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Widersprüchliches Kolumbien

Vor etwa sechs Jahren startete die kolumbianische Regierungsorganisation Proexport die Werbekampagne „Kolumbien – das einzige Risiko ist, dass du bleiben willst“. Ziel der Kampagne war, das Land mit Bezug auf die verbesserte Kriminalitätsstatistik auf die Landkarte des weltweiten Tourismus zu befördern und sein Image nachhaltig zu verbessern.
Unter anderem durch neue Freihandelsabkommen präsentiert sich Kolumbien zunehmend auch als lohnendes Ziel ausländischer Investoren. Gleichzeitig werfen Menschenrechtsorganisationen mehr als einem Drittel der frisch gewählten Parlamentarier_innen direkte oder indirekte Verbindungen zum Paramilitarismus vor. Kolumbien gilt nach wie vor als eines der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit, auch gravierende Menschenrechtsverletzungen sind weiterhin Alltag. Wie ist diese komplexe Situation zu deuten? Befindet sich Kolumbien wirklich auf dem Weg zu Frieden und Wirtschaftswunder?
Zwei Neuerscheinungen versuchen diese Fragen zu beantworten: Werner Hörtner, der sich seit Jahren journalistisch mit Kolumbien auseinander setzt, mit seiner Monographie Kolumbien am Scheideweg. Ein Land zwischen Krieg und Frieden. Er liefert eine fundierte Analyse insbesondere der paramilitärischen Strukturen und der Politik des ehemaligen rechtskonservativen Präsidenten Álvaro Uribe Vélez, der auch im aktuellen Wahlkampf eine entscheidende Rolle spielt. Hörtner geht zurück bis an die Ursprünge des bewaffneten Konflikts, beleuchtet den Entstehungsprozess des Paramilitarismus in Kolumbien und zeigt ein Fortbestehen der paramilitärischen Strukturen bis in die höchsten Machtzirkel des Landes auf. Trotz einiger zeitlicher Sprünge bietet das Buch einen sehr guten Überblick. Allerdings setzt das Buch einiges an Vorwissen voraus und eignet sich dadurch nur bedingt für „Kolumbien-Neulinge“.
In ähnlicher Weise gilt dies auch für Kolumbien: Vom Failing State zum Rising Star? Ein Land zwischen Wirtschaftswunder und humanitärer Krise. Der Sammelband richtet sich vor allem an ein akademisches Publikum mit Grundkenntnissen über die Lage Kolumbiens. Im Gegensatz zum journalistischen, leicht zu lesenden Schreibstils Hörtners, konzentriert sich der Sammelband auf eine Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes zu Kolumbien und neue Ansätze. Das Buch ging aus einer Konferenz im Jahre 2011 hervor, weswegen an einigen Stellen aktuelle Bezüge zu kurz kommen. Trotzdem bietet es eine sehr interessante Lektüre und die verschiedenen Autor_innen werfen Fragen auf, die so in der Wissenschaft bisher kaum bearbeitet wurden. So werden unter anderem die aktive Rolle von Frauen im bewaffneten Konflikt und deren Darstellung in den Medien beleuchtet. Mit einer dreiteiligen Gliederung versucht der Sammelband einen umfassenden Eindruck von den Akteur_innen des Konfliktes, der Staatlichkeit und des Zusammenspieles von Wirtschaftspolitik und Menschenrechten zu liefern.
Eine umfassende Klärung der neueren Geschichte und aktuellen Lage des Landes liefern beide Bücher nicht – dies ist allerdings auf Grund der Widersprüchlichkeit Kolumbiens wahrscheinlich gar nicht möglich. So wird der/die Leser_in nach der Lektüre beider Bücher das Land nicht unbedingt verstehen – aber einen sehr interessanten Einblick in die Komplexität Kolumbiens erhalten haben.

Werner Hörtner // Kolumbien am Scheideweg. Ein Land zwischen Krieg und Frieden // Rotpunktverlag // Zürich 2013 // 296 Seiten // 27 Euro //www.rotpunktverlag.ch

David Graaff, Miriam Heins, Cathy Henkel, Marie Ludwig, Tim Schauenberg, Rebecca Steger, Johannes Thema (Hg.) // Kolumbien: Vom Failing State zum Rising Star? Ein Land zwischen Wirtschaftswunder und humanitärer Krise // Wissenschaftlicher Verlag Berlin // Berlin 2013// 358 Seiten // 28 Euro // http://www.wvberlin.de

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