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Wir teilten Freude, Hoffnungen, Sorgen und Ängste

1988 – ich war damals 22 Jahre alt – bewarb ich mich als Physiotherapeutin für einen Auslandseinsatz im Hospital Alemán Nicaragüense (HAN). Das Lehrkrankenhaus wurde 1985 als Hospital Carlos Marx im Rahmen der DDR-Solidaritätsarbeit aufgebaut, die prosozialistische Bewegungen und Staaten unterstützte. Bis 1990 wurde es durch die vom Solidaritätskomitee koordinierten Spenden der DDR-Bevölkerung mit medizinisch-technischem Fachpersonal, Medikamenten und Technik versorgt. Das Hospital Carlos Marx wurde zu einem der größten Solidaritätsprojekte der DDR, die das sandinistische Nicaragua im Rahmen der Entwicklungshilfeaktivitäten unterstützte.
Zusammen mit anderem medizinischen Fachpersonal aus der DDR bestieg ich im Februar 1988 ein Flugzeug und betrat den heiß ersehnten nicaraguanischen Boden. Von dem ursprünglichen Zeltlazarett, das im Mai 1985 auf Ersuchen der nicaraguanischen Regierung im ärmsten Stadtteil von Managua, Xolotlán, aufgebaut worden war, war nichts mehr zu sehen. Der Umzug in 21 Fertigteilhäuser war im November 1987 abgeschlossen worden und die dritte Bauphase mit Operationssälen, Geburtshilfe, Zentralsterilisation und Lagerhalle hatte begonnen. Zum Einzugsgebiet des HAN gehörten ca. 300.000 Einwohner*innen des östlichen Stadtgebietes von Managua und die noch ländlichen Regionen von Tipi Tapa und San Francisco Libre. Bis Ende 1988 wurden im HAN 291.400 Patient*innen ambulant und 8.800 stationär betreut. Darüber hinaus wurden 7.400 operative Eingriffe, vorwiegend in Operations-Containern, vorgenommen.
Bereits zwei Tage nach unserer Ankunft in Managua begann die Arbeit im Krankenhaus. In Form von praktischem und theoretischem Unterricht vermittelte ich den Umgang mit DDR-Elektrotherapiegeräten und neue Therapiekonzepte an meine nicaraguanischen Kolleg*innen. Zu diesem Zeitpunkt waren ungefähr 70 deutsche Brigadist*innen im Einsatz: Ärzt*innen, Krankenschwestern, Hebammen, medizinisch-technische Assistent*innen, Techniker*innen, Dolmetscher*innen und Medizinstudierenden.
In jenen Tagen empfanden Fachkräfte beider Seiten die Solidarität tatsächlich als die „Zärtlichkeit der Völker“. Alle waren Teil einer großen Gemeinschaft und teilten Freude, Hoffnungen, Sorgen und Ängste. Mitten im Contra-Krieg gegen die sandinistische Regierung richteten die Physiotherapeut*innen ihre Augen sorgenvoll gen Himmel, hier kreisten seit mehreren Tagen die Hubschrauber. Der Contra-Krieg spitzte sich zu und die Mobilmachung des Landes stand bevor. Meine Kollegin und Freundin Nubia sprach von einer eventuellen Rekrutierung. Wir, die Deutschen, hatten schon leichtes Gepäck vorbereitet, um im Notfall nach Costa Rica ausgeflogen werden zu können. Es kam glücklicher Weise anders und die Lage entspannte sich kurz darauf.
Zum 30. Jahrestag des HAN war ich am 6. August 2015 als einzige übriggebliebene ehemalige DDR-Brigadistin neben dem heutigen Neuropathologen Michael Funke wieder nach Nicaragua gereist. Etwa 300 nicaraguanische Mitarbeiter*innen nahmen begeistert Anteil an den Jubiläumsfeierlichkeiten. Unter ihnen viele Mitstreiter*innen der ersten Stunde, die die Entstehungsjahre aktiv mitgestaltet hatten. Ganz hinten, fast in der letzten Reihe erblickte ich Nubia, Patricia und die zwei Imeldas aus der Physiotherapie. Seit 1988 verbindet uns eine tiefe und enge Freundschaft. Eine Freundschaft, die Geschichte in einem unvorstellbaren Zeitraffer erlebte, die den Contra-Krieg und die Zeit der Re-Contras überstand, die Naturkatastrophen bewältigte, die den Zusammenbruch des Ostblocks durchlebte und viele Regierungen kommen und gehen sah.
Auch nach der deutschen Wiedervereinigung habe ich das Hospital viele Male besucht und das Krankenhaus-Projekt im 1991 von ehemaligen Brigadist*innen gegründeten Verein El Hospital e.V. kritisch begleitet. Ich verfolgte seinen Werdegang von Unterstützung durch die neue Bundesregierung, der Integration in das nationale und lokale Gesundheitssystem über große Baumaßnahmen und die Namensänderung 1993 bis hin zur Übergabe an die nicaraguanische Regierung im Jahr 1997. Unser Verein El Hospital löste sich kurze Zeit später auf, da die beruflichen und privaten Lebenswege der Einzelnen nach der Wiedervereinigung Deutschlands nicht mehr unter einen Hut zu bringen waren. Es folgte eine lange Phase im Hospital, in der zwar noch Schilder in Deutsch zu lesen waren, aber nur ganz selten deutsche Mitarbeiter*innen zu sehen war.
Dies änderte sich erst wieder im Jahr 2005, als zum 20. Jahrestag des Hospitals Alemán Nicaragüense 35 ehemalige deutsche Brigadist*innen gemeinsam zu Besuch kamen. Im Ergebnis dieser auch sehr emotionalen Reise wurde die Gründung des Förderkreises „Freunde des HAN“ unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins SODI e.V. besiegelt. In den letzten 10 Jahren haben um die 25 Deutsche als Praktikant*innen, Famulant*innen, Ärzt*innen und Physiotherapeut*innen mehrwöchige Einsätze im Hospital absolviert und unter anderem eine Intensivstation errichtet.
Das HAN hat also nicht nur überlebt, es spielt heute vielmehr eine Schlüsselrolle im nicaraguanischen Gesundheitswesen. Denn es ist noch immer das einzige Krankenhaus im Osten von Managua und wird es wohl noch lange bleiben. Inzwischen hat sich das Einzugsgebiet mit circa 700.000 Einwohner*innen mehr als verdoppelt. Das Hospital platzt aus allen Nähten. Deshalb wird permanent bei laufendem Betrieb gebaut und erweitert: Kinderabteilung, Chirurgie und Innere Medizin zogen in Neubauten, eine Poliklinik mit ambulanten Sprechstunden wurde errichtet. Fast alle Fertigteilhäuser aus den Entstehungsjahren wurden abgerissen. Auch heute wird noch ständig erneuert und neu ausgestattet. Das Krankenhaus verfügt gegenwärtig über etwa 300 Betten und 900 Mitarbeiter*innen. Es ist nach wie vor Ausbildungskrankenhaus für Medizinstudent*innen der Nationalen Universität Nicaraguas und das Endoskopiezentrum des Landes.
Das Wichtigste aber ist, dass das HAN heute wieder für alle und vor allem für die Ärmsten kostenlos zugänglich ist.

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