«

»

Artikel drucken

Vom Elend der Metropolen

Unzählige Menschen in Slumhütten, Kinder zwischen Müllbergen auf der Suche nach Verwertbarem: die Symptome sind längst zum Allgemeingut einer unreflektierten Betroffenheitsberichterstattung über die Städte der “3.Welt” geworden. Umso wichtiger ist der im vorliegenden vierzehnten Band der Lateinamerika-Jahrbücher mit Erfolg unternommene Versuch, sowohl die Entstehungsbedingungen für den Verstädterungsprozeß als auch die gegenwärtige Situation in den lateinamerikanischen Metropolen analytisch zu fassen. Die Beiträge über Mexiko-Stadt, Sao Paulo, Caracas, El Alto und Buenos Aires liefern Analysen zu sehr unterschiedlichen Aspekten städtischer Entwicklung, die zwar am jeweiligen Fallbeispiel aufgearbeitet werden, in ihrer Aussage aber in vieler Hinsicht verallgemeinerbar sind.
Urs Müller-Plantenberg gibt zunächst mit Hilfe umfangreichen statistischen Materials einen Überblick über die Dimensionen des Verstädterungsprozesses in Lateinamerika und dessen wichtigste Gründe. Nicht die Industrialisierung mit entsprechender Nachfrage nach Arbeitskraft ist Auslöser für die Land-Stadt-Migration, so seine Argumentation, sondern Strategien individueller Überlebens¬sicherung, innerhalb derer minimale Hoffnung in der Stadt den Vorzug erhält vor der Hoffnungslosigkeit auf dem Land. Dabei darf der Hinweis auf die latein¬amerikanische “Ausnahmestadt” nicht fehlen: die kubanische Hauptstadt Havanna hat sich durch die kubanische Entwicklungsstrategie völlig anders entwickelt (schade, daß über Havanna kein längerer Artikel aufgenommen wurde).
Regelmäßige LeserInnen des Jahrbuchs werden mit Interesse den Beitrag Harald Lossacks zur Kommunalpolitik der PT in Sao Paulo lesen, nachdem im letzten Jahrbuch schon von den Erwartungen an deren alternative Stadtpolitik die Rede war. Seine Zwischenbilanz fällt zwiespältig aus: Die politischen Handlungsspielräume der Stadtregierung sind eng, allerdings führt die Bedeutung des Dialogs zwischen Stadtverwaltung und sozialen Bewegungen für die politische Kultur über die Tagespolitik hinaus. Wahlniederlagen der PT machen aber deutlich, unter welchem Erwartungsdruck die Partei von seiten der WählerInnen steht.
Am Beispiel Mexiko-Stadt zeigt Karin Meffert die Probleme einer städtischen Bewegung, die mit einer alles andere als homogenen Basis zwischen zwei Strategien steht. Einerseits werden von vielen Stadtteilkomitees Forderungen nach unmittelbarer Unterstützung an die lokale Verwaltung erhoben, andererseits wird versucht, aus der städtischen Bewegung heraus zum Aufbau einer politisch organisierten Alternative beizutragen. Mefferts Darstellungen sind zwar für Mexiko-Unkundige streckenweise etwas mühsam zu lesen, bieten aber eine um¬fassende Analyse, die auch für das Verständnis städtischer sozialer Bewegungen in anderen Ländern interessant ist.
In andinen Großstädten treffen Quechua- und Aymara-sprachige MigrantInnen und die kreolische städtische Gesellschaft aufeinander. Am deutlichsten wird dies in der bolivianischen Stadt El Alto, der auf 4000 m Höhe gelegenen Nachbarstadt von La Paz. Juliana Ströbele-Gregor zeigt, wie dort nach ethnisch differenzierten Trennlinien mehrere “Städte” innerhalb einer Stadt existieren können und analysiert die Konsequenzen dieser Strukturen für das politische Leben. Der Wahlerfolg von populistisch auftretenden Kandidaten ohne konkretes politisches Programm ist aus ihrer Sicht nicht ein Ergebnis erfolgreicher “Verführung des Volkes”, sondern eine wohlerwogene Protestwahl gegen ethnisch bedingte Unterdrückung.
Im folgenden Beitrag macht Heinz Rudolf Sonntag die Hintergründe der Unruhen von Caracas deutlich und zeigt, wie auch in der scheinbar ruhigen Metropole eines der einstmals wohlhabendsten lateinamerikanischen Länder die ständige Verschärfung der Wirtschaftskrise Folgen hat.
“Es sind nicht die buenos aires, die der argentinischen Hauptstadt den Namen verliehen…”, so könnte auch ein trockener Aufsatz über die Stadtgeschichte von Buenos Aires anfangen. Der Beitrag von Peter Laudan ist mehr und alles andere als trocken. Er rekonstruiert anhand der Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung Argentiniens unter dem Einfluß erst des spanischen, dann des englischen und US-amerikanischen Imperialismus das historische Skelett der verschiedenen Phasen der Stadtentwicklung. Parallel dazu erwächst aus impressionistischen Abschnitten über das tägliche Leben der Menschen ein Gerüst für das Verständnis des Buenos Aires von heute. Auch wenn etwa die Beschreibung des Verkehrschaos wohl eher eine Pflichtübung von Großstadtreportagen ist, gelingt es Laudan doch in vielen Passagen, die Geschichte der Stadt in Bezug zu setzen zum Buenos Aires von 1990, den in der Stadt lebenden Menschen und zu seiner eigenen Rolle als Europäer.
Der zweite Teil des Jahrbuches bietet wie gewohnt Länderberichte, diesmal zu zwölf lateinamerikanischen Ländern. Grundsätzlich bieten die Berichte einen wertvollen Querschnitt durch das jeweilige nationale politische Geschehen im vergangenen Jahr. Das Dilemma der Berichte liegt allerdings in der Frage der Aktualität. Der Verlag hat das Jahrbuch wieder erst mit großer Verspätung auf den Markt gebracht, und so hat die weitere politische Entwicklung in einigen Fällen den Stand des Jahrbuches schon zum Erscheinungsdatum weit überholt. Der Wert der Länderanalysen als Überblick über einen bestimmten Zeitraum und als Grundlage zum Verständnis aktueller Entwicklungen bleibt aber davon unberührt.
Wer sich mit Städten und Verstädterung in Lateinamerika beschäftigt, kommt an diesem Jahrbuch wegen des Themenschwerpunktes nicht vorbei. Aber auch dem breiteren Publikum sei der Band empfohlen: Einen so umfassenden analytischen Überblick über das politische Geschehen Lateinamerikas im Jahr 89/90 wird man kaum an anderer Stelle finden.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/vom-elend-der-metropolen/