Entwicklungspolitik | Nummer 231/232 - Sept./Okt. 1993

Vom “indianischen Versuchskaninchen” zum Selbstbestimmungsrecht der Frau

Reflektionen einer mexikanischen Feministin

Der folgende Artikel ist die Einleitung der mexikanischen Frauenzeitschrift fem press zu einem Heft mit dem Schwerpunkt Bevölkerungspolitik. Die Autorin Ana Maria Portugal faßt aus feministischer Sicht die wichtigsten Punkte zusammen, um die sich die Debatte auf dem lateinamerikanischen Kontinent dreht.

Ana Maria Portugal, Übersetzung: Gaby Lange

Das Thema Geburtenkontrolle ist an und für sich schon brisant. Es hat in unserem Kontinent das zweifelhafte Privileg, Debatten polarisiert und das zerbrechliche Gleichgewicht der Staatsräson durcheinandergebracht zu haben. Nebenbei richteten Teile der Politik, der Kirchen, des Feminismus und des medizinischen Sektors Protestaktionen gegen ein sehr präzises Ziel: das, was in einer äußerst agressiven Sprache als der “Yankee-Imperialismus” bezeichnet wird.
Die fünfziger Jahre sind in Lateinamerika nicht wegen des Koreakrieges in trauriger Erinnerung geblieben, sondern wegen dem, was in Puerto Rico geschah: Auf dieser Insel wurde damals eine Versuchsreihe gestartet, um die erste Anti-Baby-Pille zu testen, wobei Hunderte von Frauen als “indianische Versuchskaninchen” benutzt wurden. In den vierziger Jahren von dem Wissenschaftler Gregory Pincus in Nordamerika erfunden, enthielt die Pille zum damaligen Zeitpunkt eine dreimal höhere Hormondosis als heute. Hinzu kam, daß die Frauen, die die Pille benutzten, weder über die Nebenwirkungen informiert wurden noch wußten, daß sie Teil eines Experimentes waren. Diese Tatsache rief eine starke Gegenkampagne auf dem ganzen lateinamerikanischen Kontinent hervor.
Später war Bolivien das Land, in dem durch Yawar Malku, einem realistischen Kurzfilm, ein erbitterter Kampf gegen die Geburtenkontrolle geführt wurde. Yawar Malku, was in der Sprache der Aymara Das Blut des Kondors bedeutet, wurde 1968 von Jorge Sanjines gedreht, um die Zwangssterilisationen indianischer Frauen anzuklagen. Diese wurden von medizinischen Teams vorgenommen, die angeblich mit der nordamerikanischen Organisation Cuerpo de Paz zusammenhingen. Als Resultat der Beschuldigungen, die weltweit bekannt wurden, warf der damalige Präsident Torres diese Organsation aus Bolivien heraus.
Schließlich gab es ähnliche Fälle, bei denen sich der Zwangscharakter und das Antidemokratische einer bestimmten Art von Bevölkerungspolitik manifestierte. Auf diese Art und Weise wurden Mißverständnisse und Mißtrauen gegen eine internationale Kooperation auf diesem Gebiet gesät. Im Laufe der Zeit wuchs das Informationsdefizit, was verhinderte, daß die Bevölkerungsproblematik in ihrer tatsächlichen Dimension erkannt werden konnte.
Trotzdem ist die heutige Debatte um die Legitimität von Geburtenkontrolle aus bevölkerungspolitischen Zielen komplexer geworden. Glücklicherweise hat sie nicht mehr diesen kriegerischen und vielfach vereinfachenden Tonfall wie in der Vergangenheit.
Auf der zweiten Weltbevölkerungskonferenz 1984 in Mexiko-Stadt wurde ein Dokument verabschiedet, das unter anderem feststellte, daß “ein unentwirrbarer Zusammenhang zwischen Bevölkerung, Einkommen, Umwelt und Entwicklung” bestehe. Zu diesem Zeitpunkt war ein entscheidender Faktor für die Ergebnisse der Konferenz die öffentliche Aufmerksamkeit, die die Frauenbewegung mittlerweile auf dem ganzen Kontinent erreicht hatte – insbesondere in ihrem Kampf um selbstbestimmte Fortpflanzung. Der Spruch “Nein zur Bevölkerungskontrolle: Die Frauen entscheiden!” wurde in den achtziger Jahren zum Motto der Bewegung gegen eine Politik der Geburtenkontrolle, die von einer sexistischen und auf rein quantitative Erfolge ausgerichteten Sichtweise geprägt war.

Feministische Bevölkerungspolitik?

Mittlerweile hat sich die Debatte zwischen der Frauenbewegung und dem medizinischen, staatlichen, wissenschaftlichen und politischen Establishment über die Existenzberechtigung von (staatlicher) Bevölkerungspolitik intensiviert. Innerhalb der Frauenbewegung gibt es einerseits Strömungen, die glauben, daß das Thema Bevölkerungspolitik Frauen nur insofern betrifft, als es um das Prinzip des Rechts auf Selbstbestimmung geht. Andere halten es dagegen für notwendig, die Herausforderung anzunehmen, eine Alternative zu der staatlichen Bevölkerungspolitik zu erarbeiten und so etwas wie eine “feministische Bevölkerungspolitik” zu entwickeln.
Einig sind sich die Frauen der verschiedenen Strömungen darin, daß die Anstrengungen, die heute von Frauen in diesem Bereich unternommen werden, sich darauf konzentrieren müssen, in die Analyse von Bevölkerungspolitik eine geschlechtsspezifische Perspektive hineinzubringen. Das Fehlen dieser Perspektive hat bisher eine Neueinschätzung der Bevölkerungsentwicklung verhindert, die nicht nur aus demographischer Sicht gesehen werden darf. Auch ökonomische Faktoren, wie sie in Lateinamerika zur Zeit durch das herrschende neoliberale Modell vorgegeben werden, spielen eine wichtige Rolle. Ebenfalls von Bedeutung sind die aus Europa importierten und durch die katholische Kirche aufgezwungenen sexuellen Verhaltensnormen und die fundamentalistische Moral, die einzig und allein auf Heterosexualität basiert. Auch die Unterdrückung der Frauen und die Differenzen zwischen verschiedenen Klassen und Ethnien, die das Leben unserer Gesellschaften tief prägen, dürfen als Faktoren nicht ignoriert werden.

Frauenkörper als Objekte

Aber im Kern dieser Debatte befindet sich eine unveränderliche Tatsache: Unsere Körper sind die entscheidenden Objekte, um bevölkerungspolitische Planziele zu erreichen. Immer noch werden Frauen die elementaren Menschen- und Bürgerinnenrechte vorenthalten. So existieren nach wie vor diskriminierende Normen und Gesetze. Im gynäkologischen Bereich gibt es keine Gesundheitspolitik. Gleichzeitig verschlechtert die Kriminalisierung der Abtreibung die Lebens- und Gesundheitsbedingungen von Tausenden von Frauen, deren Körper innerhalb der Ideologie der sogenannten “Familienplanung” keine Wichtigkeit besitzen. Die Lebenssituation lediger Frauen wird ebensowenig berücksichtigt wie die von Jugendlichen.
Die in der Vergangenheit begangenen Fehler in den Empfängnisverhütungsprogrammen werden langsam sowohl von den Entwicklungshilfeorganisationen als auch von den Regierungen zur Kenntnis genommen. Weder die einen noch die anderen wünschen das Scheitern dieser Programme. Gleichzeitig können sie es sich nicht leisten, Kritik zu ignorieren – in diesem Fall von Seiten der Frauenbewegung und aus dem Gesundheitsbereich. Es sind einige Veränderungen zu verzeichnen, die auf einen verstärkten Dialog hinauslaufen und sich ernsthaft der Kritik der Frauenbewegung zu stellen, insbesondere, was die Erforschung und Erprobung neuer Verhütungsmittel angeht. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist hierbei die Arbeit von Feministinnen innerhalb internationaler Institutionen wie der WHO (Weltgesundheitsorganisation) und Nichtregierungsorganisationen.

Umweltschutz durch Verhütung?

Trotz allem gibt es einen Punkt, über den frau sich innerhalb des kritischen feministischen Diskurses nicht einfach hinwegsetzen darf, nämlich die Verbindung zwischen Bevölkerungswachstum und Umweltkrise. Es steht außer Frage, daß der ursprüngliche Ansatz, die Bevölkerungskontrolle als Allheilmittel gegen die Armut zu sehen, obsolet und kontraproduktiv ist. Genausowenig kann die Zerstörung des Planeten einzig durch die massive Anwendung von Empfängnisverhütungsprogrammen verhindert werden. Diese Sichtweise verschleiert wie gehabt ein Thema, das aufgrund seiner Komplexität eine globale Sicht auf ein neues Zivilisationskonzept erfordert, wie es inzwischen viele Feministinnen diskutieren. Deswegen genügt es nicht, für ein Bevölkerungsgleichgewicht zu kämpfen, um eine gesunde und intakte Umwelt zu fördern. Ebenso reicht es nicht aus, dem
Bevölkerungswachstum lediglich eine strukturelle Entwicklungspolitik entgegenzusetzen, die die Armut bekämpft.
Der Bevölkerungszuwachs ist eine Tatsache, die die gesamte Menschheit betrifft und daher auch von den Feministinnen eine ernsthafte Anstrengung verlangt. Unsere Forderungen nach einer besseren Lebensqualität dürfen nicht einzig auf den Kampf gegen Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, das Fehlen von Bildung und die Geschlechterdiskriminierung gerichtet sein. Das zentrale Problem ist nicht nur die Größe der Bevölkerung, sondern deren Einwirken auf das Ökosystem und auf die existierenden Ressourcen, die sich unabhängig von den demographischen Ziffern tagtäglich verringern.

Mythos Mütterlichkeit

Was geschieht mit den kommenden Generationen? Sicherlich ist die Kontrolle über unsere Körper und die Möglichkeit, zu entscheiden, ob und wann wir Kinder haben wollen, Teil des Kampfes für die reproduktive Freiheit. Aber an welchem Punkt kann dieses Recht, das zur Privatsphäre gehört – “Mein Körper gehört mir” – in Konflikt mit den sozialen Interessen geraten? Eine verantwortungsvolle Fortpflanzung kann nicht im Widerspruch zum Anspruch auf Wohlbefinden und Lebensqualität stehen. Das Konzept einer Autononomie per se hat bei Teilen der Frauenbewegung zu einer Mystifizierung der Mütterlichkeit geführt, welcher gegenüber der männlichen Welt eine besondere Macht und Exklusivität zugesprochen wurde. Eine ihres sozialen Charakters entledigte Mütterlichkeit steht im Widerspruch zu dem, was der Feminismus immer gefordert hat, nämlich eine geteilte Verantwortung für die Kindererziehung.
Gleichzeitig haben die Frauen aber auch ambivalente Gefühle hinsichtlich der Mutterschaft und deren Einfluß auf das Unbewußte. Vor allem da die Mehrheit der Frauen Weiblichkeit mit Fruchtbarkeit gleichsetzt. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Mutterschaft weiterhin als Quelle für Selbstwertgefühl und soziale Anerkennung in einer Gesellschaft dient, in der die Frau keinen Zugang zur Macht hat. Zu verneinen, daß diese Faktoren einen schwerwiegenden Einfluß auf große Teile unserer Kritik an der Bevölkerungspolitik haben, hieße, zu ignorieren, daß wir nach wie vor von diesen Wertvorstellungen und Ängsten geprägt sind, die unsere Opferrolle verstärken und unserer Selbstverwirklichung im Wege stehen.

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