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Weder Clown noch Spinner

Die Eliten waren am Ende. Mit der brutalen Niederschlagung des Caracazo, der antineoliberalen Revolte 1989, hatte das politische Establishment Venezuelas in großen Teilen der Bevölkerung deren letztes Vertrauen verspielt. Das einst als „stabilste Demokratie Lateinamerikas“ verklärte venezolanische Zweiparteiensystem erodierte. Doch auch als den meisten Menschen in Venezuela längst klar war, dass grundlegende politische Veränderungen unausweichlich sein würden, weigerten sich die Profiteure des neoliberalen Ausverkaufs beharrlich, den Kurs zu ändern. Sie ebneten damit jenem Ex-Militär den Weg, der zu ihrem größten Alptraum werden sollte. Noch nach Hugo Chávez‘ Wahlsieg 1998 glaubten sie, ihn durch Gefälligkeiten rasch in die bestehende Elitenherrschaft einbinden zu können. „Sie können sich nicht vorstellen, wie weit ihre Schmeicheleien und Anbiederungen gingen“, erzählt Chávez am Ende des kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Gesprächsbandes Mein erstes Leben. Wie vor einigen Jahren mit Fidel Castro, hat der spanische Journalist Ignacio Ramonet viele Stunden mit Chávez gesprochen und daraus eine spannende Biografie in Interviewform gemacht.

Das Buch thematisiert ausschließlich die Zeit vor Chávez‘ erstmaligem Wahlsieg. Chávez erzählt stringent und anekdotenreich von seiner einfachen, aber glücklichen Kindheit im Südwesten Venezuelas, von seiner Leidenschaft für Baseball, der Militärlaufbahn, seiner Politisierung und der venezolanischen Linken der 1970er und 80er Jahre. Nicht zuletzt deren interne Differenzen gaben den Anstoß, eine geheime Bewegung innerhalb der Streitkräfte zu gründen, die sich um die Zusammenarbeit mit zivilen Kräften bemühen sollte. Im Jahr 1992 scheiterte schließlich der Putschversuch gegen den neoliberalen Präsidenten Carlos Andrés Pérez, der das Massaker des Caracazo politisch zu verantworten hatte. Chávez‘ legendäre, knapp einminütige Kapitulationserklärung im Fernsehen machte ihn damals schlagartig zum Helden. Die zweijährige Gefängniszeit und ausgedehnte Reisen durch das Land mündeten schließlich in dem Wahlsieg bei den Präsidentschaftswahlen 1998.

Wie erwartet führt Ramonet kein kontroverses Streitgespräch, sondern lässt Chávez seine Erinnerungen darlegen. Erklärte Gegner*innen des comandante werden das Buch ohnehin kaum lesen wollen. Alle anderen wundern sich vielleicht darüber, dass Chávez‘ Regierungszeit außen vor bleibt. Es ist besser so. An den wenigen Stellen, in denen Chávez sich auf die Gegenwart bezieht, betont er übermäßig vermeintliche Erfolge seiner Regierungszeit, verfällt automatisch in einen Wahlkampfton. Die politische Vorgeschichte dürfte weniger schön gefärbt sein, auch wenn er sie aus der Sicht des gefeierten Präsidenten heraus erzählt.

Substantiell Neues hat der Gesprächsband zwar nicht zu bieten. Die meisten Informationen finden sich bereits in früheren, überwiegend auf Spanisch publizierten Interviewbüchern. Aber knapp zwei Jahre nach Chávez‘ Tod ruft das Buch in Erinnerung, dass der venezolanische Ex-Präsident – anders als medial häufig vermittelt – weder ein Clown noch ein Spinner war. Im Gegenteil war er ein politischer Visionär, der immer zuerst an die arme Bevölkerungsmehrheit dachte und entgegen allen weltweiten Trends nach 1989 ein linkes Regierungsprojekt mehrheitsfähig machte. Welche Erfolge und Fehlentwicklungen daraus letztlich hervorgegangen sind, müssen andere beurteilen.

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