Wenn alte Forderungen junges Blut brauchen
Wie die mexikanische Rechte wieder in die Öffentlichkeit rückt
Am 18. Oktober fand in Mexiko-Stadt eine Veranstaltung zur Neugründung der Partei der Nationalen Aktion (PAN) unter der Leitung ihres derzeitigen Präsidenten Jorge Romero Herrera statt. Dabei wurde ihr neues Erscheinungsbild vorgestellt, das Modernität, Nähe zum Menschen und Stolz auf ihre Geschichte widerspiegeln soll, sowie ihre Grundwerte bekräftigt: Heimat, Familie und Freiheit. In ihrer Darstellung stechen zwei Elemente besonders hervor: Die Ausweitung der Möglichkeiten zur Bürgerbeteiligung in der Partei und der Versuch, sich jungen Menschen anzunähern. Hierzu erklärte Romero: „Die Hindernisse für den Beitritt zur PAN sind beseitigt; jetzt kann jeder junge Mensch, jede Person, ohne größere Komplikationen beitreten.“ Die Veranstaltung wurde von einem friedlichen Marsch begleitet, mit dem eine neue Etappe in der Parteigeschichte eingeläutet werden sollte.
In diesem Zusammenhang ist ein Ereignis von Bedeutung: der Protestmarsch der Generation Z vom 15. November 2025, organisiert über das soziale Netzwerk Discord und verbreitet durch X und TikTok – in Anlehnung an die Jugendbewegung in Nepal, die unter dem Symbol des Anime One Piece die Regierung stürzen konnte. Nun werfen einige politische Kreise und Analyst*innen der rechten PAN vor, den Marsch instrumentalisiert zu haben, um ihre oppositionellen Slogans gegen die Regierung zu verbreiten.
Die Forderungen, mit denen in sozialen Netzwerken zur Demonstration aufgerufen wurde, stammen von einer Jugend, die es leid ist, keinen Zugang zu grundlegenden Gütern, wie Lebensmitteln und Medikamente, zu haben, und die sich gegen die seit Langem im Land herrschende Gewalt und Korruption wendet. Die Wahrnehmung von Gewalt und Unsicherheit verstärkte sich drastisch nach der Ermordung des Bürgermeisters von Uruapan (Gemeinde im Bundesstaat Michoacán), Carlos Manzo, vermutlich durch ein organisiertes Verbrechen. Es schien also absehbar, dass sich junge Menschen auf dem Zócalo, dem zentralen Platz der Hauptstadt, versammeln, um ihre Unzufriedenheit auszudrücken und die Absetzung von Präsidentin Claudia Sheinbaum zu fordern.
Demonstrationen am Vorbild Nepals
Anders als erwartet, stellten junge Menschen jedoch nur eine Minderheit der Demonstrierenden. Die meisten Teilnehmenden waren zwischen 60 und 80 Jahren alt, oder gehörten zur Generation X (zwischen 45 und 59 Jahren). Auch bekannte Gesichter aus der traditionellen mexikanischen Politik waren anzutreffen. Die Demonstrierenden waren so heterogen wie ihre Forderungen: unter anderem gegen Steuern, Impfstoffe, Korruption oder das organisierte Verbrechen – wobei frauenfeindliche und antisemitische Slogans gegen die Präsidentin vorherrschten.
In der öffentlichen Meinung wurde das Bild eines zutiefst unzufriedenen und chaotischen Landes vermittelt, das aufgrund mangelnder Regierungsfähigkeit und Untätigkeit bei so sensiblen Themen wie Gewalt und Korruption in Aufruhr ist. Diese Darstellung steht im Widerspruch zu den Zustimmungswerten von fast 70 Prozent, die die Regierung in den letzten Monaten erreicht hat. Trotzdem dient sie auf der Demonstration der Sichtweise eines chaotischen und schlecht regierten, richtungslosen Landes der Rechten als Plattform, um ihre Oppositionsrhetorik zu legitimieren und ihre Position zu stärken.
Uneinheitliche Forderungen
Was sich dann während der Demonstration am 15. November ereignete, diente der PAN dazu, genau dieses Narrativ in den Medien zu propagieren. Während immer mehr Menschen auf den Zócalo strömten, wurde die anfänglich friedliche Demonstration durch eine Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe vermummter, schwarz gekleideter und mit Stöcken und anderen Gegenständen bewaffneter Personen und der Polizei unterbrochen. Als diese Gruppe versuchte, in den Nationalpalast einzudringen und die Zäune niederriss, die das Gelände schützten, kam es zur Konfrontation mit der Polizei. In der Folge füllte sich der Platz mit Rauch von Feuerlöschern, Knallkörpern, herumfliegenden Steinen und Verletzten, die von verschiedenen Gegenständen getroffen worden waren. Die Auseinandersetzung dauerte etwa zwei Stunden, in denen die Demonstrierenden zunächst eingekesselt und dann vertrieben wurden.
Die Uneinigkeit der Teilnehmenden und ihrer Slogans, die Zusammenstöße mit der Polizei und das dadurch ausgelöste Medienchaos überschatteten letztendlich das ursprüngliche Ziel der Demonstration, zu dem die jugendlichen Organisatorinnen aufgerufen hatten: Gewalt, Korruption und Straffreiheit anzuprangern. Einige Medien behaupteten, dass die Unzufriedenheit der Jugendlichen und anderer Teilnehmenden Teil einer Strategie der Rechten gewesen sei, verkörpert durch die PAN, um die Jugendbewegung verzerrt darzustellen und dafür auszunutzen, ihre eigenen Interessen voranzutreiben. Das liegt am Interesse daran, die seit Langem bestehenden Probleme des Landes und die Forderungen der Bürgerinnen mit negativen Gefühlen gegenüber der Regierung in Verbindung zu bringen.
In einer vor der Demonstration durchgeführten Studie von Carlos Jiménez Zárate, einem Analysten für soziodigitale Interaktion, wurde festgestellt, dass der X-Account der Generation Z im August 2024 aktiviert wurde, jedoch zunächst nur Inhalte der venezolanischen Opposition gegen die Regierung von Nicolás Maduro teilte. Erst ab dem 15. Oktober 2025 wurde auf dem Account auch über die Situation in Mexiko gesprochen. Darüber hinaus wurde die Interaktion zum Thema der Ermordung von Carlos Manzo im Zusammenhang mit Hashtags wie „Generation Z“, „#fueClaudia“ („es war Claudia“) und „narco gobierno Morena“ („Drogenregierung Morena“) ausgewertet. Dabei wurde festgestellt, dass das Thema Carlos Manzo als Vorwand genutzt wurde, um den Anliegen der Regierungsgegner mehr Sichtbarkeit und Reichweite zu verschaffen. Schließlich ergab die Studie, dass die Interaktion mit der „Generation Z“ auf X zu 57 Prozent von echten Accounts und zu 43 Prozent von Bots ausging.
Angst vor Gewalt und Chaos
Das digitale System der Interaktionen zwischen Persönlichkeiten der mexikanischen Rechten (wie Carlos Salinas Pliego und Kongressabgeordneten der PAN), Symbolen der Bewegung der Generation Z und dem Fall Carlos Manzo scheint ein Zeichen dafür zu sein, dass die politische Rechte nach dem Verlust ihrer relativen Stärke bei den Präsidentschafts- und Senatswahlen 2024 nach verschiedenen Mitteln sucht, um in der Öffentlichkeit wieder an Bedeutung zu gewinnen. Sie berufen sich auf die Angst vor Gewalt und Chaos und deren Verbindung mit den Forderungen der Bürger*innen – die weder neu noch auf die Präsidentschaft Sheinbaums beschränkt sind – wie etwa der Wunsch nach einem Ende der Korruption und der zunehmenden Prekarisierung der Lebensbedingungen und Zukunftschancen der Jugend.
Präsidentin Claudia Sheinbaum wies in der Mañanera (tägliche Fernsehsendung, mit der sie sich an die Bürger wendet) darauf hin, dass die Demonstration keineswegs eine von Jugendlichen initiierte Bewegung war, sondern von der gleichen politischen Klasse wie immer vorangetrieben wurde, in der Hoffnung, dass sich die Jugendlichen ihnen anschließen würden. Am 20 November organisierte die Generation Z eine zweite Demonstration, die von Jugendlichen initiiert wurde, die ihr Image von der politischen Agenda rechter Organisationen distanzieren wollten. Im Vergleich zur ersten Demonstration kamen aber nur wenige Menschen.
Die Vorwürfe der anderen politischen Lager, die PAN habe die erste Demonstration der Generation Z instrumentalisiert, wies die Partei zurück und bestritt jegliche Beteiligung an deren Organisation Es habe sich um unabhängige junge Menschen gehandelt, die gegen die Regierung demonstriert hätten. In einer Pressekonferenz erklärte PAN-Präsident Romero: „Wir haben nicht zu diesem Marsch aufgerufen. Ob es dieser Regierung gefällt oder nicht, sie hat eine kluge Jugend, die immer mehr aufwacht, jenseits einer politischen Partei.“
Nach der Demonstration entsandte die PAN eine Delegation zur Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH), um die Repressionen und Gewalttaten anzuzeigen, denen die Jugendlichen ihrer Meinung nach an diesem 15. November zum Opfer gefallen waren. Die Vorfälle würden die Freiheit in Mexiko untergraben, einen Grundwert, den die Partei verteidige. Damit bekräftigen sie weiter, dass die derzeitige Regierung instabil sei und Alarm ob der aktuellen Lage des Landes geschlagen werden müsse.
Alles deutet darauf hin, dass sich die mexikanische Rechte darauf vorbereitet, politisch an Boden zu gewinnen, während die Regierungspartei Morena zwar weiterhin hohe Zustimmungswerte verzeichnet, aber auch mit heftiger Kritik und Skandalen konfrontiert ist, die vor allem mit Korruption in Verbindung stehen. So begann der Wahlkampf der PAN mit einer Neugestaltung des Images der Partei. Anschließend bemühte man sich, die Bevölkerung zu überzeugen, die Parteiführung auszutauschen, um den Kurs der Nation zu korrigieren. Die Forderungen von Bürgerbewegungen werden benutzt, um das Bild der Unzufriedenheit zu verstärken. Eine tiefgreifende und bereichernde Wahlkampagne für die kommenden Jahre ist damit wohl nicht in Sicht.


