Aktuell | Allianzen | Nummer 624 - Juni 2026

„Wir brauchen ungewöhnliche Bündnisse“

Interview mit dem kolumbianischen trans und Anti-Ableismus-Aktivisten Silvestre Barragán

Die Initiative gegen Antifeminismus On The Right Track (OTRT) möchte feministische Graswurzelorganisationen aus Lateinamerika und Europa zusammenbringen, um sich als internationales Netzwerk stärker gegen Fundamentalismus und rechte Mobilisierung aufzustellen. Der kolumbianische Künstler und Aktivist Silvestre Barragán, der die queere Gruppe des lateinamerikanischen Teils des Projekts leitet, erzählt im Interview mehr über dieses ambitionierte Vorhaben und was daraus für die Arbeit über Grenzen hinweg gelernt werden kann.

Interview von Johanna Fuchs
Porträt: Silvestre Barragán

Du arbeitest als Künstler, Illustrator, Tätowierer, aber auch als Aktivist, Pädagoge und Forscher bei ALCE (Abolición de lógicas de castigo y encierro, Abschaffung von Bestrafungs- und Gefangenschaftslogiken) und OTRT. Dabei verbindest du trans Perspektiven mit Anti-Ableismus und Feminismus. Wie hängen diese Themen und Formen politischer Arbeit miteinander zusammen?

Der Kampf gegen das Psychatriesystem unterscheidet sich nicht wesentlich vom Kampf von trans Personen, denn beide haben mit der Pathologisierung und der Normierung von Körpern zu tun: Institutionen wie Familie, Religion und Medizin verfestigen vermeintliche Wahrheiten darüber, was normal ist und was nicht. Sie sind nicht natürlich, werden aber dennoch als absolute Wahrheiten angesehen. Und das hängt direkt mit dem Kampf gegen Fundamentalismus zusammen, dessen Strategie darin besteht, sich auf angeblich wissenschaftlich oder biologisch fundierte Argumente zu stützen, um diese vermeintliche Normalität herzustellen und zu erhalten. Ich habe 2016 damit begonnen, meine Arbeit als Drag-Künstler zu nutzen, um die „Gender-Ideologie“ auf der Bühne zu hinterfragen. Die Formen, die ich seitdem gewählt habe, um mich einzubringen – sei es Kunst oder educación popular –, sind immer Mittel zur Verbreitung von Information.

Wie lassen sich Kämpfe verbinden, die oft als isoliert wahrgenommen werden und nicht immer auf einer Linie liegen?
Das ist die große Frage unserer Zeit. Der Kampf, der mir am meisten am Herzen liegt, ist der Kampf gegen Ableismus und gegen die Psychiatrie. Mir gefällt dabei, Bewegung durch Emotionen zu erzeugen, Leben durch emotionale Unterstützung zu erhalten. Ich sehe darin Hoffnung für eine Zukunft der einfühlsamen Gemeinschaften. Das sehe ich wiederum auch bei meinen trans Freund*innen: Wir passen aufeinander auf und helfen uns beispielsweise dabei, Hormone zu beschaffen – trotz der Hindernisse, die der Staat uns in den Weg legt. Wir bilden Gemeinschaft, indem wir Beziehungen aufbauen und ein gemeinsames „Wir“ schaffen.

Die Frage danach, wie wir ein „Wir“ schaffen können, das der allgegenwärtigen Gewalt ein Gegengewicht bietet, ist dabei zentral. Bei ALCE tun wir dies durch Gruppen zur gegenseitigen Unterstützung. Wir haben Lerngemeinschaften rund um das Thema psychische Belastung ins Leben gerufen. Es gab Zeiten, in denen es sehr schmerzhaft war, nur Krisenanfragen zu erhalten. Also entwickelten wir eine Strategie: Montags tauschten wir Botschaften aus, um uns gegenseitig Mut zu machen. Es war eine Strategie, die das Netzwerk durch Emotionen stärkte – durch das Teilen von Leid, aber auch durch an dere Emotionen. Im Mittelpunkt solcher kleinen, alltäglichen Dinge steht die Frage, wie wir Netzwerke auf der Grundlage von Emotionen und unserer Sensibilität gegenüber anderen Menschen aufbauen können.

Auch in deiner anderen Arbeit, bei On The Right Track, soll ein Netzwerk aufgebaut werden, und zwar ein großes, internationales Netz feministischer Aktivist*innen und Gruppen – quasi als Gegenbewegung zu dem, was Rechte seit Jahren auf internationaler Ebene ebenfalls tun. Wie setzt ihr das um?
Die Strategie der Rechten bestand darin, ungewöhnliche Bündnisse einzugehen, zwischen Akteuren, die nicht unbedingt gleich sind. Aber ich habe das Gefühl, dass auf der anderen Seite, für die sozialen Bewegungen, diese Frage nach dem „Wir“ immer schwieriger wird. Und ich glaube, dass der Identitarismus (wird oft auch als Identitätspolitik bezeichnet, Anm. d. Red.) etwas ist, das manchmal Differenzen hervorbringt, die unüberbrückbar erscheinen. Doch im Hinblick auf ein übergeordnetes Ziel – nämlich ein Gegengewicht zu schaffen und jene Welt zu verwirklichen, von der wir träumen – müssen und können sie überbrückt werden. Ich glaube, wir müssen dafür die Formen der politischen Arbeit neu definieren und mehr in den Alltag holen.

Ein Hilfsmittel, das meiner Meinung nach einen guten Einstieg bietet, ist das Handbuch der Kommunikationsguerilla. Es regt dazu an, sich Fragen zu stellen, zum Beispiel zur Nachbarschaft: Welche Dynamiken gibt es in meiner Nachbarschaft, zum Beispiel rund um Bars oder andere Orte? Am sichtbarsten sind hier kleine Geschäfte: In die Läden gehen die Leute, um einzukaufen, aber sie trinken dort auch Bier und unterhalten sich. Es wäre also ein Ansatzpunkt, dort hinzugehen.

Was hat bisher am besten funktioniert?
Es ist gut gelungen, komplexe politische Ideen einzubringen und sie einer kritischen Debatte zu unterziehen. In der Gruppe zum Thema transausschließende Feminismen kamen wir beispielsweise zu dem Schluss, dass diese nicht nur außerhalb, sondern sogar innerhalb unserer eigenen Denkweisen in der Arbeitsgruppe zu finden sind. Die queere Gruppe steht im Zentrum des Sturms. Viele der Anti-Gender-Maßnahmen richten sich gegen trans Personen. Ich glaube also, dass sich die wichtigsten Auseinandersetzungen genau dort abspielen. Und diese aufkommenden Überlegungen zu integrieren und sie auf den neuesten Stand zu bringen, ist ein wichtiger Beitrag, den wir bei OTRT geleistet haben.

OTRT schlägt vor, Netzwerke zwischen verschiedenen Regionen aufzubauen. Was fandest du an diesem Prozess herausfordernd?
Bei einem der ersten Treffen mit den europäischen Gruppen war beispielsweise das Konzept des Rassismus zwischen Teilnehmenden der unterschiedlichen Kontinente ganz anders. Für eine Schwarze kolumbianische Kollegin war es schockierend, dass weiße Menschen aus Osteuropa Rassismus erleben könnten. Und natürlich ist das nicht mit ihrer Erfahrung zu vergleichen. Aber es ist ebenfalls Rassismus. Und das zeigt, dass wir wirklich nichts mitbekommen, schon gar nicht vom Globalen Süden zum Globalen Süden. Das heißt, was wir über Indien, Pakistan und den asiatisch-pazifischen Raum erfahren, ist gleich null. Und auch aus Ost-Europa kommt nichts bei uns an. Das wollen wir durchbrechen.

In einem der Bücher, die du illustriert hast und die bei OTRT erschienen sind, schließt du mit der Frage: „Wie schaffen wir Bündnisse, die den faschistischen Kurs ändern?“ Welche Gedanken hast du selbst dazu?
Ich denke, es wird nur mit diesen ungewöhnlichen Allianzen funktionieren, wie sie auch die Rechte schließt. Und daher sollten wir insbesondere vom „Globalen Süden“ oder der „Peripherie“ – denn dazu gehört auch Osteuropa – aus denken und untereinander Bündnisse schmieden. Das brauchen wir, um die Blasen zwischen immer denselben Gleichgesinnten platzen zu lassen und die Dinge in einem größeren Zusammenhang zu verstehen.
Als ich zum Beispiel diese Gruppe zum Thema trans-ausschließender Feminismus bei OTRT gegründet habe, habe ich auch selbst erkannt, wie sehr ich durch mein eigenes Weißsein voreingenommen war – ich hatte nicht verstanden, dass die binäre Vorstellung, die wir von Geschlecht haben, von vornherein rassistisch ist.

In der Praxis prallen bei einer Begegnung zwischen Menschen mit verschiedenen Hintergründen auch unterschiedliche Vorstellungen aufeinander. Daher ist es in der Praxis schwierig, mit dem Unbehagen umzugehen, das solche für Bündnisse notwendige Begegnungen mit sich bringen. Was braucht es, damit das auf konstruktive Weise geschehen kann?

Ich glaube, uns fehlt es dafür an Spiel und an Umgebungen, die uns Kreativität ermöglichen und weniger an politischer Diskussion, denn politische Diskussion ist trocken. In dieser Phase meines Lebens erlebe ich diese Welt generell als einen sehr kalten Ort. Es gibt andere Wege als Diskussionen, die mehr Raum für das Spiel lassen, mehr Raum für Fantasie, Literatur und andere Bereiche, die es uns ermöglichen, kreativ zu sein, um diese Bündnisse zu schmieden. Dafür müssen wir raus aus dem Gefühl, dass alles dringlich oder schon verloren ist. Denn es ist natürlich sehr schwierig, die Last, die wir derzeit schon tragen, noch weiter zu erhöhen. Wie können wir uns also hinterfragen oder eine Art der Organisation finden, die andere Wege einschlägt? Nun, durch kreative Möglichkeiten. Ich glaube auch, dass es gut ist, die Organisationsformen zu überdenken und zu ganz grundlegenden Fragen zurückzukehren, um zu verstehen, wie wir uns organisieren und wie wir Gemeinschaft aufbauen. Und indem wir uns damit beschäftigen, wie man über Emotionen etwas aufbaut, und dabei verstehen, dass Emotionen politisch sind. Auch die Rechte tut dies: Sie schafft Gemeinschaften durch Emotionen, durch Hass. Im Gegensatz dazu können wir uns wieder auf das Sensible besinnen.

Silvestre Barragán 

ist ein transmännlicher Überlebender psychiatrischer Gewalt. Er ist Co-Leiter von ALCE (Abolición de lógicas de castigo y encierro; Abschaffung von Bestrafungs- und Gefangenschaftslogiken), einer Organisation, die sich mit psychiatrischer Gewalt befasst und Alternativen zum Psychatriesystem entwickelt. Zudem leitet er die Arbeitsgruppe zu queeren Rechten der Initiative On the Right Track (OTRT, Auf dem richtigen Weg), die Allianzen zwischen feministischen Aktivist*innen in Lateinamerika und Europa, insbesondere Osteuropa, anstrebt.

Begriffserklärungen

Unter Ableismus versteht man die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen. Das Wort kommt vom englischen able (fähig). Die anti-ableistische Bewegung möchte nicht nur individuelle Diskriminierung bekämpfen, sondern positioniert sich auch gegen die gesellschaftliche Normsetzung, die bestimmt, welche Körper als funktional gelten und nach welchen Bedürfnissen sich beispielsweise öffentliche Infrastruktur oder Regeln in der Arbeitswelt richten.

Die Antipsychatriebewegung kann als ein Teil dieser Bewegung verstanden werden, richtet sich jedoch fokussiert gegen die Ausgrenzung, Entmündigung und Pathologisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen durch das Psychatriesystem.


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