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Von Utopien, Liebe und bärtigen Frauen

„Shit, du hast recht“, sagte Susan, „kurzum, Fantomas wird dir den Rest erklären. Ruf mich am Abend an, hier ist alles so weiß und riecht so sauber, ich werde mit Nadeln gestochen, es gibt keine Bücher mehr, und das einzig Gute, das es im Fernsehen zu sehen gibt, ist eine Verfilmung einer meiner Romane, den ich auswendig kenne.“ „Meine Arme …,“ begann der Erzähler, konnte aber seinen Satz nicht mehr vollenden, weil die Scheiben des Fensters in Splittern durch die Gegend flogen (und dabei ist Glas laut der Wissenschaft eine Flüssigkeit) und Fantomas, wie es seine Angewohnheit war, mit einer weißen Maske und einem stahlblauen Anzug plötzlich inmitten des Wohnzimmers auftauchte.
Der argentinische Schriftsteller Julio Cortázar (1914-1984) war 1975 Mitglied des in Brüssel tagenden II. Russell-Tribunals, dessen Aufgabe darin bestand, die Menschen- und Völkerrechtsverletzungen in den südamerikanischen Diktaturen zu untersuchen. Auf der Rückreise von Brüssel in seine Wahlheimat Paris fand Cortázar am Bahnhofskiosk nur eine mexikanische Ausgabe von Fantomas und verwob diese Lektüre mit seinen Eindrücken des Tribunals zu der utopischen Erzählung Fantomas gegen die multinationalen Vampire. Cortázar unterlegte den Text mit Comic-Zeichnungen, Zeitungsartikeln und Auszügen aus dem Abschlussbericht des Tribunals. Er mischte Utopie und Realität. Eine Verschwörung ist im Gange. Nach Angriffen auf Bibliotheken in aller Welt sind die Bücher verschwunden. Anonyme Drohungen setzen die Intellektuellen unter Druck, keine weiteren Bücher zu schreiben. Doch die Literaten schließen sich zusammen. SchriftstellerInnen wie der Erzähler (niemand anders als Julio Cortázar selbst), Susan Sontag, Octavio Paz, Gabriel García Márquez und viele mehr versuchen die Verschwörung aufzudecken. Hilfe erhoffen sie sich von Fantomas. Er soll die Verschwörer bezwingen. Doch Fantomas will die Gegner im Alleingang vernichten und scheitert: „Ich frage mich, ob ihr nicht recht hattet, ihr Drecksintellektuellen”, sagte Fantomas, „da ist man tagelang weltweit im Einsatz und es sieht nicht danach aus, als würden sich die Dinge allzusehr ändern.” Cortázars Erzählung ist fantastisch und experimentell, politisch und trotz aller Rückschläge hoffnungsvoll: „Das Gute an den Utopien”, sagte deutlich eine afrokubanische Stimme, die wie eine Rassel klang, „ist, dass sie realisierbar sind. Man muss anfangen zu kämpfen, Genosse, von drüben zieht ein neuer Morgen herauf (…).“
Der neu gegründete Septime Verlag hat Cortázars Fantomas-Erzählung anlässlich dessen 25. Todestages erstmals in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Umrahmt ist die Erzählung von einer Zusammenfassung der Hintergründe des II.Russell-Tribunals und einem einleitenden Nachruf Gabriel García Márquez’ (damals Vize-Präsident des Tribunals) zum Tode seines Freundes Julio Cortázar. Hinzu kommt eine Kurzbiografie Cortázars und ein Nachwort von Claudia Weber.
Neben der Titelerzählung wartet die Erstpublikation des Wiener Verlags mit drei weiteren Erzählungen lateinamerikanischer Autoren auf, die erstmals auf Deutsch erscheinen. Dazu zählen bekanntere wie der Chilene Roberto Bolaño (Das Labyrinth) und der Mexikaner Juan Villoro (Die ewige Rückkehr zur bärtigen Frau), als auch der hierzulande (noch) weniger bekannte Peruaner Santiago Roncagliolo (Der Fahrgast neben mir). Neben den Erzählungen finden sich Romanauszüge aus Drei traurige Tiger des Kubaners Guillermo Cabrera Infante (mit einem Vorwort von Claudia Hammerschmidt) und Plasma von Guadalupe Santa Cruz. Letztere wurde 1952 in den USA geboren und ist chilenische Staatsbürgerin. Ihr Roman handelt von dem Detektiv Bruno, der Rita, eine vermeintliche Drogenhändlerin, sucht. Rita arbeitet in einer Plasmafabrik. Bei seinen Ermittlungen stellt Bruno fest, dass er mit Rita die Leidenschaft der Buchstaben und Worte teilt und stellt seine Ermittlungen nach und nach ein.
Doch auch deutschsprachige AutorInnen, die über Lateinamerika erzählen, kommen in der Anthologie zu Wort. Der Text Lena Ponce von Alban Nikolai Herbst handelt von einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte. Ein deutscher Fleischhändler ist das erste Mal in Buenos Aires und hat gerade ein Geschäft abgeschlossen, als er Lena erblickt. Es wird mehrere Tage dauern, bis die zwei zueinander finden. Die ersten Begegnungen sind kurz, doch vor dem ersten von beiden ersehnten Zusammensein ist ein Auftragsmord zu erledigen. Der Autor Matthias Politycki lässt Herrn Broder Broschkuss in Hamburg um die Innenalster spazieren. „Nie wieder gratinierten Walfischhoden auf Trüffelpüree”, resümiert Broschkuss. Im Zuge der New Economy Krise wurden seine riskanten Spekulationsgeschäfte aufgedeckt. Sein Ausweg: Er will die Mulattin, die er im letzten Kubaurlaub kennen gelernt hatte, wieder finden. Bei „Das letzte Lächeln des Herrn Broder Broschkuss“ handelt es sich um das ursprünglich zweite, letztendlich aber gestrichene Kapitel aus Polityckis 2005 erschienenem Roman Herr der Hörner. Als dritte deutsche Autorin ist Keto von Waberer mit der Erzählung Das Katzenhaus vertreten. Darin schildert sie, wie eine junge Frau in der Trägheit eines mexikanischen Sommers dem Geheimnis eines Katzenhauses auf die Spur kommt.
Insgesamt hat der Septime Verlag mit seiner liebevoll gestalteten Edition von Erzählungen aus und über Lateinamerika ein gelungenes Debüt hingelegt. Bei der Auswahl der Erzählungen fällt vor allem die Vielseitigkeit hinsichtlich der Stile, AutorInnen und Themen auf. Cortázars Utopie, Herbsts Liebesgeschichte und Santa Cruz´ Wortspielereien sind zeitlos aktuell, die Perspektive aus und über Lateinamerika ist facettenreich. Die beigefügten informativen Kurzbiografien und Essays runden den Band ab.

PERSPEKTIVENWECHSEL NO. 1 // Julio Cortázar: Fantomas gegen die multinationalen Vampire und andere Erzählungen aus und über Lateinamerika // Septime Verlag // Wien 2009 // 240 Seiten, teils farbig // 16,50 Euro // www.septime-verlag.at

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