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„Wir haben viel Repression erleiden müssen“

Viele Menschen verstehen Umweltschutz als einen Luxus, den sich nur die „erste Welt“ leisten kann, wenn alle Grundbedürfnisse schon ausreichend gesichert sind. In eurem Fall ist das ganz anders. Warum habt ihr angefangen, euch für den Umweltschutz zu engagieren?

Felipe: Wir haben angefangen, als ökologische Aktivisten zu arbeiten, weil bei uns über viele Jahre hinweg enorm viel Holz geschlagen worden war. Aufgrund des Kahlschlages gab es bald fast kein Wasser mehr. Wir fingen an zu kämpfen, weil sich ohne Wasser hier allmählich alles in eine Wüste verwandelte. Im Jahr 1998 haben wir die Wege vollständig blockiert und den Abtransport des gerodeten Holzes verhindert.

Worin besteht die tägliche Arbeit als ökologische AktivistInnen?

Felipe: Die wichtigste Aufgabe besteht darin, das Umweltbewusstsein der DorfbewohnerInnen herauszubilden. Jeder sollte dort, wo er lebt, darauf achten, dass die Umwelt, das Land, die Flüsse und die Quellen geschützt werden. Es gibt viele Dörfer und Gemeinden in Guerrero, die sich mittlerweile an diesem Kampf beteiligen.

Vor einigen Jahren habt ihr zusätzlich eine ökologische Frauenorganisation gegründet. Warum habt ihr diesen Fokus auf Frauen gerichtet?

Felipe: In der ökologischen Frauenorganisation von Petatlán arbeiten Frauen und Männer zusammen. Ein Ziel ist, die Ernährung der Familien zu sichern. Und über die Familien entwickelt sich auch das Bewusstsein für den Umweltschutz. Celsa, du kannst das besser erklären.
Celsa: Die Beteiligung von Frauen ist sehr wichtig für den Schutz der Umwelt. Auf den Versammlungen der ersten ökologischen Organisation waren fast ausschließlich Männer, die Frauen fehlten.
In unserer Region wurde außer Mais und Bohnen fast nichts angebaut. Alles andere, wie Tomaten und Zwiebeln und Chilis, kauften die Frauen auf dem Markt. In der Gegend gibt es aber gutes Land. Und da fasste ich den Entschluss, mich dafür zu engagieren, dass die Frauen dort aussäen und Gemüse anpflanzen. Am Anfang waren die meisten Frauen sehr misstrauisch. Aber wir waren zwölf Frauen, die daran glaubten. Eine Organisation stellte uns Geld zur Verfügung. Davon kauften wir Samen und verteilten sie an die Frauen. Nach dem ersten Jahr sahen wir, dass alles, was wir angepflanzt hatten, gut gewachsen war. Und dann kamen auch die anderen Frauen und beteiligten sich. Auf unseren Versammlungen haben wir auch damit begonnen, Bewusstsein für Umweltschutz zu schaffen und über die fehlenden Bäume und das verschmutzte Wasser zu sprechen. Irgendwann erkannten die Frauen von alleine die Zusammenhänge: dass der Fluss austrocknet, weil wir ihn nicht schützten und weil es keine Bäume mehr gab. Da fragte ich sie, ob sie es nicht gut fänden, den Wald wieder aufzuforsten. Und sie sagten ja und holten ihre Männer dazu, weil es harte Arbeit ist, Bäume zu pflanzen. Wir waren 60 Frauen in der Gruppe und alle zusammen pflanzten mit ihren Familien 146.600 Bäume. So arbeiten Männer und Frauen bei uns zusammen.

Felipe, wir sind sehr froh, dass du gerade hier bei uns sein kannst. Du bist erst vor etwa einem Monat aus dem Gefängnis entlassen worden, wo du zehn Monate lang in Haft warst, wegen deiner Arbeit als ökologischer Aktivist. Wer hat etwas gegen eure Arbeit?

Felipe: Da sind zum Beispiel die Besitzer der großen Viehherden. Sie wollen mehr Weideflächen schaffen durch Rodung oder auch Brandrodung. Außerdem gibt es einige Gebiete mit vielen Pinien, die immer schon in andere Länder exportiert wurden. Wir haben mit unserer Arbeit Interessen berührt. Der Beweis dafür ist, dass ich verfolgt worden bin und ins Gefängnis gebracht wurde.
Ich richte mich nicht gegen diese oder jene Leute. Ich bin nur gegen die groß angelegte Ausbeutung und die schlechte Behandlung des Waldes. Fast alle Gebiete des Bundesstaates Guerrero sind über Jahre hinweg durch große Firmen ausgebeutet worden. Bereits in den 50er und 60er Jahren rodete eine US-amerikanische Firma mehr als 15 Jahre lang in Guerreros Wäldern. Damals in Zusammenarbeit mit dem Regierenden Figueroa Figueroa und mit lokalen Kaziken, die mit der Firma die Verträge abschlossen. Als wir 1998 die Wege blockierten und den Abtransport des Holzes verhinderten, ist das letzte dort noch tätige transnationale Unternehmen, Boise & Cascade, gegangen. Es wurde vom damals Regierenden Figueroa Alcocer, Sohn des ehemaligen Gouverneurs Figueroa, unterstützt. Meine Verhaftung und mein Gefängnisaufenthalt haben natürlich auch mit diesen Interessen zu tun.

Welche Rolle spielt der mexikanische Staat? Es ist schließlich auch seine Aufgabe die Wälder zu schützen.

Felipe: Der mexikanische Staat sagt im Ausland immer, dass alles in Ordnung sei. Präsident Fox und andere haben das gesagt. Sie sagen, dass Voraussetzungen bestünden, unter denen man das Holz schlagen dürfe, und dass der Umgang mit den Ressourcen in nachhaltiger Weise geschehe. Das werden sie immer sagen, aber wenn man sich das Gebiet anschaut, dann sieht es ganz anders aus. Der Gouverneur und der Umweltminister sowie das Umweltministerium SEMARNAT und das Bundesumweltamt PROFEPA als staatliche Institutionen sind verpflichtet, die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder Guerreros zu überwachen. Aber die Regierung schafft keine Gerechtigkeit, sondern sie geht dahin, wo das Geld ist. So sehe ich das.

Was für Repression wurden gegen die ökologische Bewegung von Guerrero ausgeübt?

Felipe: Wir haben viel Repression und Verfolgung erleiden müssen. Besonders 1998, als wir durch die Blockade den Holzabtransport zum Stillstand brachten. Ich wurde vom Militär verfolgt und habe mich dann etwa acht Monate in Höhlen verstecken müssen, ohne dass ich dort Essen hatte. Nur der Wald ernährte mich. Manchmal brachten mir einige Familien etwas zu essen. Wegen der andauernden Verfolgung durch das Militär mussten wir damals unser Land und unser Haus verlassen. Es gab Drohungen, dass sie mich umbringen werden, wenn ich nicht mit dem Umweltschutz aufhöre. Bis ich dann tatsächlich im Gefängnis gelandet bin. Meine Familie hat auch viel Leid davon tragen müssen wegen all dem.

Amnesty International hat dich als politischen Häftling unterstützt. Wurdest du im Gefängnis wie ein politischer Gefangener behandelt?

Felipe: Mit mir in Haft war ein Direktor eines anderen Gefängnisses, dem anscheinend zwei oder drei Häftlinge entwischt waren. Er hatte etwas Ahnung und achtete mich. Er erkannte meine Unschuld und verstand, dass der Kampf für die Umwelt Machtinteressen berührt hatte. Er war sehr respektvoll mir gegenüber, als er sah, dass es so viel Unterstützung aus anderen Ländern gab, auch von Amnesty International. Er sagte, die Anerkennung, die mir von vielen Seiten zuteil wurde, bekommt nicht jeder. Er und einige weitere respektierten mich.
So haben mich die anderen Gefangenen behandelt, das ist eine Seite. Die andere Seite ist, wie mich das Gefängnispersonal behandelt hat. Einige Kommandanten waren sehr hart. Es störte sie, dass es Unterstützung für mich gab, dass verschiedene Organisationen, auch internationale, sehr aufmerksam waren. Mir wurde auch unterstellt, ich hätte mit dem Massaker von Aguas Blancas zu tun oder ich sei Guerrillero.

Und wie waren die Haftbedingungen?

Felipe: Das Essen im Gefängnis ist sehr schlecht. Es reicht gerade zum Überleben. Es gibt ein Bad und es gibt eine Zelle, die zwei Meter fünfzig mal drei Meter fünfzig oder maximal vier Meter misst. Und noch eine kleinere, in der sich zehn, zwölf, 15 oder sogar bis zu 20 Häftlinge befinden. Es gibt manchmal zwei bis drei Tage oder manchmal sogar fünf oder zehn Tage kein Wasser. Es gibt oft Streit um die Tortillas und um das Wasser. Einige sagten mir, dass jemand dort gestorben sei, bevor ich gekommen bin. Er wurde wegen ein paar Tortillas umgebracht.

Es gab eine Drohung durch einen lokalen Kaziken gegen dich, der äußerte, dass er dich nach deiner Freilassung mit einer außergerichtlichen Methode an der Fortführung deiner Arbeit hindern werde. Wie könnt ihr beide unter diesen Umständen weiter kämpfen?

Felipe: Diese Frage wurde mir oft gestellt. Ich sage immer: Morgen ist Morgen. Im Moment kann ich nicht sagen, wie ich damit weitermache, denn ich muss mich erstmal zurechtfinden, ich bin ja erst seit einem Monat aus dem Gefängnis draußen. Aber ich denke, dass wir eine Baumschule mit verschiedenen Arten aufbauen, mit tropischen Arten und solchen aus höheren Lagen. Damit sollen die gerodeten Flächen wieder aufgeforstet werden. Dazu brauchen wir die Unterstützung von einigen Organisationen. Auch als ich im Gefängnis war, konnte schon einiges wieder aufgeforstet werden.
Im Augenblick hoffen viele in Mexiko auf einen Regierungswechsel und dass eventuell die PRD an die Macht kommt. Welche Erfahrungen habt ihr mit der neuen PRD-Regierung in Guerrero gemacht?
Felipe: Als ich Häftling war, habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Vorher hatte ich Hoffnungen, und die habe ich immer noch. Ich hoffe, dass der PRD-Gouverneur Zeferrino Torreblanca erkennt, dass er sich geirrt hat. Er hat sich diffamierend über mich geäußert, als ich im Gefängnis war. Er behauptete, ich sei ein Fundamentalist, ein Fanatiker und meine Organisation wolle nur Skandale provozieren. Vielleicht haben ihm andere etwas Schlechtes über mich erzählt und er hat es geglaubt. Ich würde ihn gerne zu einem Gespräch über die Wälder Guerreros, das Wasser und die Luft einladen. Wenn er für eine Zusammenarbeit offen ist, dann sollten wir auch darauf eingehen.

Welche realen Chancen seht ihr, dass sich der Wald in der Region wieder erholt?

Felipe: Eine reale Chance besteht, wenn der Raubbau bestraft wird und die Brandrodungen verhindert werden. Dann wird sich der Wald selbst stabilisieren und wächst mit etwas Unterstützung wieder neu. Es wäre auch gut, wenn die Regierung den Schutz der Umwelt und die Wiederaufforstung unterstützten. Auch die Bauern, die dort leben, müssen unterstützt werden und Arbeitsmöglichkeiten bekommen. Wenn alle die Umwelt dort schützen, wo sie leben, in der Stadt und auf dem Land, dann wird sich die Erholung der Natur in 15, 20 oder 30 Jahren bemerkbar machen.

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