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Wasser am Amazonas

Nach Daten des World Ressource Institute (WRI) verfügt Brasilien über jährliche erneuerbare Wasserressourcen von 5,190 Kubikkilometer und somit 12.7 Prozent der weltweiten Süßwasserressourcen. Trotzdem hat die Hälfte aller Haushalte keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser. Auffällig ist das regionale Gefälle der Wasserver- und Sanitärentsorgung. 90 Prozent der Haushalte mit Zugang zu sicherem Trinkwasser liegen in den Städten. Im Südosten des Landes sind fast 88 Prozent der Häuser an das öffentliche Wassernetzwerk angeschlossen.
Im Norden und Nordosten hingegen sind die Situation komplett anders aus. In Pará und im Nordosten Brasiliens sind nur 42 Prozent der Haushalte angeschlossen. Zudem verfügen weit über die Hälfte der Haushalte über keine sanitäre Infrastruktur und lediglich 1,4 Prozent haben Zugang zur Abwasserentsorgung.
Dabei liegen über die Hälfte der Wasserressourcen Brasiliens in eben diesen Gebieten, wo jedoch nur 7 Prozent der Bevölkerung leben. Die Situation der Wasserversorgung in Brasilien spiegelt noch heute die tiefe soziale Teilung des Landes wieder.
1997 wurde das Wasserrahmengesetz Nr. 9.433 mit einer neuen Politik der Wasserversorgung verabschiedet. Verschiedene Prinzipien wurden in diesem Gesetz festgehalten, unter anderem die Vergabe von Wassernutzungsrechten, die Bezahlung von Wasserverbrauch und die Priorität des häuslichen Sektors gegenüber anderen, vor allem bei Wasserknappheit.
Aber diese Prinzipien wurden nicht im Amazonasgebiet umgesetzt, wo Wasser die wichtigste Ressource darstellt. „Dabei gibt es im brasilianischen Umwelt- und Wasserrecht eine spezielle Empfehlung für eine Gesetzgebung für das Einzugsgebiet des Amazonas. Wasser ist der Träger für Industrie und der Motor für das Entwicklungsmodell. Die Gesetzgebung ist sehr fortgeschritten, aber die Entnahme ist archaisch. Es fehlt Regelwerk und eine Implementierung, es gibt keine Strukturen und keine Geldmittel für Studien. Es gibt absolut keine Kontrolle“, kommentiert Luis Fernando Novoa von dem brasilianischen Netzwerk REBRIP, das sich für alternative Entwicklungsmodelle im Amazonasgebiet einsetzt. Das zeigt auch das Beispiel der Wasserprivatisierung in Manaus.
Manaus liegt im Herzen des Amazonasgebietes, wo das dunkle Wasser des Rio Negro und das hellere Wasser des Rio Solimões sich im encontro das aguas treffen und noch lange nebeneinander her fließen, um sich schließlich zum Fluss Amazonas zu vereinigen.
Um 1890 war Manaus das „Paris der Tropen“, eine der am weitesten entwickelten Städte Brasiliens. Die Metropole der Region ist mit zur Zeit nahezu 1,7 Millionen EinwohnerInnen die achtgrößte Stadt Brasiliens. 60 Prozent der Bevölkerung des Bundeslandes Amazonas leben in Manaus. Aber 42 Prozent der BewohnerInnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Im Jahr 2000 erlangte die Firma Aguas do Amazonas (AdoA), eine Tochterfirma des französischen Wasserkonzerns Suez, eine 30-jährige Konzession für die Versorgung der Stadt Manaus, mit der Option auf eine 15-jährige Verlängerung. Der Verkauf war später diversen Vorwürfen ausgesetzt. Es wurde Korruption bei der Aushandlung des Vertrags vermutet und kritisiert, dass der Prozess intransparent war und unter dem völligen Ausschluss der Öffentlichkeit zustande kam.
„Es existiert eine komplette Freiheit der Konzerne. In Manaus haben sie den Bürgermeister gekauft und einige Abgeordnete und haben einen extrem flexiblen Vertrag dafür bekommen“, bestätigt Luis Fernando.
Zudem war Manaus Saneamento erst kurz zuvor gegründet worden, um so die lukrative städtische Versorgung von der ärmeren ländlichen Versorgung abspalten zu können. Die Versorgung der Stadt Manaus wurde zudem zu einem vierfach geringeren Preis verkauft, als vorher geschätzt worden war.
Zurzeit werden etwa 80 Prozent der Bevölkerung mit Trinkwasser versorgt – zumindest werden ihnen Rechnungen ausgestellt. “Auch kommt das Wasser wenige Stunden am Tag zu unregelmäßigen Zeiten.
Die Firma versucht vor allem die Rechnungen einzutreiben, anstatt die Wasserversorgung zu verbessern“, berichtet Graciela Rodriguez vom Institut EQÜIT, die 2008 eine Studie über Auswirkung der Privatisierung auf die AnwohnerInnen herausgebracht haben.
Nun hat sich der Konzern ein neues Modell einfallen lassen: „Die Rechnungen werden von einer Gemeinschaft gestellt und nicht mehr von dem Betrieb selber. Nun sind es die eigenen Freunde, Kollegen, Nachbarn, die Druck auf die Anwohnerinnen und Anwohner ausüben, ihre Wasserrechnungen zu bezahlen. Das tun sie auch mit der Drohung, sonst das Wasser abzustellen. Diese Menschen, die vielleicht kurzfristig arbeitslos waren, sind nun praktisch Angestellte der Firma AdoA. Das hat große Probleme in den Stadtbezirken verursacht“, erzählt die Wissenschaftlerin konsterniert.
In der armen Region der zona l`este (Östliches Manaus) zum Beispiel trinken 63 Prozent der Menschen notgedrungen Wasser aus den öffentlichen Brunnen und täglich werden es mehr. „Viele bauen auch eigene Brunnen und verkaufen dieses Wasser an andere Familien in der Nachbarschaft. Dieses Wasser ist gar nicht kontrolliert. Die Bevölkerung wächst gerade in den armen Regionen und das Problem der Abwasserentsorgung ist überhaupt nicht gelöst“, erzählt Graciela Rodriguez besorgt.
Die Firma AdoA stellt Rechnungen nach Blocktarifen, die nach Verbrauch und Nutzerkategorie gestaffelt sind. Dies sind private Haushalte, Industrie und öffentlicher Sektor. Die Preise steigen je nach Kategorie und mit dem Verbrauch an. Die Haushalte haben zum Beispiel einen Minimaltarif von 82 Litern pro Person und Tag. Die Idee der Blocktarife war ursprünglich, eine Quersubventionierung vor allem der ärmeren Haushalte mit wenig Verbrauch von den Großverbrauchern im kommerziellen Sektor zu ermöglichen. Doch die Struktur der WassernutzerInnen in Manaus stand dem von Beginn an entgegen. 92 Prozent der Wasserrechnungen gehen an die Haushalte, von denen sich wiederum 83 in den unteren zwei Konsumkategorien bewegen. Die industriellen Nutzer hatten oft schon eigene Brunnen auf dem Gelände, so dass ihre Wasserentnahme nicht über AdoA abgerechnet wird.
Die Tarife werden jährlich der Inflation angepasst, was eine jährliche Preissteigerung von circa 10 Prozent bedeutet. Das gilt aber häufig nicht für die lokalen Löhnen, für die Menschen wird also das Wasser immer teurer. Zusätzlich kam es zu zwei weiteren Erhöhungen der Wasserpreise seit 2000, von der die letzte im Jahr 2004 31,5 Prozent betrug. Der Anstieg der Wasserpreise hatte vor allem auf die ärmsten Haushalte einen negativen Effekt. Der Preisanstieg hat zu einem zusätzlichen Ungleichgewicht zu Lasten der ärmeren Haushalte geführt.
Die private Wasserversorgung führt in Manaus nicht nur zu einer zunehmenden gesundheitlichen Gefährdung vor allem der Frauen und Kinder oder einer zunehmenden sozialen Ungerechtigkeit und Verschuldung armer Familien, sondern auch zu einer nachbarschaftlichen und menschlichen Entsolidarisierung.
Insbesondere Frauen sind von den harschen sozialen Bedingungen betroffen. Sie sind in den niedrigsten Lohngruppen und auch im informellen Sektor überproportional vertreten. Dabei werden 20 Prozent der Familien allein von Frauen unterhalten.
Die von Wassermangel, hohen Wasserpreisen und schlechter Wasserqualität am stärksten betroffenen Gruppen sind Frauen und Kinder. Frauen aus Familien mit geringen Einkommen sind oft gezwungen, eine geringere Wasserqualität und somit eine Gefährdung ihrer Gesundheit und die ihrer Familien in Kauf zu nehmen.
„Frauen sind an der ersten Front des Widerstandes und der Organisation gegen die Privatisierung. Sie leben mit dem täglichen Mangel an Wasser. Wenn die Männer abends nach Hause kommen, dann ist schon Wasser da, wenig zwar, aber genug zum Trinken und das Essen ist schon fertig. Nein, prinzipiell sind es die Frauen, die für das Recht auf Wasser kämpfen und auf die Straße gehen“, berichtet Graciela Rodriguez von ihren Erfahrungen.
In ländlichen Gegenden im Amazonas müssen Frauen große Strecken am Tag zu Fuß zurücklegen, um an eine sichere Wasserquelle zu gelangen. In den Städten stehen sie oft lange Schlange, um Wasser zu besorgen, wie auch das Beispiel Manaus deutlich zeigt: „Viele Frauen tragen nun Wasser ins Haus, mit Eimern, mit Schüsseln und Kanistern. In vielen Stadtteilen gibt es eine öffentliche Wasserstelle, wo Frauen Zeit verbringen, um ein wenig Wasser sicher im Haus zu haben. Es gibt nun viele gesundheitliche Probleme durch das große Gewicht des Wassers, oft im Rücken und Probleme im Unterleib. Wenn die Frauen keinen Zugang zu Wasser im Haus haben, wenn das Wasser nur morgens oder nur abends für kurze Zeit kommt, dann können sie zum Teil das Haus nicht verlassen und auch keiner Arbeit nachgehen, da sie nie wissen, wann das Wasser kommt. Es muss immer jemand im Haus sein“, beschreibt Graciela Rodriguez die Auswirkung der schlechten Wasserversorgung auf die Frauen aus den armen Stadtbezirken in Manaus.
Es ist von entscheidender Bedeutung, die Zusammenhänge zwischen der herrschenden Wasserpolitik – von der lokalen bis zur internationalen Ebene – und den Auswirkungen auf die Lebensqualität von Frauen zu beleuchten. „Der Mangel an Entwicklung, der Mangel an Gesundheit und an Wasser, es ist alles miteinander verbunden und hat einen großen Einfluss auf das Leben der Frauen“, resümiert Graciela Rodriguez.

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