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“Wenn Mexiko frei sein wird…”

Ejército Zapatista de Liberación Nacional, México, 17.03.1995
An die Männer und Frauen, die in verschie­denen Sprachen und Wegen an eine menschlichere Zukunft glauben und dafür kämpfen, sie heute zu erreichen:
… Und hinter den Kampfpanzern der Regierung kam die Prostitution, der Schnaps, der Raub, die Drogen, die Zerstörung, der Tod, die Korruption, die Krankheit, die Armut, und es kamen Leute der Regierung und sagten, daß die Legalität wieder­hergestellt sei auf chiapanekischem Boden, und sie kamen mit kugelsicheren Westen und Panzern, und sie waren einige Minuten da und wurden nicht müde, noch mehr Reden zu halten vor den Häh­nen, Hühnern und Schweinen und Hunden und Kühen und Pferden und einer verlorengegangenen Katze. Und so machte es die Regierung, und ihr wißt es ja am besten, weil es viele JournalistInnen gesehen und publiziert haben, und das ist jetzt die Legalität, die unser Land regiert. Und so war der Krieg für “Legalität” und “Nationale Souveräni­tät”, den die Regierung gegen die chiapanekischen Indígenas führt. Auch gegen die anderen Mexika­nerInnen führt die Regierung Krieg, nicht mit Panzern und Flugzeugen, sondern mit einem öko­nomischen Programm, das sie genauso umbringen wird, nur viel langsamer …
Und jetzt erinnere ich mich, daß ich das alles am 17. März aufschreibe, dem Tag von San Patri­cio, der in diesem Mexiko im vergangenen Jahr­hundert kämpfte, gegen das Imperium der Stars and Stripes; es war eine Gruppe von Sol­daten ver­schiedener Nationalitäten, die auf seiten der Me­xikanerInnen kämpfte und die sich Batail­lon San Patricio nannte; und deshalb sag­ten die compañe­ros “Hör mal, es wäre gut, wenn du den Brüdern und Schwestern der anderen Län­der schreiben und ihnen danken würdest, weil sie den Krieg aufge­halten haben” … Und so schreibe ich ihnen im Namen aller compañeros und com­pañeras, weil wir klar gesehen haben, daß es, wie im Bataillon San Patricio, Fremde gibt, die Mexiko mehr lie­ben als einige, die heute in der Regierung und morgen im Gefängnis sitzen, oder im physischen Exil, denn mit dem Herzen sind sie schon längst draußen … Und wir wissen, daß es Demonstratio­nen und Treffen und Briefe und Ge­dichte und Lieder und Filme und andere Sachen gab, damit es keinen Krieg in Chiapas gibt, dem Teil Mexikos, in dem wir leben und sterben. … Und so haben wir gesehen, daß es gute Menschen in vielen Teilen der Welt gibt und daß diese Men­schen näher an Mexiko leben als die in Los Pinos, dem Regie­rungssitz dieses Landes.
Unser Gesetz ließ Bücher, Medikamente, La­chen, Süßigkeiten und Spielzeuge blühen. Ihr Ge­setz, das der Mächtigen, kam ohne irgendein Ar­gument, außer dem der Gewalt, und zerstörte Bi­bliotheken, Kliniken und Krankenhäuser, brachte Traurigkeit und Verbitterung über unsere Leute. Und wir glauben, daß eine Legalität, die das Be­wußtsein, die Gesundheit und Freude zerstört, eine sehr kleine Legalität für so große Männer und Frauen ist, und daß unser Gesetz unendlich besser ist als das Gesetz dieser Herren, die mit ausländi­scher Affinität sagen, daß sie uns re­gieren.
Und wir wollen Euch allen danken. Und wenn wir eine Blume hätten, würden wir sie schenken, und weil wir nicht ausreichend Blumen für jeden und jede haben, reicht eine aus, die unter alle ver­teilt wird, und alle bewahren ein Stückchen auf, und wenn sie alt sind, werden sie den Kindern und Jugendlichen ihres Landes berichten: “Am Ende des 20. Jahrhunderts habe ich für Mexiko ge­kämpft, und seitdem war ich mit ihnen zusammen, und ich weiß nur, daß sie das wollten, was alle menschlichen Wesen wollen, die nicht vergessen haben, daß sie menschliche Wesen sind, und was Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit bedeuten, und ich kannte nicht ihre Gesichter, aber ihre Her­zen, und sie waren unseren gleich.” Und, wenn Mexiko frei sein wird (nicht glücklich oder per­fekt, einfach nur frei, den eigenen Weg zu wählen und Fehler zu machen), dann auch ein kleines Stückchen von Euch, das, was auf der Höhe der Brust ist und auf Grund der politischen Verwick­lungen ein bißchen nach links gerutscht ist; Me­xiko, diese sechs Buchstaben wollen Würde aus­drücken, und daher wird die Blume für alle sein oder gar nicht …
Aus den Bergen des mexikanischen Südostens.
Subcomandante Insurgente Marcos

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