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Wenn die Ärzte mit dem Zug kommen

Die Uhr zeigt kurz vor acht. Im kleinen Dorf Pinto in der Provinz Santiago del Estero im Norden Argentiniens beginnt ein neuer Tag. Jalousien werden hochgezogen, hinter einem Fenster klappert Geschirr. Ein Hund rekelt sich im Staub. Ansonsten ist es ruhig. Die Schritte führen die Hauptstraße hinunter, der einzigen, an deren Rändern Straßenlaternen in den Himmel ragen. Hinter Bäumen versteckt liegt der Bahnhof. Ein flacher Zaun, ein windschiefer Unterstand, zwei Gleise, das Schild Pinto handgemalt. Auf dem zweiten, dem Abstellgleis, steht ein Zug. Lang, silber-weiß, modern. Weißer und moderner als alles andere in Pinto. Er sticht ins Auge, er fällt auf. Vor dem Zug wartende Menschen mit dunklen Gesichtern, schlichter, abgetragener Kleidung, hier und da ein schüchternes, zahnloses Lächeln. Die Menschen und diese Bahn, ein ungewöhnlicher Kontrast.
Plötzlich geht eine Zugtür auf. Eine Frau mit weißem Kittel, ein Stetoskop um den Hals, lässt ihren Blick über die Menge schweifen. „Señora Molina“, ruft sie. Der Ton ist routiniert, bestimmt. Eine alte Frau stemmt sich mühsam aus dem weißen Plastikstuhl, der dicht an der Schiene im schmalen Schatten des Zuges steht. Es ist schon morgens drückend heiß. Braune, abgearbeitete Hände aus der Menge helfen der Frau das steile Treppchen hoch. Dann verschwindet sie im Zug. Sie geht zum Arzt, das erste Mal seit Jahren wieder.
Seit November 2003 fährt der Tren Sanitario, ein speziell eingerichteter Sanitätszug, durch Argentiniens Norden. Er bringt ein Team von 30 Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern in Dörfer, die seit Jahrzehnten nur mangelhaft oder gar nicht medizinisch versorgt wurden. Der Andrang ist groß. Zwischen 300 und 500 Patienten werden täglich in dem speziell ausgerüsteten Zug bedient. Drei bis vier Tage hält der Zug in den einzelnen Ortschaften. Ein extra Zelt muss in jedem Dorf aufgebaut werden, weil der Platz sonst nicht reicht. Und die Gemeinderäume werden in Beratungsstellen für Renten- und Versicherungsangelegenheiten umfunktioniert. Vor allem die Zahnärzte, Augen- und Kinderärzte kommen mit den Sprechstunden kaum hinterher. Aus allen umliegenden Dörfern strömen die Leute zum Bahnhof und warten geduldig, aufgerufen zu werden. Ein Bus von der Gastgemeinde und einer vom Sanitätszug holt früh die Patienten ab. Und wer da keinen Platz mehr bekommen hat, kommt zu Pferd oder im Eselskarren.

Wie zu Zeiten Evitas
Laut dröhnen die Generatoren für die Klimaanlage. Wer es schon bis in den Zug hinein geschafft hat, kann aufatmen. Hier lässt es sich aushalten, während draußen selbst im Schatten die Temperaturen auf fast 40°C steigen. Als unternähmen sie eine Gruppenreise und schauten in die vorbeifliegende Landschaft, stehen ein paar Frauen aufgereiht im engen Gang. Vor ihnen die Abteiltür, hinter der die Gynäkologin sitzt. Es ist erst wenige Wochen her, da erblickte ein Baby genau hier das Licht der Welt.
Die Wände im Raum sind metallen verkleidet, der unbequeme Stuhl steht in der Mitte. „Wir sind für alle Eventualitäten eingerichtet, auch für eine Geburt“, sagt Dr. Luis Martínez. Der Kinderarzt aus Córdoba ist der Verantwortliche des Zuges. Selbst kleine Operationen kann das Team vornehmen. Und ein zugeigenes Labor liefert die nötigen Proben und Analysen.
Das rollende Krankenhaus – die Idee ist nicht neu. Schon Eva Perón schickte in den 40er Jahren den ersten Zug durchs Land, um der fehlenden medizinischen Infrastruktur in den ärmsten Provinzen etwas entgegenzusetzen. Nur wurde das Projekt von späteren Regierungen vernachlässigt. Jetzt belebte Alicia Kirchner, Ministerin für Soziale Entwicklung und Schwester des argentinischen Präsidenten, die Idee neu und rüstete den Zug wieder auf. Sie sah hier die Chance, bitterste Not vorerst zu lindern. Gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium wurde das Projekt angeschoben. Die Behandlung erfolgt gratis. Mit einem Impfprogramm soll vor allem bei Kindern vermeidbaren Krankheiten vorgebeugt werden. Medikamente werden vor Ort in der Zugapotheke verteilt, einige wie Insulin und Antikonzeptiva (empfängnissverhütende Mittel) gleich für ein ganzes Jahr. Einmal pro Woche kommt Nachschub aus der Hauptstadt. Brillen für die Patienten ordern die Ärzte in Buenos Aires. „In einem Monat erhalten wir dann eine ganze Ladung von bis zu 150 Brillen, die wir an die betroffenen Personen verteilen“, erklärt Guillermo Ganón vom Bürgermeisteramt Pinto die Vorgehensweise.
Wie dringend notwendig das Zugprojekt ist, zeigt die Dankbarkeit der Patienten. „In jedem Dorf werden wir mit einem Fest begrüßt. Meist spielt eine Folkloregruppe, die Leute tanzen. Sie schenken uns Kunsthandwerk oder Essen, obwohl sie selbst kaum welches haben. Und alle fragen immer, wann wir wiederkommen“, erzählt Luis Martínez.

Sexualberatung in der Kirche
Doch beschränkt sich die Arbeit des Teams nicht nur auf die Behandlungen der dringendsten Erkrankungen wie Parasitenbefälle, Magen-Darmprobleme und bei manchen Kindern Unterernährung. Über Gespräche soll den Menschen die Möglichkeit gegeben werden, sich selbst zu helfen. Der Kampf gegen Ungeziefer, die Erschließung von Trinkwasser oder richtige Ernährung sind dabei nur einige Themen. Am meisten gefragt ist die Aufklärung. Nachdem sich in den Dörfern herumgesprochen hat, dass die Weißkittel aus dem Zug zeigen, wie man ein Kondom benutzt und gleich noch einen ganzen Vorrat derselben verteilen, organisieren die Dorfbewohner wissbegierig die Veranstaltungen.
Wo kein Gemeinderaum zur Verfügung steht, öffnet manchmal selbst die Kirche die Türen. Denn es sind vor allem die Pfarrer, die täglich den Teufelskreislauf von Kinderreichtum und Armut miterleben. „Im Dorf Ranchillo in der Provinz Tucumán kam der Pfarrer gerade dazu, als ich an einer Mohrrübe erklärte, wie man ein Präservativ überzieht. ‘Nutzen Sie doch die Kanzel’, forderte er mich auf, ‘da können alle Sie sehen’“, erinnert sich Dr. Martínez und zeigt lachend das Foto mit dem riesigen Kreuz im Hintergrund und ihn, mit Mohrrübe und Kondom in der Hand, davor.
Die Ärzte im Zug kommen aus dem Krankenhaus Alejandro Posadas, dem einzigen, das in Argentinien noch staatlich ist. Anfang der 90er Jahre wurden die Kliniken alle den Provinzregierungen in die Verantwortung gegeben, ein Schritt, der die Ungleichheit im ohnehin sehr angeschlagenen argentinischen Gesundheitssystem noch erhöhte. Denn nun werden nach regionalem Ermessen die Gelder und Mittel verteilt, was im ärmeren Norden ganz besonders spürbar ist.
Die zumeist sehr jungen Ärzte wechseln alle zehn Tage, denn die Arbeit im Zug stellt ganz andere Anforderungen als die im Krankenhaus. Von früh um sieben bis 21 Uhr abends halten sie Sprechstunden ab. Lediglich um die Mittagszeit, wenn die Hitze jede Arbeit unmöglich macht, wird eine kurze Siesta eingelegt. Und abends verfasst das Team gemeinsam Rechenschaftsberichte für die Regierung, in denen sie darauf aufmerksam machen, welche sanitären Maßnahmen in jedem einzelnen Dorf notwendig wären. Sie entwerfen Projekte für die einzelnen Gemeinden und bleiben im Kontakt mit den Dörfern, durch die sie schon gefahren sind. „Natürlich sehen wir, dass wir bei so kurzen Aufenthalten nur sehr begrenzt auf die Leute eingehen können. Aber durch die Zusammenarbeit, die wir mit den lokalen Gesundheitszentren, Ärzten und Krankenhäusern anstreben, bleibt zumindestens ein Saatkorn für das Bewusstsein der Gesundheit zurück“, wertet Dr. Martínez ihre Arbeit.

Das Zahnputzbärchen
Langsam senkt sich der Abend über das Dorf Pinto. Die einstmals edlen Häuser entlang der Bahnstrecke stehen im schrägrosa Licht der untergehenden Sonne. Notdürftig ist an einigen Stellen die abblätternde Fassade übertüncht worden. Pintos Reichtum kam und ging mit der Eisenbahn. Seit die meisten Strecken stillgelegt wurden, siecht das Dörfchen vor sich hin. Nur die halbverfallenen Bürgerhäuser neben den Gleisen künden noch von einer längst vergangenen, glorreichen Pionierzeit.
Aufgeregt nähern sich die ersten Kinder dem einzigen Zug, der seit langem mal wieder etwas Leben ins Dorf gebracht hat. Sie äugen vorsichtig hinüber zu der großen Leinwand, die am hinteren Waggon gerade ausgerollt wird. Vor der Abteiltür weiter vorne warten noch immer geduldig drei Frauen und zwei Männer. Früh um sieben Uhr sei sie gekommen, meint die eine kurz und schweigt. Die ohnehin sehr wortkargen Nordargentinier verschließen sich schüchtern angesichts all der unbekannten Menschen aus der Stadt. Ihre Gesichter sind abweisend, aber aus den Augenwinkeln beobachten sie alles ganz genau. Solch ein Ereignis wie der Zug kommt nicht so schnell wieder ins tägliche Einerlei ihrer Trostlosigkeit.
Auch die Kinder trauen sich nicht so recht. Doch dann siegt die Neugier. Nachdem sich die ersten Mutigen vor der Leinwand auf dem Boden niedergelassen haben, füllt sich der ausgedörrte Rasen auf dem Bahnhofsvorplatz in Windeseile. Ein Zeichentrickfilm wird gezeigt. Ein Bärchen, das sich munter seine Zähne putzt. Die Kindermünder stehen offen. Sie haben noch nie Kino gesehen. Und nun bekommen sie gar selbst solch eine Zahnbürste wie das Bärchen. Glücklich zeigt ein kleiner Junge das Geschenk seiner Mama.
Am Dorfausgang schließt derweil das Krankenhaus seine Türen. Das Krankenhaus? „Ja, wir haben hier eins, aber keine spezialisierten Ärzte. Deshalb sind wir auf den Zug angewiesen“, sagt Guillermo Ganón. Die Infrastruktur wäre also vorhanden. Doch wird Santiago del Estero nicht umsonst als feudalste Provinz Argentiniens bezeichnet. Seit mehr als 40 Jahren regiert das Ehepaar Suárez. Vetternwirtschaft und Korruption auf Provinz- und nationaler Ebene ließen die staatlichen Gelder versacken. Gemeinnützige Einrichtungen sind dem Verfall preisgegeben.
„Der Zug ist enorm wichtig für die Leute hier. Doch wenn sich an der Politik nichts ändert, wenn nicht Krankenhäuser wieder funktionstüchtig und neue Kliniken gebaut werden, wird auch der Zug nichts weiter sein als ein notdürftiges Pflaster“, resümiert Bürgermeister Emilio Rached und blickt zum Abstellgleis hinüber, zu den Wagen, die in der Dämmerung silber-grau funkeln.

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