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Von de Freiheit, selbst zu denken

Olmo stürzt aufgeregt herein und sagt, dass er nicht
denken kann. Dass jemand ihn verhext hat – „ein totes Huhn an der Tür, mit einem roten Band ums Bein, ach!“ – und dass er nicht denken kann. Keiner weiß, wie man Olmo helfen soll, der den Kopf in die Hände stützt und immer dasselbe sagt: dass er nicht denken kann.
Mit diesem Stück Kürzestprosa eröffnet Rolando Sánchez Mejías die Geschichten von Olmo. Gleich im folgenden Text zeigt er, dass Olmo ein belesener Charakter ist, dessen Denkkraft sogar Wunder bewirkt: Olmo hat vor dem Einschlafen noch Kafkas Verwandlung gelesen, beim Aufwachen muss er feststellen, dass er zwar nicht zum Käfer geworden ist wie Kafkas Gregor Samsa, ihm aber doch immerhin die Füße abhanden gekommen sind. Was tun? Er stellt sich vor, dass der Kater des Nachbarn die Füße zurückbringt. „Olmo würde sich die Füße anziehen und aus dem Bett springen …“
Wer ist dieser Olmo? Eine phantastische, sperrige Figur, die zu den absurdesten Gedankengängen in der Lage ist und damit den alltäglichen Problemen des Lebens beizukommen versucht. Zum Beispiel dem Gefühl des Verlustes (der eigenen Füße). Olmo ist neben vielen Tätigkeiten noch Zeitschriftenredakteur und bekommt vom Autor eine „kurze“ Geschichte vorgelegt: „Kurz? Wie kurz?“ – „Dreißig Zeilen. Doppelter Abstand.“ – „Nicht kurz genug. Ich an Ihrer Stelle würde sie eindampfen.“
Rolando Sánchez Mejías stellt sich mit Olmo in die Tradition eines Brechtschen Herrn Keuner und der „Cronopien und Famen“ von Julio Cortázar – und, mit aller Vorsicht, er kann ihnen das Wasser reichen. Wie diese ist er aufgrund der Kürze der Texte befreit von den sachlogischen Erfordernissen langer Erzählprosa und dazu gezwungen, sprachlich äußerst präzise zu sein. Die kurzen Stücke sind empfindlich wie Gedichte. Dass Sánchez Mejías hier nicht scheitert (ebensowenig wie Thomas Brovot, der Übersetzer der deutschen Fassung), macht vor allem ihre Qualität aus.
Zwar ist nicht jeder Einfall verständlich, manche Anspielung wirkt bemüht, aber Sánchez Mejías hatte beim Schreiben wohl kaum ein internationales Publikum im Sinn. Kurz nach seiner Ankunft in Barcelona, 1997, erkrankt er schwer und durchlebt eine zugleich existenzielle und paradoxe Situation: Er ist frei und vom Tode bedroht. In diesem Moment entsteht die Idee der Geschichten von Olmo.
Die Geschichten können also als Bilanz, als ein frühzeitiges und, da lange nach der Genesung publiziertes, vorläufiges Vermächtnis gelesen werden. Sie enthalten eine tiefe Ernsthaftigkeit, die von einem freien Geist zeugt und die dennoch nicht im Widerspruch zur Komik mancher Szenen steht:
„Olmo verhedderte sich immer in folgenden Vorsätzen:
a) erst essen, dann schreiben
b) erst schreiben, dann essen
c) beim Schreiben essen
d) beim Essen schreiben.
Wenn er sich nicht einigen konnte, aß er und legte sich schlafen.“

Rolando Sánchez Mejías: Geschichten von Olmo. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt/M. 2003, 105 S., 16,90 Euro

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