«

»

Artikel drucken

VOM KAMPF UM FREIE DIGITALE TERRITORIEN

Netzaktivistin Lilian Chamorro aus Kolumbien

„Couperin, Vivaldi, Bach – nichts gegen Barrockmusik, aber ein ganzes Semester lang?“, beschwert sich Layla Xavier über den Stundenplan am Konservatorium von São Paulo. Die schlaksige Afrobrasilianerin nimmt es mit Humor, dass es einigen der Lehrenden schwerfällt, die tradierte Musikgeschichte neu aufzurollen oder zumindest mehr Vielfalt zuzulassen. „Sollen sie ruhig weiter glauben, dass Noten und Tonleitern nur in Europa erfunden wurden. Ich weiß, dass es anders war“, sagt sie selbstbewusst.

Xaviers kritischer Geist ist nicht nur der Musik verpflichtet. Aufgewachsen in dem selbst-verwalteten Kulturzentrum Casa Tainâ im brasilianischen Campinas, lernte sie früh scheinbare Gegensätze wie Steeldrums, urbane Gärten und Computer zusammen zu denken. Für sie sind Trommeln ganz einfach „frühe Formen freier Software“, Tauschen und Teilen – Grundlage von Kultur und Medien. Und anstatt davon zu träumen, es in die viralen Charts vom Musikstreaming-Dienst Spotify zu schaffen, findet es Xavier viel spannender, stundenlang für „freie digitale Territorien“ zu streiten.

Solche Töne klingen in Deutschland fremd, einem Land, in dem der allgemeine Horizont vernetzter Kommunikation zu oft die Agenda der Bundesregierung bildet. Und die zielt bekanntlich darauf ab, den privatwirtschaftlichen Internetausbau staatlich zu fördern, um so zumindest in Sachen Digitalisierung noch „Weltmeister“ zu werden. Dass sich diese Art nationalen Wettbewerbs- und Wachstumsdenken eher an Märkten statt an der Lebensrealität der Bevölkerung orientiert, ist eine globale Erfahrung. „Um das zu begreifen, musst du nicht nach Amazonien fahren“, sagt Maria Jones, eine junge Studentin von der Kentucky University. „Auch bei uns in den Bergen der Appalachen gibt es kleine Orte, die kaum mit der Außenwelt kommunizieren können. Und das in einem so reichen Land.“ Umso spannender finde es Jones deshalb, lateinamerikanischen Aktivist*innen wie Xavier zuzuhören und partizipative Technologie-Parti­turen aus dem globalen Süden kennenzulernen.
Gelegenheit für solche Begegnungen gab es seit Mai dieses Jahres in Deutschland reichlich: Ob das Global Innovation Gathering (GIG), die altbekannte Medienkonferenz Re:publica, das Battle-Mesh-Treffen von Community Netzwerk-Aktivist*innen oder das Globale Medienforum der Deutschen Welle (DW) – zwischen allerlei Blockchain Bling-Bling waren jeweils auch spannende Projekte aus Lateinamerika vertreten.

Auf dem Maker Space der Re:publica treffe ich Anfang Mai Lilian Chamorro aus Kolumbien. Um sie versammelt, in einem Kreis aus Sitzkissen, hocken Menschen um die 30, die der jungen Elektroingenieurin gespannt zuhören. „Kolumbien ist ein Land mit vielen dünn besiedelten Gebieten, die lange von der Guerilla oder Paramilitärs kontrolliert wurden“, beschreibt sie die Ausgangslage der Region Cauca, in der sie mit ländlichen Gemeinden arbeitet. „Die kommunikative Basisversorgung ist dementsprechend schwach, einige isolierte Community Radios, mehr nicht. Die Menschen wollen jedoch auch digitale Netze nutzen und mit einem Handy telefonieren können.“

Für kommerzielle Anbieter ist die Gegend aber wenig lukrativ, weshalb Colnodo, die NGO, für die Chamorro arbeitet, dort selbst verwaltete Pilotprojekte initiieren will. „Die Regierung hat so einen Netzaufbau von unten bisher gar nicht auf dem Schirm, für viele Funktionäre ist es nicht vorstellbar, wie Campesinos oder Indigenas ein eigenes Mobilfunk- oder WiFi-Netz betreiben sollen“, sagt Chamorro, als sie nach den größten Hindernissen in ihrer Arbeit gefragt wird. Denn technisch möglich seien solche Projekte ohne weiteres. Es gibt Erfahrungen und einen regen Austausch mit nicht-kommerziellen Betreiber*innen aus Mexiko und Brasilien. „Wir wollen auch in Kolumbien dem Staat zeigen, dass Community-Medien sich nicht nur aufs Radiomachen beschränken müssen“, findet Chamorro. Doch dazu müssten die Verantwortlichen sich einen Ruck geben und endlich die legalen Voraussetzungen schaffen.

Internationale Unterstützung kann dafür ein Schlüssel sein. Die Internationale Fernmeldeunion (ITU) und die interamerikanische Telekommunikations-Kommission (CITEL) empfehlen seit langem mehr Vielfalt in den Drahtlosnetzen. Zu Aufmerksamkeit auf der Re:publica verhalf dem Thema auch das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). Auf dem „tech for good“-Podium stellten neben Chamorro noch zwei weitere Aktivist*innen Ideen vor, wie sich ländliche Gemeinden in Südafrika und Mexiko selbst vernetzen. „Für uns sind diese technologischen Alternativen spannend“, sagt Simone Konrad, die das BMZ zu Konnektivitäts-Strategien berät. „Der Markt allein ist eben keine Lösung. Wir sollten deshalb schauen, welche Beiträge dabei auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit leisten kann.“

Dieser Zuspruch sei essenziell, findet auch Carlos Rey Moreno, der sich seit Jahren als Medienentwickler im globalen Süden versucht. Er ist schockiert, wie viel auf der Re:publica von virtueller Realität und Robotern und wie wenig vom Digital Divide die Rede ist. „Es geht hier vor allem um Konsum und Lebenserleichterungen für das westliche Leben. Und das wird global zu mehr Ungleichheit führen, wenn es keine Perspektive gibt, auch die andere Hälfte der Welt zu vernetzen.“

„Doch ein Internetanschluss allein, sagt noch gar nichts aus“, gibt die brasilianische Technologie-Forscherin Debora Leal zu bedenken, die Morenos Kritik mit angehört hat. „Welche Mediennutzung lebt die Online-Community denn potenziellen neuen Nutzer*innen in indigenen Gemeinden vor? Die User konsumieren vor allem Inhalte sozialer Netzwerke, tippen mit einer Hand kurze Kommentare ins Handy, das fast zu einer Art Fernbedienung geworden ist. Das Internet wird mehr und mehr ein Ein-Hand-Medium. “Selbst wenn auf der Re:publica die Verregulierung, Kontrolle und eine zunehmende Monokultur des World Wide Web problematisiert wird, bleibt das „Netz der Netze“ in den Debatten als global-digitaler Kommunikationsraum meist alternativlos. Auf internationalen Hacker*innen­treffen wie dem Battle Mesh dagegen werden jährlich intensiv Erfahrungen über lokale und regionale Drahtlos-Netzwerke ausgetauscht. Regelmäßig sind dort auch Organisationen wie die brasilianische Kooperative Coolab oder ihr argentinisches Pendant Altermundi vertreten. Mit ihren Projekten haben sie auch in Lateinamerika gezeigt, dass sich Online-Zugang kollektiv organisieren lässt und das Paradigma „ein Haushalt, ein Router“ keinem technologischer Zwang unterliegt, sondern allein kommerziellen Interessen geschuldet ist. Aber selbst hier hallt Leals Kulturkritik der Vernetzung nach: „Auch alternativ hergestellte Konnektivität kann negative Folgen für die soziale Interaktion haben. Mich interessiert, wie digitale Netzwerke uns auch menschlich besser verbinden.“

Antworten auf diese Frage konnten Mitte Juni Teilnehmende des Global Media Forums der DW auf der Veranstaltung „Alternative Netzwerk-Initiativen“ hören. Diskutiert wurden nicht nur fünf innovative Community-Netzwerke aus ländlichen, indigenen und Quilombo-Gemeinden Lateinamerikas, sondern auch die „qualitative Dimension des Vernetzt-Seins“. „Für uns war es gar nicht das Ziel, Zugang zum Internet zu schaffen“, beschreiben der Informatiker Rafael Diniz und die Soziologin Anya Orlova in einer Arbeitsgruppe den Ansatz eines Kurzwellen-Netzwerks im brasilianischen Amazonas-Bundestaat Acre, das von der staatlichen Universität São Paulo (UNESP) gefördert wird. Die Dörfer der dortigen Region Juruá sind weit verstreut, auf einem Quadratkilometer leben gerade mal 0,6 Menschen. „Die Bewohner wollten sich vor allem regional besser verständigen“, sagt Diniz, der dafür in den Häusern von sechs weit voneinander entfernten Gemeinden Sendeanlagen installierte. Seine Kollegin Orlova ermutigte die Menschen dazu, ihre eigenen Nutzungscodes zu entwickeln. „Inzwischen gibt es morgens und abends fest vereinbarte Zeiten, wann die Dörfer auf Sendung gehen“, schildert die Forscherin die technologische Aneignung. „Ausgetauscht werden Informationen, Neuigkeiten, Grüße“, und fügt lachend hinzu: „Klar, das ist wenig intim, schließlich ist nie klar, wie viele mithören.“ Neben den digitalen Audiosignalen soll in naher Zukunft auch das drahtlose Versenden von Bildern und Texten möglich werden.

Dass diese Beschallung bisher niemanden zu einem kreativeren Medienmachen inspiriert hat, verblüfft die junge Frau am Nebentisch – Layla Xavier. Das digitale Netzwerk Baobaxia, für das Xavier als Promotorin agiert, will vor allem die kulturellen Bedürfnisse traditioneller Gemeinden auf dem Land bedienen. „Dafür schaffen und teilen die Menschen ihre eigenen Inhalte, in denen sie sich auch selbst wiedererkennen“, sagt sie und liefert dafür mit einem selbst komponierten Song auch gleich ein einprägsames Beispiel. Um Inhalte zu speichern und zu teilen, setzt Baobaxia auf ein dezentrales Servernetzwerk, das alle beteiligten Gemeinden verbindet. Der Clou: Auch Dörfer, die nur einen Server, aber keinen Internetanschluss haben, können mitmachen. „Denn wie früher, wenn Saatgut getauscht wurde, können Videos, Audios oder andere Posts auch auf USB-Sticks oder externen Festplatten von einem Ort an den anderen transportiert und dort im lokalen WiFi-Netz von vielen genutzt werden“, sagt Xavier. „Aus diesen Bewegungen, online und offline, entstehen dann freie, digitale Territorien.“ Welche alternativen Partituren vernetzter Kommunikation sich letztendlich durchsetzen werden, darüber gehen die Meinungen der Tech-Komponist*innen auseinander. Einig sind sie sich jedoch in einem Punkt: „Entscheiden sollen die Gemeinden“, sagt Chamorro am Ende ihres Vortrags. „Dann bleibt unser Dorf lieber erst einmal offline“, sagt Bior Ajang aus dem Südsudan bestimmt. Aber nach seiner Rückkehr wolle er den Aufbau eines eigenen Radio anregen. „Denn dafür gibt es auf jeden Fall einen großen Bedarf. Und Technologien sollten doch im Dienste menschlichen Zusammenlebens stehen und nicht umgekehrt, oder?“

 

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/vom-kampf-um-freie-digitale-territorien/