Literatur | Nummer 623 - Mai 2026

Wohin gehen unsere traurigen Toten?

Pop, Politik und Horror in Mariana Enriquez‘ Grelles Licht für darke Leute

Von Jara Frey-Schaaber
Feinster Bodyhorror Cover von Grelles Licht für darke Leute (S. Fischer Verlag)

Gesichter, die bei lebendigem Leib verfaulen und bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen. Zerschossene Gesichter ermordeter Mädchen, die als Geister wieder auf der Straße auftauchen, Selfies machen und die Nachbarschaft in Panik versetzen. Grelles Licht für darke Leute von Mariana Enriquez schont seine Leser*innen nicht. Ihr literarischer Horror geht über das typisch Unheimliche argentinischer Kurzgeschichten hinaus. Die Phänomene mögen übernatürlich sein, die Effekte sind drastisch.

So ist die Protagonistin der ersten Geschichte „Meine traurigen Toten“ eine Ärztin, die den Toten nicht entkommt: Sie lebt im Haus mit dem Geist ihrer vom Krebs zerfressenen Mutter, während in ihrem Viertel Ermordete wandeln. Die Mittelschicht-Nachbarschaft – die „Henker ohne Kapuzen“ – verschließt Augen und Türen und hofft, sich so vor Armut und Kriminalität schützen zu können, egal, ob es andere das Leben kostet. Enriquez‘ Erzählungen sind zutiefst politisch, ohne plakativ zu wirken: „Vögel der Nacht“ greift patriarchale Mythen des ländlichen Argentiniens auf, die von Frauen erzählen, die zur Strafe in klagende „Vögelinnen“ verwandelt wurden. Die patriarchale Gewalt kann wie in „Das Unglück“ aber auch so gravierend wirken, dass ihre Spuren über Generationen hinweg die Gesichter der Frauen verschwimmen lassen, bis sie völlig verschwinden.

Krankheit und Körper spielen eine große Rolle in Enriquez‘ Geschichten und wie nebenbei geht es dabei auch um geschlechtsspezifische Diskriminierung, um Tabuthemen wie kranke und sterbende feminisierte Körper und um die Frage, was Teil des Körpers ist. Das kann trotz des Horrors auch etwas Tröstliches haben, etwa in meiner Lieblingsgeschichte „Die Verwandlung“. Enriquez gelingt es, die Würde derer zu wahren, die von der Gesellschaft zu Monstern gemacht werden. Ihre Figuren sind selbstverständlich in queeren Beziehungen, der erschwerte Zugang zu Gesundheitsversorgung für trans Menschen und zu freier und kostenloser Abtreibung wird eingeflochten.

In verlassenen Gebäuden treiben Foltergeister der argentinischen Militärdiktatur ihr Unwesen und Kinder verschwinden in alten Kühlschränken. Die 1973 geborene Enriquez hat die Diktatur selbst als Kind erlebt und bereits in „Unser Teil der Nacht“ thematisiert. Der Yolk, eine abstoßende Kreatur aus der Geschichte „Ein lokaler Künstler“ mag von dem Song „Touchdown Yolk“ von Caleb Landry Jowns inspiriert sein, den Enriquez am Ende des Buches in einer exquisiten Sammlung düsterer Songs aufzählt. Umgekehrt beeinflusst Enriquez Popkultur: Der S. Fischer-Verlag wird nicht müde, zu betonen, dass Patti Smith ein großer Fan ist, in einem kürzlich veröffentlichten Gespräch der Schriftstellerin mit der spanischen Sängerin Rosalía drücken die beiden ihre gegenseitige Bewunderung aus.

Enriquez liefert feinen Bodyhorror, teilweise eklige, aber umso fesselndere Geschichten, in einer in ihrer Bildhaftigkeit unmittelbaren Sprache, die sich perfekt für eine Verfilmung eignet und von Silke Kleeman und Inka Marter großartig übersetzt worden ist. Autor Marcelo Figueras (Kamtschatka) zählte Enriquez in einem Zeitungsartikel zu Recht zu der Generation „bemerkenswerter Schriftstellerinnen, die unseren Ängsten in die Augen schauen und dabei nicht einmal blinzeln“.

Mariana Enriquez // Grelles Licht für darke Leute // aus dem argentinischen Spanisch von Silke Kleemann und Inka Marter // S. Fischer Verlag // 272 Seiten // 25 Euro


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