Kultur | Literatur | Nummer 621 - März 2026

Von der Macht der Küche und anderen Lektionen

“Revolution der Frauen” blickt auf zehn Jahre feministischer
 Bewegung in Lateinamerika

Von Susanne Brust

Sophia Boddenberg // Revolution der Frauen. Von Feministinnen in Lateinamerika lernen // mandelbaum verlag // 2025 // 20 Euro // 156 Seiten

Aufmerksamen Leser*innen des LN-Editorials wird die Phrase, dass wir von lateinamerikanischen Feminist*innen viel lernen können, wohl bald zum Halse heraushängen – bleibt sie im kurzen Editorial doch oft wenig konkret. Wie schön, dass dem Thema nun nicht nur eine Seite, sondern ein ganzes Buch gewidmet ist: Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen von Sophia Boddenberg erschien bereits 2025 im mandelbaum verlag.

Die Journalistin und Autorin lebt seit 2014 auf dem Subkontinent und berichtet von dort für verschiedene Medien, auch für die LN. Nach Revolte in Chile ,siehe LN 559, ist Revolution der Frauen ihr zweites Buch. Es ist eine Sammlung von Eindrücken, Gesprächen und Geschichten feministischer Bewegungen, die Boddenberg in zehn Jahren kennengelernt hat. Sie beleuchtet ausführlich die Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt und Feminizide unter dem Stichwort Ni Una Menos (Nicht eine weniger) und erzählt vom Kampf für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche, der sich von Argentinien aus mit seinen grünen Tüchern auf ganz Lateinamerika ausgeweitet hat. Indigenen und antirassistischen feministischen Kämpfen sind ebenso eigene Kapitel gewidmet wie der Verknüpfung von Umweltaktivismus und Feminismus. Was es da zu lernen gibt? Vieles. Zum Beispiel, dass die Küche im Feminismus der Indigenen Mapuche eine entscheidende Rolle spielt.

Revolution der Frauen dürfte vor allem für Leser*innen interessant sein, die sich mit dem Thema noch nicht so viel beschäftigt haben. Doch auch alle anderen finden darin sicher noch etwas Neues: Boddenbergs Bericht aus der Ciudad de las Mujeres (Die Stadt der Frauen) etwa, einer Stadt in Kolumbien, die von durch den bewaffneten Konflikt vertriebenen Frauen aufgebaut wurde. Mit viel Augenmerk auf den regionalen und historischen Kontext zeigt die Autorin immer wieder auf, dass das Patriarchat nur verstanden und bekämpft werden kann, wenn auch Kolonialismus und Kapitalismus angegangen werden.

Boddenberg hat aber nicht die Absicht, eine akademische Abhandlung vorzulegen. Stattdessen erzählt sie sehr persönlich von Begegnungen mit lateinamerikanischen Feminismen und ihren Praxen. Immer wieder kommen Aktivist*innen selbst zu Wort, was das Buch leicht lesbar macht. Zugleich gelingen der Autorin hier und da kurze Exkurse zu feministischen und dekolonialen Theoretikerinnen Lateinamerikas. Dass es einen starken Fokus auf Chile und Argentinien gibt und andere Regionen eher zu kurz kommen, gibt die Autorin im Vorwort gern selbst zu. Hochaktuell ist ihr Blick auf einen „Feminismus gegen Rechts“. Das Kapitel macht klar: Feministische Kämpfe müssen von unten kommen, verbinden statt spalten und Unterschiede anerkennen. Nur so können wir tatsächlich „alles verändern“. Wer wissen will, was wir dabei noch von lateinamerikanischen Feminist*innen lernen können, sollte das Buch unbedingt lesen.


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