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Wenn ich einmal groß bin

Im Jahr 1925 ist Sesé fünf Jahre alt und lebt in Bangu, einem Viertel in Rio de Janeiro. Sein Vater ist seit einiger Zeit arbeitslos, weswegen seine Mutter immer wieder Überstunden in einer englischen Weberei machen muss. An Weihnachten sitzen sie stumm bei einem kargen Mahl bei­sammen. Niemand bekommt Geschenke und Sesé ist davon überzeugt, dass „das Teufelskind“ auf die Welt gekommen ist. Das muss vor allem an ihm liegen, glaubt er. Er ist so ein Schlingel, dass er sogar selbst meint, so etwas wie er hätte besser nicht geboren werden dürfen.
Zum Glück gibt es da noch sein kleines Orangenbäumchen im Garten, dem er den Namen „Knirps“ gegeben hat. Immer wenn ihn die Schwermut überkommt, setzt er sich auf einen seiner Äste und schaukelt im Wind wie auf einem Pferd. Knirps spricht ihm Mut zu, wenn Sesé sich über die Bosheit seiner großen Schwester Jandira oder die Unnachgiebigkeit seines Vaters beklagt, von denen er sich wegen seiner Streiche wieder eine Tracht Prügel eingefangen hat. Auch zu seinem neu gewonnen Freund Portuga, einem ältereren Mann, in dem Sesé einen Ersatzvater gefunden hat, kann er flüchten. Der fährt „das schönste Auto Rio de Janeiros“, kauft Bildchen und Bonbons für ihn und macht ihm ein Geschenk, für das er ihm ein Leben lang dankbar sein wird: Durch ihn lernt er, was echte Zuneigung bedeutet.
Sesé schafft es, sich selbst das Lesen beizubringen. Eines Tages möchte er nämlich Gelehrter sein und „eine Schleife tragen“. In seiner Familie stößt er auf Unverständnis: „Das hast du davon! Hast es zu früh gelernt, du Dummkopf. Dafür wirst du jetzt schon im Februar in die Schule kommen“, schimpft ihn Jandira. Ganz anders reagiert Onkel Edmundo, er küsst ihn mit Tränen in den Augen auf die Stirn und meint: „Du wirst es noch weit bringen, mein Junge.“
José Mauro de Vasconcelos (1920-1984) ist einer der im Ausland meistgelesenen ­brasilia­nischen Autoren. Er studierte nicht nur Medizin, Jura, Philosophie und Malerei, sondern schlug sich zeitweise unter anderem als Bananenlader und Boxtrainer durch. In Mein kleiner Orangenbaum schafft es der Schriftsteller, sich im Alter von 48 Jahren lebhaft in seine Kindheit zurückzuversetzen. In seinem klaren unkomplizierten Stil erzählt er die Geschichte eines brasilianischen Jungen, der die Welt der Erwachsenen früh zu verstehen lernt. Er macht sich über Recht und Unrecht Gedanken und ist fasziniert von fremd anmutenden Wörtern sowie absurden Geschichten. Eine wichtige Rolle spielt einerseits sein Freund Portuga, „der beste Mensch der Welt“: Er bringt ihm so lustige Wörter wie „Gesäß“ bei, das er anstatt des Wortes „Arsch“ benutzen solle. Andererseits ist da sein kleines Orangenbäumchen, das irgendwann wohl seine Stimme verlieren wird, sollte Sesé erst mal „vernünftig“ werden.
Nicht umsonst ist dem Buch Mein kleiner Orangenbaum große Aufmerksamkeit in der Literaturgeschichte zuteil geworden. Zum ersten Mal wurde es auf Deutsch im Jahre 1968 unter dem Titel Wenn ich einmal groß bin herausgegeben. In der Neuübersetzung von Marianne Jolowicz wurde der Titel der portugiesischen Originalversion – O Meu Pé de Laranja Lima – angepasst. Es ist ein Buch voller Melancholie und Fantasie. Und an Aktualität wird es gerade deshalb nie verlieren, da es vom Glück handelt, das sich auch in bitterster Armut finden lässt.

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