„Was wir brauchen ist echte Macht”
Interview mit Verónika Mendoza über Politik von unten

Nicht als Politikerin, sondern als peruanische Bürgerin: Wie sehen Sie die aktuelle Situation im Land?
Als Schwester, Tochter, als Mutter empfinde ich einerseits viel Schmerz, Empörung, Wut über die Situation im Land. Nicht nur wegen der politischen Krise, der Instabilität, dem ständigen Wechseln von Präsidenten, Ministern, dem Kongress, sondern vor allem wegen der wachsenden öffentlichen Unsicherheit, der Gewalt auf den Straßen. Was gerade in Lima passiert, ist wirklich beängstigend und es ist noch beängstigender zu wissen, dass unsere politische Elite nicht gegen diese Gewalt, dieses organisierte Verbrechen, vorgehen will, sondern alles sogar noch verschärft; und das nur, weil es in ihrem Interesse liegt, ein Klima des Terrors und des Chaos zu schaffen. Damit wir verängstigt sind, uns nicht gegenseitig vertrauen, damit sie uns leichter zum Schweigen bringen und kriminalisieren können. Ich bin auch sehr besorgt über die wirtschaftliche Situation. Die Leute spüren die Krise in ihren Geldbeuteln. Sie haben Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen. Die Lebensmittelpreise steigen immer mehr an. Und es gibt Zeiten, in denen die Situation noch kritischer wird, wegen der Auswirkungen der Klimakrise, Dürre und Überschwemmungen. Auf der anderen Seite habe ich aber auch viel Hoffnung, denn ich sehe eine Bevölkerung, die sich der Tiefe der Krise und der Notwendigkeit von strukturellen Veränderungen bewusst wird; eine Bevölkerung, die heute mehrheitlich einen neuen Sozialpakt fordert, eine neue Verfassung auf Basis von neuen Werten. Ich sehe auch die Sektoren der campesinos Indígenas (indigene Kleinbäuer*innen, Anm. d. Red.), die über einen langen Zeitraum zum Schweigen gebracht und stigmatisiert wurden, sodass sie Angst hatten, ihre Stimme zu erheben und Politik zu machen. Heute stehen sie mit Stolz aufrecht, sind laut und sorgen für Veränderungen in und von ihren Territorien aus. Ich fühle also eine Kombination aus Schmerz und Besorgnis, aber auch Hoffnung und Glauben. Ich habe Vertrauen, dass unser Land vorankommen wird und sich von diesen Gangstern befreien kann.
Die peruanische Bevölkerung hat kaum Vertrauen in die Parteien und die Regierung. Wie stellen wir uns den Problemen des Landes: der Armut, dem Hunger, Gesundheit und Bildung – ohne die Initiative der Institutionen?
Ich denke, wir müssen auf zwei Linien arbeiten. Einerseits müssen wir unbedingt für den Neuaufbau der Institutionen kämpfen. Das ist schwierig, denn die mafiöse Koalition war in den letzten Jahren sehr entschlossen, sich die Institutionen unter den Nagel zu reißen, um sie zu zerstören und ganz in ihren eigenen Dienst zu stellen – für ihre Straffreiheit und lukrativen Geschäfte. Und natürlich haben sie alles getan, um Macht in ihren Händen zu konzentrieren, um sich in diesen Institutionen zu verschanzen und die Bürger*innen komplett auszuschließen. Dazu kommt, dass wir jedes Mal, wenn wir protestiert haben, unterdrückt wurden, kriminalisiert, sogar ermordet. Bei den letzten sozialen Protesten wurden 50 unserer Brüder getötet. Und jetzt bereiten sie einen Betrug vor, um die nächsten Wahlen zu kontrollieren. Wir wissen um die widrigen Voraussetzungen, trotzdem müssen wir in diesem Raum kämpfen, wohlwissend, dass es nicht ausreichend ist. Es ist nicht genug, die Institutionen zu erreichen, die Regierung und das Parlament. Was wir brauchen, ist Macht, echte Macht. Sie haben die ökonomische Macht, die mediale Macht, die militärische Macht, aber auch wir haben Macht: die Macht von unten, die Macht der Bevölkerung. Dessen müssen wir uns bewusstwerden und die Macht dann organisieren. Ich denke, es gibt in der peruanischen Bevölkerung schon ein ausgeprägtes Bewusstsein darüber, dass es fundamentale Veränderungen braucht. Nicht nur in der Regierung, nicht nur in den führenden Persönlichkeiten, sondern eine Veränderung der Spielregeln der Institutionen, der Werte und genau deshalb hat sich die peruanische Bevölkerung in den letzten zwei Jahren dermaßen mobilisiert. Nun brauchen wir ethische politische Parteien, soziale Organisationen, alternative Medien, damit sich jeder in seinen Bereichen und nach seinen Erfahrungen organisiert und diese verschiedenen Organisationsbereiche artikuliert werden.
Was bedeutet das für die Bürger*innen im Alltag?
Erst einmal genau das: sich zu organisieren. Auf Ebene der Nachbarschaft (barrio), auf Ebene der Gemeinschaft, indem man wieder Netzwerke der Solidarität knüpft. Wir haben in Peru eigentlich schon Erfahrung damit! Ich erinnere mich gut daran, wie in der Pandemie, als der Staat uns komplett im Stich gelassen hat, uns hat sterben lassen – ohne Sauerstoff, ohne Arbeit, ohne Lebensmittel – Suppenküchen organisiert wurden. In vielen städtischen Vierteln, aber auch in ländlichen Gebieten. Ich denke auch daran, wie die Gemeinden in den südlichen Anden stärker werden. Sie organisieren sich, um ihre landwirtschaftliche Produktion zu verbessern und um eine Stimme zu haben. Eine politische Stimme zu haben auf lokaler und nationaler Ebene bedeutet auch, dass sich die Student*innen der Universitäten organisieren und debattieren, um nicht automatisch zu wiederholen, was uns die Mainstream-Presse erzählt, sondern um die Fähigkeit zur kritischen Analyse unserer Realität aufrechtzuerhalten und zu entwickeln. Das mag banal erscheinen, aber es ist fundamental. Die Versuchung ist momentan groß, sich aus der Politik zurückzuziehen. Zu sagen: „Das interessiert mich nicht, es gibt keine Lösung”, und sich auf das reine Überleben zu konzentrieren. Aber wir müssen uns anstrengen und wir haben die Kraft, uns zu organisieren, um zu diskutieren und aus jedem einzelnen unserer Territorien, eine politische Alternative vorzuschlagen, mit der wir aus dieser Krise herauskommen. Die Lösung für diese Krise ist politisch und bedarf der Beteiligung aller.
Sie haben gerade mehrere Tage auf der Konferenz „Good Night Far Right, Strategien gegen Rechts” verbracht. Was sind die wichtigsten Punkte, die Sie mit nach Peru nehmen?
Ich ziehe vor allem zwei Lehren aus den Erfahrungen, die die Aktivisten und Politiker auf der Konferenz miteinander geteilt haben. Das ist zum einen, dass gerade in diesen Zeiten, in denen die extreme Rechte Distanz und Misstrauen zwischen uns schüren will, – gegenüber Migranten, gegenüber selbstbestimmten Frauen, gegen die sexuelle Vielfalt – wir heute mehr denn je aufeinander zugehen müssen, miteinander reden, uns zuhören, erst Recht in der Politik! Zuhören, von Angesicht zu Angesicht mit den Menschen sprechen, den Schmerz und die Kämpfe teilen – so können wir wieder zueinander finden und gemeinsam vorankommen. Die deutsche Partei Die Linke hat uns zum Beispiel vom letzten Wahlkampf berichtet, wo sie zwar einerseits Erfolg in den sozialen Medien hatte, ihren Erfolg andererseits aber darauf zurückzuführt, dass sie mit den Menschen in den Vierteln gesprochen hat. Die Leute erzählten, was ihre wirklichen und unmittelbaren Probleme sind: die Preise für Miete und Lebensmittel. Und durch diese Begegnungen konnte Die Linke einen Teil der Wähler*innen zurückgewinnen. Den Menschen zuzuhören, sich von Angesicht zu Angesicht zu treffen und das Vertrauen wiederherzustellen, ist eine Notwendigkeit, die alle demokratischen Kräfte haben.
Veronika Mendoza ist Politikerin in Peru, Gründerin der linken Partei Nuevo Peru und zweifache Präsidentschaftskandidatin. Selbst beschreibt sie sich als Cusqueña, Mama und Anthropologin. Für die Präsidentschaftswahl 2026 wird sie voraussichtlich nicht kandidieren, sondern auf lokaler Ebene arbeiten.


