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Weiterhin mit kritischem Blick

Ist im Laufe der Zeit Eure Solidaritätsarbeit einfacher oder schwieriger geworden?
Klaus: Erst einmal schwieriger. Unser Traum von klaren Perspektiven wie „Solidarität mit einem Land“ oder der Bezug auf das Avantgardekonzept einer Partei ist ausgeträumt, nicht nur in Nicaragua. Die kapitalistische Globalisierung scheint alternativlos voranzuschreiten. Heute verstehen wir uns weder als Nachlassverwalter der Solidaritätsbewegung noch als Archivare der sandinistischen Revolution.
Doch wir bewahren Erinnerungen an kämpferische Ereignisse, an die anzuknüpfen ist. Angesichts der linken Regierungen in Lateinamerika und der ALBA-Initiative erscheint es uns weiter notwendig, die Chancen und Gefahren dieser nationalstaatlichen Entwicklungen mit kritischem Blick zu verfolgen. Denn daran knüpfen auch basisorientierte Gruppen in ganz Lateinamerika Hoffnungen und Befürchtungen.
Indem wir an unserer spezifischen Ländersolidarität festhalten, ergeben sich auch Vorteile: Kontinuität und Unterstützung auch in den kleinen, wenig sichtbaren Mühen. Unsere persönlichen Bezüge und inhaltlichen Kompetenzen, die aus Diskussionen und Kontakten entstanden sind. Und unsere historisch gewachsenen Beziehungen in der „Entwicklungs- und Projektpolitik“. Nicaragua nimmt für unsere Hoffnungen auf ein besseres Leben und durch die Begegnungen mit den Menschen dort eine besondere Stellung ein.

Welche Projekte unterstützt Ihr zur Zeit?
Judith: Vor allem Frauenprojekte und einen Zusammenschluss ländlicher Kooperativen. Die Unterstützung ist schon eine vorwiegend finanzielle. Auch wenn unsere Partner immer wieder betonen, dass das Infobüro für sie eine Solidaritätsgruppe ist und kein Geldgeber aus der Entwicklungszusammenarbeit wie jeder andere. Wir wünschen uns schon, auch zu inhaltlichen Themen einen intensiveren Austausch zu haben. Das ist aber schwierig, weil wir – oder Leute vom Büro – immer nur alle paar Jahre nach Nicaragua fahren können. Und per E-Mail sind kontinuierliche Debatten kaum zu führen.
Außerdem ist es eine Frage der Zeit, vor allem bei den Partnerorganisationen: Die meisten machen eben Basisarbeit und schaffen es darüber hinaus nicht mehr, sich irgendwie an Debatten zu beteiligen – und dann noch auf internationaler Ebene. Es gibt natürlich Ausnahmen, zum Beispiel eine Organisation, die sich intensiv und auch wissenschaftlich mit dem Thema Wasser und Privatisierungen befasst. Von deren Know-how und Recherche profitieren auch wir.

Ihr habt Euch Ende der 1970er Jahre im Zuge der Solidaritätsbewegung gegründet. Was waren damals Eure Hoffnungen und Ziele?
Klaus: Der nicaraguanische Diktator Anastasio Somoza und die unter ihm begangenen Menschenrechtsverletzungen erregten damals weltweit Aufmerksamkeit. Auch die Dynamik des Bürgerkrieges trug zum Entstehen einer breiten Solidaritätsbewegung bei. Im Ausland herrschte das Bild, als agiere auf der einen Seite ‘das Volk’ unter Führung der SandinistInnen und auf der anderen Seite die repressive, Menschen verachtende Gewalt des Diktators. Das war eine Konstellation, die zur Identifikation einlud. Nicaragua symbolisierte für uns einen neuen, dritten Weg. Populäre Maßnahmen der ersten Jahre, wie die Alphabetisierungskampagne nach dem Vorbild Kubas, der infrastrukturelle Aufbau mit Schulen und Krankenhäusern, die Landreform und so weiter, vermittelten den Eindruck eines neuen gesellschaftlichen Entwurfs, bei dem der und die Einzelne zählte. Gerade für uns als Teil der Linken, der den „realen Sozialismus“ nicht mit emanzipatorischer Entwicklung in Verbindung bringen konnte, erschien Nicaragua als Modell, von dem wir lernen wollten: mit einem breiten politischen Bündnis und einer Kultur der demokratischen Auseinandersetzung, an der unterschiedliche Parteien, vor allem aber Gewerkschaften, Verbände und Massenorganisationen, teilnahmen. Bewaffnete Bewegungen wie die Sandinistische Befreiungsfront (FSLN) weckten die Hoffnung auf eine gerechte Zukunft. Wir glaubten daran, dass mit der Eroberung der Staatsmacht die Voraussetzung für eine gesellschaftliche Umwälzung gegeben war.

Und wie ist heute Euer Verhältnis bzw. eure Einstellung zur sandinistischen Revolution?
Klaus: Schon bald nach der Regierungsübernahme der SandinistInnen wurde deutlich, dass wir unsere Position gegenüber der FSLN definieren mussten. Die FSLN war nun eine Befreiungsbewegung an der Macht und entwickelte sich später zudem zur Partei. Wir waren eine Solidaritätsbewegung mit multipolarer Zusammensetzung und basisdemokratischen Strukturen, mehr ein Netzwerk denn eine feste Organisation. Grundkonzept unserer Solidaritätsarbeit war die „kritische Solidarität“. Auf gar keinen Fall sahen wir uns als verlängerter Arm der FSLN oder als eine Freundschaftsgesellschaft.
Vielmehr verstanden wir uns als bundesdeutsche politische Kraft, mit eigenen politischen Positionen, die im Bereich des Internationalismus aktiv war. Wir wollten die Revolution unterstützen und zugleich die Strukturen im eigenen Land verändern. „Kritische Solidarität“ bedeutete für uns, mit den grundsätzlichen Zielen der FSLN solidarisch zu sein, uns mit den Bedingungen und Begründungen ihres Handelns auseinanderzusetzen, sie aber nicht unbedingt zu billigen. Wir sahen es als unsere Aufgabe an, parteilich, aber kritisch, über die Revolution zu informieren und sie zu unterstützen. Mit den Jahren wurden die Zweifel stärker, ob wir gemeinsame Ziele mit der Führung der FSLN hatten. Stattdessen haben wir gute Beziehungen zu unabhängigen und feministischen Sandinistinnen geknüpft, mit denen wir in der Kritik am Machismo übereinstimmten und sie darin unterstützen, ihre Forderungen nach Emanzipation auch in Zeiten äußerer Bedrohung zu formulieren. Diese Frauengruppen erschütterten auch unser bis dahin durchweg positives Verhältnis zur revolutionären Gewalt, indem sie zeigten, dass die Zunahme von familiärer Gewalt in direktem Zusammenhang mit dem Krieg stand.

Wie schätzt Ihr eure Möglichkeiten heute ein, die Lage in Nicaragua zu verändern?
Judith: Ich glaube nicht, dass wir die haben, sehe das aber auch nicht als unsere Aufgabe. Wir müssen uns eher hier einmischen und zum Beispiel gegen die Wirtschaftsabkommen zwischen der EU und Mittelamerika arbeiten, die jetzt verhandelt werden. Wir können die Positionen vieler Menschen in Mittelamerika hier hörbar machen. Und außerdem gibt es ja genug, was hier unerträglich ist. Aber die Lage in Nicaragua ändern können nur die Leute dort. Wenn wir durch unsere Spendenpolitik dabei jemandem unter die Arme greifen können, um so besser.

Wie gestaltet sich jetzt Eure Aufklärungs- und Informationsarbeit in Deutschland?
Judith: Das kommt ein bisschen auf die Zielgruppen an. Es gibt noch Gruppen und Leute, die aus den unterschiedlichsten Gründen ganz konkret was zu Politik und Gesellschaft in Nicaragua wissen wollen. Das sind zum Beispiel Städtepartnerschaften oder junge Leute, die ein Praktikum oder ein Projekt dort machen wollen. Aber insgesamt ist das Interesse an Nicaragua als Land natürlich nicht mehr so groß. Und uns ist es auch wichtiger, zu bestimmten Themen zu arbeiten, die nicht länderspezifisch, sondern im globalisierungskritischen Feld anzusiedeln sind: Freihandelsabkommen, Arbeitsbedingungen, Migration. Da nehmen wir dann Nicaragua als ein Beispiel, wie ungerechte Weltwirtschaftsstrukturen auf Menschen in armen Ländern wirken und wie diese damit umgehen. Das könnte aber genauso gut anhand der Elfenbeinküste oder den Philippinen erklärt werden. Insofern ist der Name „Infobüro Nicaragua“ meiner Meinung nach heute etwas irreführend.

Weitere Infos: www.informationsbuero-nicaragua.org

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