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Wo ist der Strand, der auf uns wartet…

„Plötzlich waren wir mitten in einer Demonstration von Studenten des Politechnischen Instituts. Sie schienen festlicher und sehr viel weniger ernst als wir. Sie schienen unverfälschter sauer. Sie schienen unschuldiger. Auf einmal begannen sich die Metalljalousien der Geschäfte zu schließen. Vorne ertönten Schreie, das Paff Paff der explodierenden Gasbomben. Sekunden später waren wir von Grenadieren umringt, die uns nicht aufforderten, uns aufzulösen, sondern begannen uns zu verprügeln.“

„Flucht durch die Straßen des Zentrums, die ich ohne Licht erinnere. Ankunft in Prepa 3, wo wir die Sitzung des Filmclubs unterbrachen, auf die Bühne sprangen und schreiend darum baten das Licht einzuschalten, um zu informieren, daß draußen auf der Straße die Poizei verrückt geworden war. Die Sicherheit, daß etwas in Gang war, die Bilder, die sich stur in die Netzhaut gruben um ins Gedächtnis zu gelangen. Der Besuch im Haus einer Freundin, die gerade ein Kind bekommen hatte. Die Nachrichten, daß auch die Demonstration vom 26. Juli mit Gas und Schlagstöcken niedergeschlagen worden sei. Waren sie wirklich verrückt geworden?“

„Sah die Regierung weiter als wir? Sahen sie das Entstehen einer großen Studentenbewegung voraus und wollten sie zerstören bevor sie entstand? Der Pariser Mai war auf den Titelseiten aller Zeitungen gewesen, Hand in Hand mit den Bewegungen um den Prager Frühling, den Studentenbewegungen in Brasilien, der Besetzung der Columbia-Universität in New York, dem argentinischen Cordobazo. Glaubten diese Leute wirklich an die Möglichkeit internationaler Ansteckung? Glaubten sie an den Virus, an den wir glaubten ohne zu glauben? Dies hier war Mexiko, meine Herren. Hier ging es nicht so weit.“

„Am nächsten Tag würden wir durchs Fernsehen und die Zeitungen erfahren, daß in der Nacht des 26. Juli eine der vielen Geheimpolizeien die Büros der KP überfallen, eine Reihe von kommunistischen Studentenführern und in einem Abwasch die Redaktion der Parteizeitung verhaftet hatte; wenige Stunden zuvor hatte es eine Razzia gegen Ausländer gegeben, die meisten von ihnen Zuschauer, die am Rande der Demonstrationen verhaftet worden waren und die wegen ihres Hippie-Aussehens oder ihres studentischen Images dazu dienten, die alte mexikanische politisch-polizeiliche Sitte fortzuführen, immer irgendeinen Ausländer zu finden um die Existenz einer multinationalen Verschwörung aufzuzeigen. Die Dinge nahmen unerwartet ihren Lauf.“

„Am Montag streikten wir. Der Streik fing in irgendeiner Schule des Politechnischen Instituts an, lief nach enormen Versammlungen total und gleichzeitig im Flügel der Sozialwissenschaften in der Universitätsstadt an, war vollkommen in den Preparatorias des Zentrums, die von der Polizei eingekesselt waren, und lief Stück für Stück weiter.“

„Am Dienstag schickte eine durch die Grenzen ihrer Arroganz halluzinierende Macht das Heer gegen Preparatoria Eins. Ein Bazuka-Schlag gegen das Kolonialtor, Schüsse, Hunderte von Verhafteten. Eine Gruppe floh über die Dachterasse, während die Soldaten mit Bajonetten über die Schulhöfe eindrangen, wo sich die Wandbilder von Orozco, Revueltas, Siqueiros und Rivera befinden. Sie weihten eine Epoche ein, in der sich alles in Symbolismus verwandelte. Der Bazuka-Schlag. Sie hatten das historische Tor der Prepa in die Luft gejagt. Das Tor. Später würden die Fotos über das Symbol hinausgehen und eine Blutlache zwischen den Splittern zeigen.“

„Der erste Schlafsaal im streikenden Fachbereich wurde im Vorzimmer des Büros des Direktors eingeweiht, weil es da Teppich gab. Alejandro Licona hatte die Tür mit einem Karatehieb geöffnet. Die achtundsechziger Legalität ersetzte die akademische Legalität. Wir verschlossen die Aktenschränke mit Vorhängeschlössern.“

„Das Aufregendste: die Nachtwachen, die berühmten Rundgänge. Die Stunden der höchsten Verrücktheit. In einer der ersten Nächte entschieden wir die leere Zeit zu nutzen und den Fachbereich zu schmücken. Wir wickelten ihn in ein enormes, vierhundert Meter langes Seil aus Schreibmaschinenband, weil es schwarzrot war, die Farben des Streiks. In einer anderen schlaflosen Nacht machten Manuel der Kleine, Trobamala und ich uns daran, den Turm der Sozialwissenschaften schwarzrot anzumalen. Ich erinnere mich, daß wir uns am dritten Streiktag entschieden, denen aus der Zahnmedizin eine Solidaritätsserenate darzubringen. Wir dachten, es seien die, die eben erst in dieser Verrücktheit der Revolution angekommen waren, und daß sie so etwas von den Veteranen der Politologie verdienten.
Die Tage waren rationaler.“

„Es regnete in jenen Tagen und die Stadt war riesig geworden. Ich wollte die Bewegung in einem Gedicht einfangen und konnte es nicht. Glücklicherweise konnten es andere; andere, die früher in anderen Städten geschrieben hatten, in denen es auch regnete: Wo wird der Strand sein, der auf uns wartet? hatte der Jose Peon Contreras gesagt, der damals nur der Name einer Straße war.
Weil ich mit dem Gedicht nicht weiterkam, durchstreifte ich die Stadt von Termin zu Termin, von Kundgebung zu Minidemo, von Versammlung zu Konferenz, von Brigadentreffen zum geheimen Strömungsrat, von der Einrichtung einer Abziehmaschine zum Papierraub; von flüchtigen Ruhepausen in Lastwagen zu rasenden Fahrten in Galileo, dem Auto von Paco Perez Arce, zu einem Treffen mit ein paar Raffineriearbeitern in Puente de Vigas oder zur Hühnersuppe in Mixcoac in der Morgendämmerung. Unbeweglichkeit war Sünde. Die einzige jener Tage, an die ich mich erinnere.“

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