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,, Wir wollen politische Autonomie”

Im Januar hat die brasilianische Regierung Polizeiaktionen gegen die illegale Rodung des Regenwalds im Amazonasgebiet durchgeführt. Die Holzindustrie antwortete mit Straßenblockaden, Drohungen und Entführungen. Waren Sie davon auch betroffen?
Nein, von den Entführungen waren wir nicht betroffen, sondern hauptsächlich Mitarbeiter der Regierung, die die Aktionen durchgeführt hat. Die Aufgabe der COIAB war es, der Regierung ihre Operation überhaupt erst zu ermöglichen. Hauptsächlich haben wir ihr dabei geholfen, indem wir die Vergehen, die im Regenwald geschehen, angezeigt haben. Was den Kampf für die COIAB betrifft, wurde ich noch nicht bedroht. Aber ich bin auch in leitender Funktion als Generalkoordinator für die Organisation des indigenen Volkes der Suruí tätig. In dieser Funktion habe ich mehrere illegale Abholzungen im Gebiet der Terra Indígena 7 de Setembro (Indigenengebiet 7. September) angezeigt. Im Zuge dessen gab es 2006 und 2007 schwere Drohungen gegen mich. Um mein Leben zu schützen, hat mich die COIAB dann nach Manaus versetzt, von dort habe ich so gut wie möglich weiter die Aktionen der COIAB unterstützt. Zusätzlich hatte ich die Möglichkeit, meinen Fall vor die Menschenrechtskommissionen der OEA (Organisation der amerikanischen Staaten) und des Staates Brasilien zu bringen, bislang wurden jedoch keine weiteren Maßnahmen ergriffen, die zu meinem Schutz beitragen könnten.
Was sind aktuelle Ziele und Schwerpunkte der Arbeit der COIAB?
Das Ziel der Bewegung ist es, die indigenen Völker zur Verteidigung ihrer Rechte zu vereinen. Als die COIAB gegründet wurde, war eines der Ziele, für das Recht auf indigene Territorien zu kämpfen und diese Territorien zu demarkieren. Davon ausgehend war und ist es unsere Absicht, auf nachhaltige Entwicklung zu achten, bei den Territorien die bereits demarkiert sind, um die Bevölkerung des Regenwalds und die indigenen Kulturen finanziell und politisch autonom zu erhalten. Dies geschieht mit Hilfe der COIAB angeschlossenen Organisationen.

In Ihrer Arbeit für die COIAB kämpfen Sie gegenwärtig gegen ein Staudammprojekt am Rio Madeira in der Nähe der Stadt Porto Velho im Bundesstaat Rondônia. Warum ist es für Sie wichtig, dieses Projekt zu verhindern?
Angrenzend an den Rio Madeira liegen mehrere Indigenengebiete. Wir warnen, dass in der Region, in der das Wasserkraftwerk am Rio Madeira gebaut werden soll, die Menschenrechte der Bevölkerung verletzt werden. Das betrifft nicht nur die Indigenen, sondern auch Flussbewohner und die Stadtbevölkerung, die großen sozialen Veränderungen negativer Art ausgesetzt sein werden. Wenn der Staat Brasilien wirklich vorhat, ein Entwicklungsprojekt durchzuführen, sollte es zum Wohle der Bevölkerung sein, die in dieser Region lebt und diese nicht zerstören. Deswegen kämpfen wir, zusammen mit anderen sozialen Bewegungen in Rondônia, gegen die Bewilligung des Staudammprojektes am Rio Madeira und wollen auf die brasilianische Regierung Druck ausüben.

Wie werden die Auswirkungen auf die Bevölkerung aussehen?
Sehr viele Flussbewohner werden ihre Wohnungen verlassen müssen. Außerdem wird das Projekt soziale Auswirkungen für die Gemeinde Porto Velho nach sich ziehen. Die Prostitution und die Kriminalitätsrate werden erheblich steigen, da auf Grund der dort entstehenden Arbeitsplätze viele Menschen aus anderen Regionen Brasiliens angezogen werden. Langfristig gesehen können jedoch nur wenige beschäftigt werden, da nur solange Arbeit vorhanden ist, bis der Bau des Kraftwerks fertig gestellt ist. Und was passiert dann? Das Projekt wird große Auswirkungen auf die Umwelt haben, wenn man bedenkt wieviel Hektar Wald vernichtet werden. Weiterhin leben in diesem Gebiet zwei indigene Gruppen, die noch nie Kontakt zur Außenwelt hatten. Falls dieses Kraftwerk gebaut werden würde, gäbe es für sie keine Rettung, da ihre Territorien durch dieses Projekt völlig überschwemmt werden würden. Die COIAB will daher Staats- und Landesregierung über die Gefahren, die sich für die Bevölkerung dieser Region ergeben, aufmerksam machen.

In den Reservaten ist Abholzung illegal, dennoch findet sie statt. Welche Maßnahmen kann die COIAB dagegen ergreifen?
Wie schon gesagt, dies liegt nicht in der Macht der COIAB, die Regierung hat die Aufgabe die Abholzung zu stoppen. Wir von der COIAB müssen hauptsächlich dazu beitragen, eine andere Lösung für den Nutzungskonflikt zu finden. Das heißt eine Politik zu kreieren, die eine wirtschaftliche Alternative zum Holzhandel darstellt, für die Region und für die indigenen Völker, die von diesem Wirtschaftssystem betroffen sind und dadurch unter Druck stehen. Eine Alternative, welche die COIAB vorschlägt, ist, dass der Staat jedes indigene Volk zur Handlungssouveränität über sein Territorium ermächtigt. Dann können wir dazu beitragen, das Wirtschaftssystem der Region zu verbessern und die Polizeihoheit für die Indigenen zu schaffen, damit sie ihre Gebiete verteidigen können. Bis jetzt ist das nicht möglich. Wir versuchen momentan, Maßnahmen festzulegen, welche der Regierung ermöglichen, erfolgreicher gegen Eindringlinge in indigene Gebiete vorgehen zu können.

Was könnten alternative Einkommensmöglichkeiten für die ReservatsbewohnerInnen sein?
Das hängt von der Region ab, weil Amazonien sehr vielfältig ist. In Amazonien gibt es mehr als 200 verschiedene indigene Völker, einige davon haben noch nie Kontakt mit der Außenwelt gehabt. Doch kann man insgesamt sagen, dass versucht werden muss, nachhaltiges Wirtschaften zu fördern und für Produkte, die in den indigenen Gemeinschaften hergestellt werden, einen Marktzugang zu finden.

Wie wichtig ist für Ihre Organisation die internationale Vernetzung und die Präsenz auf Foren wie diesem?
Für uns von COIAB ist die Präsenz auf internationalen Konferenzen essentiell, um unsere Anliegen einer größeren Öffentlichkeit mitzuteilen. Neben der Arbeit auf nationaler und lokaler Ebene, ist ebenfalls die Zusammenarbeit mit internationalen NRO bedeutsam. Wir wollen in einen Dialog mit der globalen Gemeinschaft treten, sodass die Stimme der indigenen Völker gehört wird.

Kasten
Almir Suruí
ist Sprecher der 350 Suruí-Indianer im brasilianischen Bundesstaat Rondônia und Vorsitzender ihrer Organisation Metareilá. Außerdem ist er Direktor der Umweltabteilung der Indigenen Organisationen des brasilianischen Amazonasgebiets (COIAB).
Sechs Jahre vor seiner Geburt hatte seine Ethnie Paiter (vom Stamm der Suruí) erstmals Kontakt mit der Außenwelt. In der Folge wurde sein Volk durch Krankheiten von 5.000 auf 250 Personen reduziert. Mit 15 Jahren entschloss sich Almir Suruí, ohne Portugiesisch zu sprechen, sein Dorf zu verlassen und in Goiás Angewandte Biologie zu studieren. Er kämpft für die Rechte indigener Völker, besonders für jene, die noch nicht mit der sogenannten Zivilisation in Kontakt stehen.

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