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Vom „Goldenen Korn“ Lateinamerikas zur Gentech-Pflanze

Weltweit ist Mais – zumindest was den Anbau angeht – das drittwichtigste Grundnahrungsmittel: 1992 wurden 502 Mio. Tonnen produziert. Von der weltweiten Produktion geht über ein Drittel auf das Konto der USA, die damit die Liste der Top-Produzenten vor China (21%), Brasilien (7%), Mexiko (3%) und Frankreich (2%) anführen.
Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO lag der Anteil des Nordens zwischen 1989 und 1991 bei 58 Prozent, der des Südens bei 42 Prozent. Dennoch verschleiert dieser Vergleich die Realitäten bei Produktion und Nutzung von Mais.

Hybride verdrängen traditionelle Sorten

Ein bedeutender Unterschied liegt in der Art des verwendeten Saatguts. Nach den Angaben des Internationalen Zentrums für die Verbesserung von Mais und Weizen (CIMMYT) in Mexiko machte 1992 in den Industriestaaten kommerziell gehandeltes Hybridsaatgut, das nicht vermehrbar ist und jährlich nachgekauft werden muß, 99 Prozent der ausgesäten Maissaat aus, im Süden nur 46 Prozent. In den sogenannten Entwicklungsländern stammen annähernd 34 Prozent aller kommerziellen Hybride an Maissaatgut von multinationalen Konzernen.
Die zunehmende Einführung von Hybridsorten, besonders von kommerziellen Saatgutsorten, hat dazu geführt, daß lokale Sorten verdrängt und fremdes genetisches Material in lokale Populationen eingebracht wurde. Dieser Verdrängungsprozeß verschärft sich auch weiterhin. In Mexiko sind nur 20 Prozent der in den 30er Jahren genutzten lokalen Maissorten heute noch bekannt.
Neben der durch die Einführung von Hybridsorten verursachten genetischen Erosion schrumpfte zudem die Landfläche, auf der Mais angepflanzt wird. So spielen die nun anstelle von Mais verstärkt angebauten anderen, profitableren Feldfrüchte ebenfalls eine Rolle bei der Verdrängung lokaler Sorten.
Unterschiede bestehen auch in der Art und Weise, wie der Mais im Norden und im Süden angebaut wird. Im Norden, etwa im „Maisgürtel“ der USA, wächst er in Monokulturen von bis zu einigen Millionen Hektar, die eines hohen externen Inputs bedürfen. Im Süden wird Mais in einer Vielzahl unterschiedlichster landwirtschaftlicher Systeme kultiviert. Dazu zählen sowohl Monokulturen als auch traditionelle Systeme, wo Mais in Mischkulturen mit Hülsenfrüchten wie Bohnen und anderen Feldfrüchten, etwa Melonen, angebaut wird.
Der größte Unterschied liegt aber wahrscheinlich darin, wie Mais im Norden und im Süden genutzt wird. Im Norden – und hier zuvorderst in den USA – wird er im wesentlichen und zunehmend als Rohstoff für Viehfutter genutzt. In Zentralamerika, Südamerika sowie im östlichen und südlichen Afrika ist Mais dagegen die Basis der Ernährungssicherung für die Dorfgemeinschaften. Doch inzwischen sind die Tage gezählt, wo Mais allein als Nahrung oder Viehfutter verwendet wurde. Mit Hilfe moderner Biotechnologien wurde das „Goldene Korn“ zum billigen, zuverlässigen und kontollierbaren Rohstoff für alle möglichen industriellen Anwendungen. Der am schnellsten wachsende Markt ist dabei der des Fructose-Maissirups. In Softdrinks und vielen anderen industriellen Produkten ersetzt die Lösung mittlerweile den Zucker.
Ebenso gebräuchlich wurde die Nutzung von Bio-Alkohol aus Mais und von Maisstärke zur Herstellung von Papier und Kleidung. Hinzu kommen viele andere Nutzungsarten, von Polymeren bis zu Pharmazeutika. In den USA wird bereits rund 15 Prozent der Maisernte als Rohstoff für die Erzeugung von mehr als 3500 Produkten genutzt.
Seitdem die erste Hybridsorte 1928 von der damaligen Firma Funks (heute bekannt als Novartis) eingeführt wurde, hat Mais sich zu der am stärksten am Markt gehandelten Anbaufrucht entwickelt. Erfolgreich wurden die Farmer mit den alljährlich neu zu kaufenden Hybriden in die Abhängigkeit der Unternehmen gebracht.
Die gentechnische Revolution und ihre Versprechungen von größeren Ernten und Profiten beschleunigt den Trend zur Kontrolle der Maisproduktion durch die Konzerne. In dem Maße, wie die neuen Technologien entwickelt werden und Patente den Zugang zu diesen Technologien zum wesentlichen Faktor für den Marktzugang machen, haben neue Akteure – Biotechnologie- und Agrochemie- Unternehmen wie Du Pont, Dow Elanco, AgrEvo und Monsanto – die Bühne betreten.

Gentech-Pflanze Nr. 1

Die Forschung ist nicht unbedingt mehr auf die Pflanze an sich orientiert, sondern wendet sich zunehmend einzelnen Zellinien zu, die in ganz verschiedene Sorten eingebaut werden können. Beim US-Landwirtschaftsministerium (USDA) und dem Service für Tier- und Pflanzengesundheit (APHIS), jenen zwei Stellen, bei denen in den USA die Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Organismen angemeldet werden müssen, waren bis September 1996 40 Prozent aller Anmeldungen und Zulassungen für Genversuche mit Mais. Ohne Zweifel werden jene Agrobiotech-Unternehmen am Besten verdienen, die mehr von den mit neuen Zellinien (durch Zusatz fremder Gene veränderte Charaktermerkmale der Pflanzen) ausgestattetem Mais – sogenannte value-added Sorten – auf den Markt bringen.
Zunehmend konzentrieren sich die Aktivitäten auf dem Sektor der Mais-Biotechnologie in den Händen von immer weniger Multis. Gegenwärtig kämpfen drei Konzernblöcke um die Führung in der Maissaatgutindustrie: 1. Monsanto; 2. Pioneer, Novartis und Dow Elanco; 3. AgrEvo. Jeder dieser Giganten versucht sicherzustellen, daß das Eigentum an bestimmten Schlüsseltechnologien für den Mais im Besitz des jeweiligen Blocks verbleibt.
Mehr und mehr verwandelt sich dabei der Mais, dessen Züchtung in den Händen der Konzerne liegt, von einer eigentlichen Nahrungspflanze in eine Futter- und Industriepflanze. Mais wird somit zu nichts weiter als einem Rohstoff degradiert. In einer farbenprächtigen Werbung des Chemiekonzerns Ciba Geigy präsentiert ein stolzer Afrikaner den genveränderten Mais des Unternehmens, der eine Resistenz gegen das Bakterium Bacillus thuringiensis (Bt) trägt.
Doch im Gegensatz zu dieser Darstellung besteht wenig Hoffnung darauf, daß die armen Länder des Südens von den derzeitigen Trends in der Gentechnologie einen Nutzen haben werden.

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