollen. Ich sehe hier keine bösen Absichten. Eine so gespaltene Gesellschaft wie die salvadorianische benötigt unbedingt eine gemeinsame, herrschende Ideologie!“ Die diesjährigen Feierlichkeiten werden zeigen, welche Rolle Dalton darin spielen soll.

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