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Wetterleuchten

Sie ist die Liste der Träume: Statt wie eine Bestsellerliste die Titel mit den höchsten Verkaufszahlen zu nennen, führt die SWR–Bestenliste diejenigen auf, denen die Literaturkritik die meisten LeserInnen wünscht. Das bedeutet, kontinental subtrahiert: Statt Paulo Coelhos Zahir und Isabel Allendes Zorro finden sich hier im Juni 2005 – und jetzt kommt’s – gleich vier Bücher lateinamerikanischer Schriftsteller auf den ersten zehn Plätzen. Das gab es noch nie. Und nicht einer ist darunter, der sonst auf die vorderen Ränge des kritischen Wohlwollens abonniert wäre. Empfohlen werden die hierzulande stets unterschätzten Juan Carlos Onetti (4. Platz) und Álvaro Mutis (6.), dazu Jorge Edwards (1.) und außerdem Guillermo Rosales (10.).
Ein neuer Boom lateinamerikanischer Literatur ist dennoch nicht in Sicht, denn die Romane, welche die „Trüffelschweine in den Papierbergen” (SWR über SWR) da erschnüffelt haben, erschienen im Original alle im vergangenen Jahrhundert. Gelobt wird der erste Band der Onetti–Gesamtausgabe (mit zwei Romanen aus den sechziger Jahren) im Suhrkamp Verlag sowie ein Mammutwälzer, der Álvaro Mutis’ sieben Romane über den philosophierenden Seefahrer Maqroll in einen Band presst. Edwards’ Ursprung der Welt von 1996 ist ein exilchilenischer Abgesang auf kommunistische Utopien; Boarding Home hingegen stammt von 1987 und ist fast das einzige Werk des psychisch kranken Kubaners Guillermo Rosales (1946 – 93). Für dieses ebenso schmale wie großartige Buch wird es allerhöchste Zeit, (wieder)entdeckt zu werden.
Zu spät ist es für gute Bücher zwar nie. Aber warum empfiehlt die SWR-Bestenliste keine echte Neuerscheinung? An den Verlagen liegt es nicht. Gerade auf anspruchsvolle Literatur aus Lateinamerika haben sich eine ganze Reihe von ihnen spezialisiert – davon kann man sich zum Beispiel in den Programmen von Wagenbach und Rotpunktverlag, Unionsverlag und Edition 8, Ammann oder Edition Köln überzeugen. Auch die Gestaltungs- und Übersetzungsqualität lässt im Allgemeinen nichts zu wünschen übrig. Und nicht einmal der Literaturförderung kann man einen Vorwurf machen: Was da alles mitfinanziert wird, lässt für weitergehende Bedürfnisse zwar immer Raum (gerade Übersetzer sind skandalös unterbezahlt), dennoch ist die Förderung im internationalen Vergleich einigermaßen hoch.
Bleiben die LiteraturkritikerInnen, deren einflussreichste die SWR-Liste ja durch ein Punktesystem erstellen. Hier gerät – trotz des Wetterleuchtens im Juni 2005 – Lateinamerika zusehends aus dem Blick, wofür das Bekenntnis der leitenden Literaturredakteurin einer großen deutschen Zeitung, Lateinamerika interessiere sie eigentlich nicht, beispielhaft sein mag. Es wird immer liebloser rezensiert, immer kürzer, mit immer weniger Hintergrundwissen – und ausgewählt werden immer häufiger diejenigen Autoren und Themen, die schon Erfolg hatten. In den hochwirksamen Buchmessenbeilagen der großen Zeitungen werden vorrangig die Bücher besprochen, deren Verlage auf der nächsten Seite eine Anzeige schalten. So haben unbekannte Stimmen aus kleinen Verlagen bestenfalls die Chance auf eine Nische. Für eine angemessene Aufmerksamkeit, das kostbarste Gut auf dem Buchmarkt, sind Nischen jedoch zu klein.
Und die LeserInnen? Sie können in den besseren Buchgeschäften stöbern, die nicht nur das auslegen, was ohnehin “in den Medien” ist. Sie können Autorenlesungen besuchen, Gutes weiterempfehlen und verschenken. Hier gilt, dass vor allem diejenigen etwas Neues finden, die nicht nur das Gewohnte suchen.

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