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Wahl am Ende der Welt

1.000 Kilometer, siebzehn Stunden, einmal Umsteigen von der chilenischen Hauptstadt Santiago entfernt – hier fängt Patagonien an. Die größte Busgesellschaft betreibt eine eigene Fähre, die jede halbe Stunde ablegt nach Chiloé, die größte Insel der Region. Es ist windig, und es ist ein heller, schöner Tag. Die Passagiere blinzeln in die Sonne.
Diejenigen von ihnen, die hier wohnen, wissen, wie rar und wertvoll der blaue Himmel über ihrer Insel ist. Schon Charles Darwin, der sie 1834 besuchte, schrieb in sein Tagebuch: „Es gibt wohl keinen Ort auf der Erde, wo es so viel regnet“. Die Blechdächer der bunten Holzhäuser, die der Insel ein skandinavisches Flair geben, haben eine rostrote Patina. Die Menschen sind ruhig, freundlich und reden wenig, wenn man sie nicht kennt, schon gar nicht über Politik. Das könnte sich ändern. In drei Tagen werden sie in einer Stichwahl den chilenischen Präsidenten wählen.
Daniel ist besonders schweigsam. Man muss aber nicht mit ihm sprechen, um ihn kennen zu lernen. Wer ihm zusieht, wie er mit den Pferden seiner Familie umgeht, lernt viel über ihn und die Mentalität der Chiloten, wie sich die Bewohner Chiloés nennen. Mit langsamen, aber entschiedenen Bewegungen sattelt er den jungen, schwarzen Wallach Pancho. Daniel trabt mit ihm ruhig und kraftvoll durch die Dünen und die Märchenwälder des Chiloé-Nationalparks. Später will er vielleicht fortgehen von hier, zur Marine, „da kann man reisen“. Ob er Chiloé vermissen wird? Er nickt. Aber was hilft‘s?
Gegen Abend fängt es an zu regnen. Die windschiefen Bäume ducken sich noch mehr, die Landschaft scheint noch grüner aus, fast grellgrün. Übermorgen wird gewählt in Chiloé. Daniel kann noch nicht wählen, aber wenn er dürfte, würde er wie seine Familie dem Kandidaten der rechten Partei, Sebastian Piñera, seine Stimme geben.
„Wir wählen hier alle rechts“, sagt seine Mutter, während sie in der Küche Muscheln putzt. Die „Mariscos“ sind eine Spezialität der Insel. Sie machen am meisten Arbeit, aber die Gäste ihrer Pension mögen sie am liebsten, und für morgen erwartet sie viele Gäste. Es ist Hauptsaison, die schönsten, wärmsten Monate in Nordpatagonien. Für sie und ihre beiden Aushilfen heißt das: Vier Monate Schufterei von früh bis spät. Warum sie Piñera wählen wird? „Na, der hat ein Konzept. Eduardo Frei, der andere Kandidat, der hat doch gar nichts. Piñera wird uns geben, was wir brauchen, eine Universität für die Kinder, einen Flughafen. Die bisherige Regierung hat nichts getan für Chiloé.“ Und schon ist sie wieder im Gastraum. Eine Gruppe wetterfester Camper ist von einer Wanderung gekommen. Morgen sind Wahlen, schön und gut, aber sie muss arbeiten.
Eine Universität? Ein Flughafen? Susanne lächelt bitter. „Wer hat Dir das denn gesagt?“ Sie holt Luft und sieht zum Fenster hinaus, wo es regnet und eine der stachligen Riesen-Rhabarberpflanzen sich im Wind wiegt, die auf der Insel in riesigen Feldern wachsen. Was die Wähler der Opposition alle wollen, ist Wandel. Die Concertación ist schon seit dem Ende der Militärdiktatur 1990 an der Macht. Wandel, aber von wo, und wohin? „Schau, das Sozialsystem ist hier besser als in Deutschland. Wer unter der Armutsgrenze lebt, bekommt von der Regierung ein Grundstück und ein Haus geschenkt. Da drüben, das sind alles Sozialhäuser.“ Sie deutet hinaus ans Seeufer.
Unter anderem wegen der guten Sozialleistungen würden nach Umfragen 70 Prozent der ChilenInnen noch einmal Michelle Bachelet wählen. Aber in Chile darf kein Präsident zweimal hintereinander kandidieren, das steht seit der Diktaturerfahrung unter Pinochet in der Verfassung. „Frei ist kein optimaler Kandidat der Linken. Wenn Piñera deshalb an die Macht kommt, wird sich zwar sicher etwas ändern, aber nicht zum Guten für die Mehrheit, für die Armen und die Mittelschicht.“ Susi ist vor siebzehn Jahren aus Deutschland eingewandert. Niemals könnte sie in Deutschland so gut leben wie hier, glaubt sie – noch. Beeinflussen kann sie es nicht. Heute sind Wahlen, als Immigrantin darf sie nicht hin.
Eine starke Mittelschicht? Für Antonio Torre und Guadalupe Montevideo gibt es die schon lange nicht mehr. In der Provinzhauptstadt Castro, wo sie wohnen, werden viele der Palafitos, der bunten Stelzenhäuser im Fjord, vom Regen zerfressen. Ihre Bewohner haben nicht das Geld, sie regelmässig zu renovieren. „Fünfzig Prozent der Arbeitnehmer machen qualifizierte Arbeit nicht mehr für die Unternehmen direkt, sondern für Subunternehmen, die ihnen nur die Hälfte des Mindestlohns zahlen.“ Der liegt schon bei nur 165.000 Pesos (233 Euro), was kaum zum Leben reicht in Chile.
Antonio und Guadalupe machen sich Sorgen um ihr Land. „Es geht uns hier besser als in anderen südamerikanischen Ländern, aber das heißt auch, dass wir mehr zu verlieren haben.“ Zum Beispiel die natürlichen Ressourcen Chiles wie Kupfer oder Lithium, für die der mit US-Hilfe an die Macht geputschte Pinochet zu Spottpreisen Konzessionen an ausländische Konzerne gegeben hatte. Der milliardenschwere Unternehmer Sebastián Piñera wird diese Politik fortführen, fürchten sie. „Es fehlt der politische Wille“, sagt Antonio immer wieder, der Wille, die Dinge vom Kopf auf die Füße zu stellen.
Mit ihrer politischen Einstellung fühlen sich die beiden in Castro fast allein. Nach Bekanntgabe der ersten Hochrechungen ist auf der Plaza de Armas Wahlparty – sie gehen nicht hin. Sebastián Piñera hat mit gut zwei Prozent Vorsprung die Stichwahl gewonnen. Im Departamento Los Lagos haben ihn sechsundfünfzig Prozent gewählt, in Chiloé werden es mehr sein. Sie tanzen und singen vor einer Pappstatue des künftigen Präsidenten. Alkohol gibt es nicht, der Ausschank ist am Wahlsonntag im ganzen Land verboten, und um zehn ist die Party vorbei. Chiloé ist eben nicht Santiago. Nur noch ein paar Jugendliche skandieren „Piñera, Piñera Presidente“. Warum sie sich freuen? „Wandel“, sagen sie, „es wird einen Wandel geben.“

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