«

»

Artikel drucken

Von der Sexarbeiterin zur Prostituierten

Etwa fünfzig Prostituierte fuhren im Januar diesen Jahres im gecharterten Bus nach Porto Alegre. Als Aktivistinnen des brasilianischen Prostituiertennetzwerks nahmen sie diese Reise auf sich, um auf dem Weltsozialforum ihr Projekt mit einem eigenen Stand zu präsentieren. Bei einem Seminar mit 200 Teilnehmerinnen standen fünf Prostituierte Rede und Antwort. Sie erklärten, es sei wichtig, zu ihrer Tätigkeit zu stehen, um Vorurteile und die Opferstigmatisierung zu überwinden.
Das Netzwerk entstand 1987 während des ersten brasilienweiten Treffens, an dem siebzig Prostituierte aus elf Bundesstaaten teilnahmen. Die Pionierin der Bewegung, die Prostituierte Gabriela Silva Leite, organisierte bereits 1979 in São Paulo eine Demonstration gegen Polizeigewalt wegen der Ermordung von drei Prostituierten. Sie rief auch die Prostituiertenkongresse ins Leben.
Seitdem hat sich die Bewegung nicht nur auf zahlreiche Städte ausgeweitet, sondern auch viele Diskussionen und Veränderungen durchlaufen. Symbolisch für den immer größeren gesellschaftlichen Respekt der Prostituierten ist ihre eigene Berufsbezeichnung. Mitte der neunziger Jahre benutzten die Frauen Begriffe wie trabalhadoras do sexo oder profissionais do sexo, angelehnt an den Begriff sex worker. Die Anerkennung der Prostitution als Arbeit sollte hervorgehoben werden, um entsprechende Rechte als Arbeiterin und legale Arbeitsplätze besser einfordern zu können. Das Selbstbewusstsein der Bewegung und die zunehmende Anerkennung durch die Gesellschaft und die Behörden führten jedoch vor kurzem dazu, dass die Frauen des Netzwerkes von dieser Bezeichnung abrückten und sich heute wieder mit Stolz Prostituierte oder Huren nennen.
Die ersten Prostituiertenorganisationen entstanden bereits mit der Einwanderung europäischer, zum Teil jüdischer Prostituierter um die vorletzte Jahrhundertwende. Jüdische Prostituierte gründeten zusammen mit ZuhälterInnen 1906 in Rio de Janeiro ihren eigenen Verein unter dem Motto “Die wahre Hilfsbereitschaft“. Der Zusammenschluss diente vor allem der sozialen Absicherung im Falle von Krankheit oder Todesfall und der Altersversorgung. Da die oftmals als polacas – „Polinnen“ – bezeichneten Prostituierten von der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen wurden, bauten sie eine parallele jüdische Infrastruktur für religiöse und gesellschaftliche Aktivitäten auf. Synagogen und Friedhöfe waren ein Teil davon. Noch heute existiert ein Friedhof im Stadtteil Inhaumá in Rio de Janeiro.

Der Kampf um Anerkennung
Mittlerweile umfasst das brasilianische Prostituiertennetzwerk 27 Organisationen im ganzen Land. Vom südlichen Porto Alegre bis in den Norden in Macapá haben sich Prostituierte zu Selbsthilfeorganisationen zusammengeschlossen. Durch die finanzielle Unterstützung des staatlichen Aidsprogramms konnten einige Projekte der Prävention von Aids und sexuell übertragbaren Krankheiten beginnen, um die Arbeitskolleginnen, BordellbetreiberInnen und Kunden aufzuklären. Doch im Vordergrund stehen die gemeinsamen Ziele, der Diskriminierung und Stigmatisierung entgegenzutreten, sich als Berufsgruppe zu organisieren, rechtliche Anerkennung zu erhalten sowie weitere Organisationen zu gründen. Durch kulturelle und politische Aktivitäten konnte die eigene Wertschätzung unter den Prostituierten gestärkt werden.

Protest gegen Schließung von Stundenhotels
Während in früheren Zeiten willkürliche Maßnahmen der Regierung oder Polizei einfach hingenommen wurden, setzen sich die Frauen heute für ihre Arbeitsbedingungen ein. So versammelten sich Ende September um die 100 Prostituierte im Kulturzentrum der Universität in Belo Horizonte, um sich gegen die angedrohten Schließungen der Stundenhotels der Innenstadt zu wehren. Die Stadtverwaltung hatte die Hotels angewiesen, innerhalb einer Woche Lizenzen vorzuzeigen. Diese werden allerdings nur nach Vorlage eines vollständigen Registers der Hotelgäste erteilt. Da weder Kunden noch die Sexarbeiterinnen Interesse daran haben, ihre vollständigen Daten an der Rezeption abzugeben, läuft diese staatlichen Maßnahme auf eine Schließung durch die Hintertür hinaus. Hintergrund ist die geplante Wiederbelebung des Stadtzentrums von Belo Horizonte. Unter diesem Vorwand wurden schon in vielen brasilianischen Städten die traditionellen Rotlichtzonen wegsaniert, zum Beispiel in Salvador und Recife. Die Vertreibung der Prostituierten und die Schließungen der Arbeitsstätten standen auch im historischen Stadtkern Rio de Janeiros auf dem Plan. Dort gelang es den Frauen, sich in die Stadtplanung einzumischen. Durch Treffen mit der Stadtverwaltung und Gesangsshows der Prostituierten auf dem Praça Tiradentes gelang es, die Umsiedlung zu verhindern und sich stattdessen als Protagonistinnen in die Planung zu integrieren.
Als Meilenstein auf dem Weg zur rechtlichen Anerkennung kann die Aufnahme der Prostitution auf die Webseite des Arbeitsministeriums vor drei Jahren gewertet werden.
Unter der Bezeichnung Prostituierte, Sexarbeiterin, Callgirl und Callboy findet man die Stellenbeschreibung für diesen Arbeitsbereich in dem sogenannten Katalog der Tätigkeiten. Dort wird angeraten, Workshops für Safer Sex zu besuchen, und beschrieben, welche Arbeitsmaterialien benötigt werden. Die Anerkennung als Berufstätigkeit ist ein großer Fortschritt. Die Prostituierten können sich jetzt mehr Gehör bei den Behörden verschaffen.
Federführend bei der Legalisierung der Prostitution ist die Organisation Davida, die Gabriela Silva Leite 1992 gründete, eine Art Dachverband der Prostituiertengruppen. Davida unterstützte den Gesetzesentwurf, der 2003 vom damaligen Abgeordneten der Arbeiterpartei PT, Fernando Gabeira, ins Parlament eingebracht wurde. Basierend auf der deutschen Gesetzgebung soll den Prostituierten darin die Möglichkeit gegeben werden, ihren Lohn einzufordern. Das Führen eines Bordells oder ähnlicher Einrichtungen soll nicht mehr unter Strafe gestellt werden. Angesichts der aktuellen Regierungskrise ist jedoch nicht absehbar, wann der Gesetzesentwurf wieder auf die Tagesordnung kommt.

Internationaler Hurentag
Über solche Geschehnisse informiert die Zeitung Beijo da Rua („Kuss der Straße“), die ein Jahr nach dem Vorschlag der Teilnehmerinnen des ersten Hurenkongresses ins Leben gerufen wurde. Auch sämtliche Aktionen und Demonstrationen der Prostituiertengruppen vom 2. Juni 2005, dem Internationalen Hurentag, sind dort nachzulesen. Der Hurentag entstand in Erinnerung an einen Prostituiertenstreik 1975 in Frankreich, als die Frauen die Kirchen besetzten, um auf die Polizeirepression aufmerksam zu machen. In diesem Jahr nutzten die Prostituierten aus Bahia in Salvador diesen Tag, um vor dem Rathaus für die Anerkennung der Prostitution und gegen ihre Diskriminierung zu demonstrieren. Ironischerweise fand auf dem gleichen Platz eine Kundgebung der Militärpolizei statt, die ihren 180. Gründungstag feierte und von der ein großer Teil der Gewalt und Diskriminierung gegen Sexarbeiterinnen ausgeht.
Höhepunkt des 2. Juni 2005 war die Einweihung der Internetseite des brasilianischen Prostituiertennetzwerkes mit einem großen Fest bei Davida in Rio de Janeiro. Eine der ersten Pressemitteilungen war die Kritik an der konservativen Aidspolitik der Bush-Regierung, die ihre Entwicklungsorganisation USAid anwies, nur noch Gelder zur Aidsprävention an Organisationen zu vergeben, die sich gegen Prostitution aussprechen. Die Prämisse der Enthaltsamkeit, die von der US-amerikanischen Regierung verfolgt wird, steht konträr zur brasilianischen Aufklärungspolitik. In Brasilien gibt es sogar eine Kampagne eines Gesundheitsministeriums, die sich an Prostituierte richtet, mit der Aufforderung ihre Tätigkeit selbst- und gesundheitsbewusst auszuüben.
Gabriela Silva Leite konnte zwar nicht an dem Fest der Redakteurinnen der brasilianischen Huren-Website teilnehmen, aber sie feierte den Prostituierten-Gedenktag auf besondere Art. Die Aktivistin war als Vertreterin des Network for Sex Work Projects zu einem UNAIDS-Treffen mit dem UNO-Generalsekretär Kofi Annan eingeladen.

„Ich bin eine Prostituierte“
Nach ihrem jahrelangen Engagement war es für sie ein besonderer Moment, dem Generalsekretär sagen zu können „Ich bin eine Prostituierte“.
Kofi Annan bemerkte, dass „die Welt vor der Prostitution als ältestem Gewerbe nicht die Augen verschließen darf“, und nahm die Bitte der AidsaktivistInnen entgegen, seinen Einfluss gegen eine noch immer von vielen Regierungen verfolgte konservative Aidspolitik zu benutzen.
Die SexarbeiterInnen werden sich weiterhin für ihre Rechte einsetzen und Respekt für ihre Tätigkeit einfordern. Die Präsentation ihrer Arbeit auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre war für die Prostituierten ein stärkender Moment auf ihrem langen Weg, als selbständig handelndes politisches Subjekt anerkannt zu werden. So werden auch im nächsten Jahr bei dem lateinamerikanischen Sozialforum in Venezuela die Huren, Prostituierten, Sexarbeiterinnen, wie immer sie sich nennen mögen, ihre Stimme erheben.

Weitere Informationen unter:
www.davida.org.br
www.beijodarua.com.br
www.redeprostitutas.org.br

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/von-der-sexarbeiterin-zur-prostituierten/