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Von Haien, Briefbomben und verräterischen Texten

Ein von der Midlife Crisis geplagter argentinischer Literaturwissenschaftler im freiwilligen akademischen Exil auf dem Campus einer US-amerikanischen Elite Universität, eine Handvoll exzentrischer Kollegen, die statt Leichen Haie im Keller halten, und ein politisch motivierter Attentäter, der Briefbomben an angesehene Mitglieder der Academia verschickt: der Plot von Munk entspricht nicht nur einem klassischen Kriminalroman, er ist sogar einer tatsächlichen Serie von Anschlägen nachempfunden. Piglias Charaker Thomas Munk ist das literarische Abbild Ted Kaczinskys, dem berüchtigten Unabomber, der zwischen 1978 und 1995 insgesamt 16 Briefbomben, insbesondere an Universitätsprofessoren, verschickt hat. Fast alle biografischen Daten Munks stimmen mit denen Kaczinskys überein, lediglich den Namen hat Piglia geändert. Trotz des prominenten Vorbilds ist Munk selbst nur ein Statist, und die Kriminalgeschichte nur Rahmenhandlung. Das eigentliche Thema des Romans ist die Literatur selbst: die Wirkungsmacht von Texten ist es, die hier über Freundschaft und Verrat, Leben, Liebe und Tod entscheidet. Munk ist eben nicht bloß eine weitere kulturelle Adaption der Geschichte des Unabombers. Piglia verwendet diese lediglich als Aufhänger für eine behutsam formulierte Analyse und Kritik der akademischen Landschaft der Vereinigten Staaten und ihrer Gesellschaft im Allgemeinen. Der Campus der Taylor University ist ein Ort, an dem Intrigen gespannt und elitäres Denken gefördert werden. Politisches Interesse und humanistische Ideale werden als Heuchelei entlarvt. Auch ein im Umfeld des Protagonisten Emilio Renzi weit verbreitetes Desinteresse an der lateinamerikanischen Kultur und Zugehörigkeit kommt bisweilen zur Sprache. Letzteres steht zwar keineswegs im Vordergrund, taucht aber immer wieder auf und führt den Roman trotz US-amerikanischem Schauplatz zurück zu den Wurzeln des Autors, zu den Grausamkeiten der argentinischen Militärdiktatur, in die Straßen von Buenos Aires.
Die Figuren – von Emilio Renzi und seiner Affäre, der Professorin Ida Brown, abgesehen – wirken bisweilen nicht klar umrissen, was allerdings nicht weiter schlimm ist, da ihre persönlichen Geschichten keinen wirklichen Einfluss auf den Roman selbst haben. Sie sind austauschbar, und vielleicht hat Piglia dies auch genau so beabsichtigt. Letztendlich dienen sie dem alleinigen Zweck, Renzi und Munk zusammenzuführen und dabei das Mysterium um Ida, ihren Tod und ihre mögliche Verwicklung in die Attentate aufrechtzuerhalten.
Munk appelliert an das literarische Ich eines jeden Menschen, das in seiner jeweils eigenen und immer zutiefst individuellen Art zu Schreiben Ausdruck findet. Wie auch Ted Kaczinsky wird Thomas Munk schließlich zum Opfer seiner eigenen Worte, die seine wahre Identität preisgeben und ihn ausliefern. Letztendlich geht es darum, dass ein Gespür für Texte und die Fähigkeit, Bögen zwischen ihnen spannen zu können, den Verlauf der Geschichte verändern kann.
Vor allem aber ist Munk eine als Roman verkleidete Verteidigung der Literatur und ihrer Wissenschaft, ein regelrechter Aufruf zur Genauigkeit und Freude an der Lektüre, und dazu, die Macht des geschriebenen Wortes niemals zu unterschätzen.

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