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Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, dann gibt es die Funa

Wann und aus welchen Gründen wurde die Funa gegründet?

Die Funa wurde 1998, kurz nach der Verhaftung Pinochets, in London ins Leben gerufen. Eine Gruppe von jungen Leuten, darunter Kinder von Verhaftet- Verschwundenen, fanden sich zu einer Demonstration gegen die Verbrecher der Militärdiktatur in einer der wichtigsten Fußgängerzonen Santiagos zusammen. Pinochet ist nicht der Alleinverantwortliche für die Menschenrechtsverbrechen. Es gibt noch viel mehr Schuldige, die heute in Straflosigkeit ruhig leben. Unsere Idee ist es, diese Leute in ihren Häusern oder an ihren Arbeitsplätzen aufzusuchen, sie öffentlich zu outen und der Gesellschaft zu zeigen, wer sie wirklich sind und was sie getan haben. Das Ziel dieser Aktionen ist, sie daran zu hindern, ihr bisheriges Leben wie gewohnt in Ruhe weiterzuleben. Wir sind eine autonome Gruppe, die keiner politischen Partei angehört und kämpfen gegen die Straflosigkeit dieses Systems.

Wen habt ihr als Erstes geoutet und wie ging es weiter?

Die erste funa (Outing) fand in einer Privatklinik in einem der reichen Viertel Santiagos statt. Dort arbeitet ein Kardiologe, der in die Verbrechen während der Militärdiktatur verwickelt war. Dies war am 02.10.1999. Wir haben verschiedene Menschenrechtsorganisationen zu dieser funa eingeladen. So waren wir eine Gruppe von ungefähr 60 Leuten. Seitdem funktioniert Funa als eine Komission. Heute sind in dieser Komission 20 verschiedenene soziale Organisationen vertreten. Die meisten Mitglieder sind junge Leute. Zu unserem einmal in der Woche stattfindenden Treffen, kommen immer um die 40 Personen. Wir haben verschiedene Arbeitsgruppen, die einzelne Bereiche zur Organisation unserer Aktivitäten abdecken.
18 Schweine haben wir jetzt schon geoutet. Die letzte funa richtete sich gegen einen Zivilisten, derwährend der Diktatur Komplize des Militärs war und danach für die Präsidentschaftswahlen kandidierte. Die Atmosphäre bei den funas ist lebendig, fröhlich. Wir machen Musik auf der Straße, sind laut und machen uns bemerkbar.

Worin unterscheidet ihr euch von anderen Menschenrechtsorganisationen?

Wir sind nicht wie die traditionellen Menschenrechtsgruppen. Diese sprechen immer von den Opfern der Diktatur. Dagegen wehren wir uns. Viele der Menschen, die ermordet wurden, waren Revolutionäre. Sie verloren ihr Leben im Kampf für ein Ideal, für neue Hoffnung, für ihr Volk und für ein alternatives Projekt. Wir als Kinder dieser Kämpfer denken, dass es ihr Wille gewesen wäre, dass wir das Gleiche tun und nicht weinend durch die Straßen gehen. Die Funa ist eine Organisation von lebensfrohen jungen Leuten. Wir geben dem Leben und dem Tod der Revolutionären ihren Sinn zurück.

Wie sehen die Konsequenzen für die von der Funa geouteten Personen aus?

Es gibt verschiedene Konsequenzen. Eine unserer Arbeitsgruppen ist die Archivgruppe, die in Erfahrung bringt, was mit den betreffenden Personen nach den funas passiert. Manche gaben ihre Arbeit auf, weil sie sich schämten. Andere tauchten einfach nie wieder an ihrem Arbeitsplatz auf. Diejenigen, die wir in ihren Häusern aufgesucht haben, sind umgezogen. Andere, wie zum Beispiel einer der Manager des größten Telefonkonzerns CTC, sind für uns unerreichbar. Dieser sitzt immer noch an seinem Arbeitsplatz und das ist kein Einzelfall. Aber wir werden diese Schweine immer und immer wieder aufsuchen, bis wir sie kriegen.

Was für Konsequenzen ergeben sich für euch aus diesen Aktionen?

Das kommt ganz darauf an, wen wir outen. Ricardo Claro zum Beipiel , ein reicher Unternehmer und Besitzer von Megavisión, einem der großen Fernesehsender Chiles, war Komplize des Militärs. Während der Diktatur ermöglichte er dem Regime den Transport von politischen Gefangenen auf Schiffen der Sudamericana. Diese Gefangenen wurden auf abgelegene Inseln gebracht und wir vermuten, dass von diesen Schiffen Gefangene ins Meer geworfen wurden. Ricardo Claro ist heute einer der Wirtschaftsberater von Lagos. Zweimal haben wir ihn schon geoutet. Das erste mal ging alles gut, doch beim zweiten Mal gab es einen politischen Befehl die funa zu verhindern. Die Polizei kam, ging mit Schlagstöcken und Tränengas auf uns los und nahm53 Leute fest. Uns allen wurde eine Geldstrafe von 40 US-Dollar auferlegt. Unsere Arbeit wird seitdem unterdrückt. Offiziell dürfen wir nichts mehr machen. Sie lassen uns nicht mehr in Ruhe.

Wie sieht es mit der Gewaltbereitschaft unter euren Leuten aus?

Grundsätzlich sind wir friedlich. Allerdings haben wir uns darauf geeinigt einzugreifen, wenn einer von uns von der Polizei festgenommen wird. Das heißt, dass wir aktiv versuchen, die betreffende Person aus der Polizeigewalt zu befreien. Wir nehmen keine Steine, Stöcke oder Molotovcocktails mit auf unsere Aktionen. Das passt einfach nicht zu uns. Zu unseren funas kommen viele Frauen mit ihren Kindern und wir wollen nicht, dass sie Angst haben müssen.

Wie sieht es aus mit der Öffentlichkeit? Wie reagiert sie auf euch?

Anfangs gab es in den Medien einige Berichte über uns. Sie stellten uns als einen Haufen verrückter Antidemokraten dar. Nur ein Fernsehsender bezeichnete die Funa als eine neue Art zu demonstrieren. Doch sehr bald berichtete niemand mehr über uns, die Funa wurde zensiert. Natürlich gibt es einige kleine alternative Zeitungen, die ab und zu über uns berichten. Wir selber haben ein Mitteilungsblatt, das alle zwei Monate erscheint

Habt ihr auch Kontakt zu anderen sozialen Organisationen in Lateinamerika?

Wir stehen in Kontakt mit der Organisation H.I.J.O.S in Argentinien, Uruguay, Paraguay und Menschenrechtsorganisationen in Brasilien. Mit diesen Gruppen haben wir eine länderübergreifende funa organisiert. In jedem dieser Länder wurde am selben Tag eine Person geoutet. In Chile outeten wir Krasnoff Marchenko, der in die Menschenrechtsverbrechen der Todeskarawane verwickelt war und eine wichtige Rolle während der Militärdikatur spielte. Es ist wichtig, dass wir Kontakte außerhalb Chiles knüpfen, um mehr Unterstützung zu erhalten.

Interview: Nisha Anders, Anja Witte

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