Berlinale | Brasilien

Wein als Kunstform

In „Isabel” symbolisiert Wein eine Generation, die ihre Leidenschaft zum Lebensprojekt macht und die Grenzen dieses Versprechens entdeckt

Von Karina Tarasiuk

Im Film Isabel von Gabe Klinger (Brasilien) ist Wein mehr als nur ein Getränk: Er wird zum Symbol für Träume, Identität und Erfolgserwartungen. Die Entwicklung der Protagonistin stellt das zeitgenössische Versprechen in Frage, dass die Umwandlung von Leidenschaft in ein Geschäft der sichere Weg zur persönlichen Erfüllung ist.

© Isabel Filme


Der Film spielt im Zentrum von São Paulo, zwischen Kneipen, U-Bahn-Stationen und Viadukten, und konzentriert sich auf die Mittelschicht von São Paulo und ihre kulturellen Ambitionen. Die Stadt erscheint nicht als Spektakel, sondern als alltäglicher Schauplatz für diejenigen, die inmitten des urbanen Wettbewerbs nach Anerkennung suchen.
Isabel arbeitet in einem Restaurant, in dem sie nicht einmal die Freiheit hat, Weine zu empfehlen. Dabei sind genau die ihre große Leidenschaft. Angesichts dieser Einschränkung beginnt sie, den Traum zu hegen, eine eigene Bar zu eröffnen. Die soll sich ausschließlich natürlichen Weinen widmen – einem Universum, in dem sie sich zu Hause fühlt und in dem sie auch zusammen mit ihrem Partner produziert.
Das Barprojekt, das auch „unvollkommene”, aber dennoch wertvolle Weine anbieten soll, ist nicht nur ein kommerzielles Unterfangen, sondern auch der Versuch, eine Identität zu behaupten. Die Verteidigung dieser unvollkommenen Weine spiegelt die Situation der Protagonistin wider, die sich in einem Umfeld fehl am Platz fühlt, in dem Erfolg Sicherheit, Charisma und Zielstrebigkeit zu erfordern scheint.
Isabel porträtiert die Nische der Liebhaber natürlicher Weine mit einer gewissen Ironie. Was zuvor unterschätzt wurde, wird zum Trend und zeigt, wie schnell alternative Praktiken vom Markt aufgenommen werden. In diesem Umfeld scheinen Isabels Kollegen sicher auf dem Weg zum Erfolg zu sein, während sie Herausforderungen oft mit Schweigen, Zögern und Angst vor dem Scheitern begegnet. Der Kontrast verdeutlicht den unsichtbaren Druck, unter dem die Protagonistin steht.
Obwohl der Film von einer vertrauten Prämisse ausgeht – einer Figur mittleren Alters, die beschließt, ihre Träume zu verwirklichen –, vermeidet Isabel einen triumphalen Verlauf. Der Film überrascht mit der Erkenntnis, dass Projekte nicht immer wie erwartet umgesetzt werden können. Mehr als der Erfolg selbst ist hier der Prozess der Entdeckung wichtig: zu verstehen, was man will, auch wenn das Ergebnis ungewiss bleibt.
In diesem Sinne erhält das Ideal des unvollkommenen Weins symbolische Kraft: Vielleicht geht es nicht darum, Exzellenz oder Anerkennung zu erreichen, sondern Entscheidungen zu unterstützen, die nicht ganz den Erwartungen des Marktes entsprechen.
Isabel will keine filmische Revolution, sondern findet seinen Wert darin, diskret die meritokratische Logik in Frage zu stellen, die persönliche Erfüllung mit sichtbarem Erfolg verbindet. Ohne große Wendungen setzt Regisseur Gabe Klinger bei der Erzählung auf Einfachheit und Beobachtung. Diese Zurückhaltung mag dramatische Erwartungen enttäuschen, verstärkt aber auch den Anreiz, über die Diskrepanz zwischen Traum und Realität nachzudenken. Das offene Ende bietet keine einfachen Lösungen, deutet aber an, dass das Erwachsenenleben aus ständigen Anpassungen besteht.

Isabel, Brasilien / Frankreich,2026, 85 Minuten, Weltpremiere; Regie: Gabe Klinger, Buch: Marina Person, Portugiesisch, Englisch, Untertitel: Englisch; Berlinale-Sektion Panorama

LN-Bewertung: 3/5

Berlinale-Termine:

Dienstag, 17. Februar, 10:00 Cubix 9

Mittwoch, 18. Februar, 13:30 ADK am Hanseatenweg

Donnerstag, 19. Februar, 13:15 Cubix 6

Freitag, 20. Februar, 22:00 Cubix 6


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