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Vorschläge für ganz Bolivien

Auf einer improvisierten Bühne im Jugendzentrum Inti Watana in La Paz streiten sich die SchauspielerInnen heftig um einen Stuhl: Der symbolisiert nichts weniger als den Präsidentenstuhl, auf dem schließlich ein Mann mit englischem Akzent Platz nimmt. Gonzalo Sánchez de Lozada, so treffend dargestellt, das alle im Publikum lachen. Schleunigst verkauft er alles an Staatsbetrieben, was er auf der Bühne vorfindet. Kaum fünf Minuten Schauspiel später haben bereits zwei weitere Präsidenten die historische Bühnen Boliviens betreten. Ist die politische Instabilität ein Symptom für die Unregierbarkeit des Andenstaates? Oder ist sie notwendiges Übel beim Übergang von einer Korruptokratie, beherrscht von einer kleinen nicht-indianischen, verkrusteten politischen Elite, hin zu einer multi- und interkulturellen Gesellschaft, in der auch die indianische Mehrheit einen gleichberechtigten Platz hat?
Ihm gehe es allein um die Einhaltung der Verfassung, sagt der junge Mann, der den derzeitigen Präsidenten Eduardo Rodriguez darstellt. Doch genau die sei reformbedürftig, reklamiert eine Frau und fordert die Durchführung der nach den Massakern von Oktober 2003 von Präsident Mesa versprochenen verfassunggebenden Versammlung. Zuerst die Parlamentswahlen, wirft eine andere ein. Und der junge Mann mit Zopf, der zuvor schon Sánchez de Lozada dargestellt hatte, fordert nun als Vertreter der Oberschicht aus dem Tiefland zuerst das Autonomiestatut für die Regionen. Alles Quatsch, lasst uns endlich aufstehen: Erneute Straßenblockaden und soziale Proteste, um dem Polittheater, bei dem sich doch nichts ändere, ein Ende zu bereiten.
Nun führt der Leiter der Theatergruppe einen Zuschauer aus dem Publikum auf die Bühne. Was würde er jetzt in diesem Stück tun und als Lösung vorschlagen. „Was können wir schon tun? Die Lage ist derart verfahren.“ Sichtlich gestresst schlägt der Publikumsschauspieler die Einbeziehung aller Akteure und Verständigungskanäle vor. Eine europäische Frau aus dem Publikum hält es jetzt nicht mehr auf dem Stuhl. Für Gaby Kuppers, Beraterin der grünen Fraktion im Europaparlament, fehlt dem Stück die internationale Dimension des bolivianischen Konflikts: Während alle an ihren Armen zerren, drängt sie darauf, endlich Rechtssicherheit für die Auslandsinvestitionen zu schaffen. „Bekommst du sofort von uns, wenn wir die Autonomie gesichert haben“, sagt der Vertreter der Elite aus Santa Cruz und zieht Gaby Kuppers auf seine Seite. Dass zwar die internationalen Erdölkonzerne, nicht aber die indigene Bevölkerung im lautstarken aber wenig demokratischen Bürgerkomitee von Santa Cruz vertreten sind, wissen auch die Jugendlichen im Regierungssitz La Paz.

Hoffnungen und Zweifel

Und auf einmal sind sie inmitten einer lebhaften Diskussion: Ziel der Theaterarbeit, mit dem die Organisation Inti Watana durch das Land zieht, ist es, die Vorstellungen von Kindern und Jugendlichen für das zukünftiges Bolivien zu sammeln und sie in die Debatten der verfassungsgebenden Versammlung einzuspeisen. Denn ihre Interessen kommen bei den politischen Auseinandersetzungen in der Regel zu kurz.
Bei einem Auftritt im Kolosseum von La Paz sei ein Jugendlicher auf die Bühne gestürmt und habe den Stuhl an sich gerissen und fast zerbrochen, so wütend sei er gewesen, erzählt der Theaterleiter. Diesmal ist die Debatte friedlicher: „Was uns so zornig macht, ist, dass unsere Präsidenten den ausländischen Regierungen mehr Folge leisten, als der eigenen Bevölkerung“, sagt Helen. Solange hätten sie sie manipuliert, um das neoliberale Wirtschaftssystem zu etablieren. Aber jetzt sei der Punkt gekommen, wo es so nicht mehr weiter ginge.
„Die Reichen behandeln uns wie Idioten. Wir haben überlegt, selbst bei den Wahlen zu kandidieren. Aber wenn man Erfolg haben will, braucht man 20.000 US-Dollar für die Kampagne. Da haben wir drauf verzichtet,“ meint Archie, der schon lange bei Inti Watana mitarbeitet. Die meisten der Jugendlichen setzen auf Verständigung, auf Dialog, auf die verfassunggebende Versammlung. Dort sollen die Regeln des Zusammenlebens neu definiert werden, um auf dieser Basis die Probleme zu lösen, unter Wahrung der Interessen aller. Zweifel haben die Jugendlichen jedoch auch bei der verfassungsgebenden Versammlung, die die Vertreter der traditionellen Parteien, die inzwischen wieder die Regierungsämter besetzen, ohnehin weiter hinten auf die Prioritätenliste gesetzt haben. „Wahrscheinlich wird auch die verfassungsgebende Versammlung nicht so laufen, wie wir uns das wünschen. Wahrscheinlich versuchen sie, uns auch dort zu manipulieren. Aber wenn wir gar nichts tun, sieht es noch schlechter aus.“

Kampf dem teuren Leben

Auch die Vertreterinnen und Vertreter der Nachbarschaftsorganisationen, Elternvereinigungen und Kindergruppen im hochgelegenen Randviertel Pampahasi sprühen nicht gerade vor Optimismus. „Wir können nicht erwarten, dass die Eltern uns unsere Probleme lösen, und deshalb sind wir auf die Straße gegangen“, sagt ein arbeitendes Kind in der von der Fundación La Paz organisierten Sitzung mit dem französischen Europaabgeordneten Alain Lipietz und seiner Begleitung. „Wie kann von Lebensqualität die Rede sein“, fragt ein arbeitendes Kind „wenn unsere Eltern gerade mal 400 Bolivianos im Monat verdienen (umgerechnet 40 Euro) und die Unternehmen uns dann noch ausnehmen?“ Fanny Choque von der Elternvereinigung beklagt, dass die selbstverwalteten Kindertagesstätten in vielen Fällen heute monatlich 800 statt früher 150 Bolivianos monatlicher Wassergebühren zahlen müssen. 20 Bolivianos Gebühren im Monat pro Kind müssen die Eltern im Monat beitragen. Bei 53 Kindern macht das 1060 Bolivianos. Essen, Strom und Arbeitsmaterial müssen auch noch gekauft werden. Eine Erzieherin bekommt aus einem Regierungsprogramm, wenn auch unregelmäßig, gerade mal 300 Bolivianos im Monat für einen Zehnstundenarbeitstag. Trotzdem arbeiten sie gerne. Für ihre Kinder, sagen sie. „Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll. Ob wir morgen schließen müssen. Schauen sie die Klos an, da haben wir das Wasser abstellen müssen. Hygienisch ist das nicht“, drängt die Kindergartenleiterin. Lipietz glaubt ihr auch so. Anders das Wasserunternehmen. Seit drei Jahren versucht die Elternvereinigung ADIA vergeblich bei dem Tochterunternehmen des französischen Konzerns Suez Lyonaise des Eaux, soziale statt kommerzielle Tarife für die Kindergärten eingeräumt zu bekommen. Jetzt haben sie eine Kampagne gestartet für einen Sozialfonds für Kinder- und Jugendliche, der dem bolivianischen Staat Mittel für die Grundversorgung der Kinder beschaffen soll, ohne dass sich Bolivien weiter bei der Weltbank verschulden muss, deren Kredit zur Zahlung der mageren Gehälter der Kindergärtnerinnen gerade ausläuft. 30.000 Unterschriften in La Paz haben sie schon für den Fonds gesammelt, 170.000 fehlen ihnen noch.

Ferne Präsidentschaftskandidaten

Auch in Pampahasi erwarten die Leute wenig von den für Dezember geplanten Wahlen. Wenn Tuto Quiroga gewinnt, wird er die Politik weiterführen, die er schon als Vizepräsident und Nachfolger des rechten Ex-Generals Banzer betrieben hat. Vielleicht ein weniger moderner, ein wenig intelligenter als damals, als es bei sozialen Protesten immer wieder Tote gab. Würde Evo Morales, der Vertreter der immer stärker werdenden sozialen Bewegungen, erster indianischer Präsident des Andenstaates, dann würden US-Botschaft und die Unternehmerschaft im Tiefland wohl kaum Ruhe geben, ähnlich wie damals in Allendes Chile oder heute gegen Chávez in Venezuela. Und selbst Evo Morales Partei MAS habe sich schon zu weit von der Wirklichkeit der Viertel entfernt, meinen die Leute von Pampahasi. Nie wäre ein MAS-Abgeordneter mal zu ihnen gekommen. Viele zweifeln sogar an der verfassunggebenden Versammlung, obwohl sie alle auf mehr Verständigung, weniger Diskriminierung, auf mehr Einheit und weniger Eigeninteressen setzen. Wie? Zum Beispiel die Erdölunternehmen. Man wolle Auslandsinvestitionen, aber die Reichtümer des Landes sollte sich die Bevölkerung mit den Unternehmen mindestens Halbe Halbe teilen.

Selbstbewusste Ideen und Forderungen

Die Sorgen der VertreterInnen des bolivianischen Kinderparlaments, die sich jede Woche bei Inti Watana zur Koordination treffen, und dabei von den älteren Jugendlichen unterstützt werden, klingen konkreter und haben doch mit dem nötigen politischen und gesellschaftlichen Wandel in Bolivien zu tun. „Niemand schert sich darum, wenn ein Kind nicht in die Schule geht“, beklagt die zwölfjährige Alexandra Lopez von der staatlichen Schule Cristo Rey. Auch die Unsicherheit durch Banden oder Kinderschänder ist eine Folge der sozialen Krise, aufgrund derer Eltern immer weniger Zeit für ihre Kinder haben, weil sie permanent um die Sicherung der Lebensgrundlagen bemüht sind. Kurz zuvor hatten die Kinder massiv demonstriert, als das Mädchen Estefany entführt, missbraucht und getötet worden war. Die zwischenzeitliche Einführung von Sicherheitsgruppen in zahlreichen Schulen, die nach Unterrichtsende darauf achten, dass die Kinder sicher nach Hause kommen, geht auf einen Vorschlag des Kinderparlaments zurück. Dieses plant ebenfalls, über öffentliche Anhörungen und über ihr eigenes Radioprogramm, Kinder und Jugendliche zu konkreten Vorschlägen für die verfassunggebende Versammlung zu motivieren. Gerne wären sie selbst dabei, um mitzudiskutieren. Aber das Gesetz verbietet dies. So werden sie über Lobbyarbeit versuchen, ihre Themen einzubringen: Zum Beispiel die Einführung eines Zivildienstes statt der Militärpflicht, um soziale Probleme lösen zu können. Sie wollen, dass Kinder nicht nur wie derzeit bis zum fünften Lebensjahr garantiert medizinisch versorgt werden, sondern darüber hinaus. Sie interessieren sich für vertrauliche Sexualerziehung und Beratung in den Schulen, wie es ein Gesetz vorsah, das von der katholischen Kirche gestoppt wurde. Und sie würden gerne auch als Kinder Verträge unterschreiben können, um mit ihren Organisationen als Bürgerinnen und Bürger anerkannt zu werden. „Wir haben Vorschläge nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern für ganz Bolivien.“

Peter Strack ist Koordinator des Andenbüros von Terre des Hommes. Inti Watana, Fundación La Paz und die Elternvereinigung ADIA sind TdH-Projektpartner.

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