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Würde und Gerechtigkeit

Die Straße nach Chinandega ist auf ihren letzten 70 Kilometern bloß noch eine durch die trockene Esplanade des nicaraguanischen Westens führende Asphaltpiste. Wo sich heutzutage nichts als im Sommerlicht gelblich scheinender Wüstenboden findet, standen vor nicht allzu langer Zeit Wälder. Im Laufe der Jahre wichen die Bäume den Baumwollsträuchern, später dann auch den Bananenplantagen, dem Sesamanbau und vor allem den großen Feldern für die Viehzucht.
Auf dem heißen Asphalt, der ihre Füße versengt, marschieren etwa eintausend Frauen und Männer, die ehemaligen ArbeiterInnen der Bananenplantagen. Bereits zum vierten Mal beschreiten sie den beschwerlichen Weg nach Managua, um in der Hauptstadt die Zivilgesellschaft und die staatlichen Organe auf ihr Elend hinzuweisen und endlich Taten zu erwirken. Denn sie sind die Leidtragenden der jahrzehntelangen Ausbeutung durch transnationale Bananenexportunternehmen. Die Opfer des rücksichtslosen Einsatzes hochgiftiger Chemikalien auf den Plantagen, von denen Nemagón das berüchtigste ist.
Hinter dem für den nicaraguanischen Markt gewählten Namen Nemagón verbirgt sich das hochgiftige Pestizid DBCP (dibromo -3-cloropropanol). Entwickelt und produziert in den USA der 60er Jahre, wurde das Schädlingsbekämpfungsmittel dort bereits in den 70er Jaren verboten. Um aus den Millionen bereits hergestellter Barrels doch noch ein Geschäft zu machen, exportierte man die Lagerbestände kurzerhand nach Zentralamerika, wo das Nemagón auf den Bananenplantagen zum Einsatz kam. Dort wurde es großflächig über den Plantagen versprüht oder direkt in großen Mengen dem Boden zugeführt. Während der gesamten 70er Jahre wurden auf diese Weise nicht nur die ArbeiterInnen vergiftet, sondern ebenso das Grundwasser sowie der gesamte Boden und Unterboden. Erst nach 120 Jahren werden die Pestizide dort abgebaut sein.
Beinahe eintausend Menschen sind an den Folgen des Nemagón-Einsatzes bereits gestorben, über 17.000 Personen leiden unter den Konsequenzen. Am häufigsten treten bei Männern und Frauen Tumore in den Nieren, in der Bauchspeicheldrüse und der Milz auf. Es kommt außerdem zum Ausfall der Haare und der Fingernägel, zu fortschreitender Erblindung und Nervenstörungen. Darüber hinaus sind Unfruchtbarkeit, die Geburt missgebildeter Kinder und unzählige andere Krankheiten weit verbreitet.
Von einer durchschnittlich sechsköpfigen Familie der Region sind mindestens vier Familienmitglieder von einer oder mehrerer dieser Krankheiten betroffen. Dem Großteil dieser Menschen bieten sich keinerlei Zukunftsperspektiven. Sie sind ausgeschlossen von jeder Art von Arbeit und werden als unbrauchbar abgewiesen.
Die Mehrheit der ehemaligen ArbeiterInnen der Plantagen der Region haben sich während der 90er Jahre in der „Asociación de Trabajadores y ex Trabajadores del banano afectados por el Nemagón“ (Asotraexdan) organisiert. Seitdem führen sie ihren Kampf gegen die Transnationalen, wie die Shell Oil Company, Dow Chemical oder Occidental Chemical Corporation, welche die giftigen Stoffe hergestellt oder sie, wie im Falle der Dole Food Company Inc. und der Standard Fruit Company, vertrieben und eingesetzt haben. Ziel ist es, eine angemessene Entschädigung für die mehr als 17.000 Nemagón-Geschädigten und ihre Familien zu erwirken.
Sie haben vor lokalen und nordamerikanischen Gerichten Klagen gegen die Transnationalen durchgesetzt – dies war nur möglich durch den jahrelangen Kampf um das schließlich von der nicaraguanischen Regierung im Jahre 2000 erlassene Gesetz Nr. 364, welches die Klagen der ArbeiterInnen gegen die ausländischen Firmen zulässt. Sich der Fortschritte der ArbeiterInnen immer stärker bewusst, versuchen die Firmen stets von Neuem, auf die amerikanische und nicaraguanische Regierung Einfluss zu nehmen, und damit die Anstrengungen der Asotraexdan zu torpedieren. Doch die ehemaligen ArbeiterInnen der Plantagen lassen sich von den Attacken nicht beeinflussen.
Mehr als 8.600 Menschen, davon 2.500 Frauen, haben zwischen Ende der 60er und Anfang der 80er Jahre auf den Plantagen gearbeitet und nicht selten auch gewohnt. Für einen Hungerlohn kämpften sie gegen die sengende Hitze, die Sonne und die Müdigkeit um zu überleben, während das Nemagón sie langsam vergiftete.

Der Marsch ohne Rückkehr

Am 20. Februar 2005 machen sich etwa tausend von ihnen und ihren Angehörigen auf den Weg von Chinandega nach Managua. Sie sind in den frühen Morgenstunden aufgebrochen. Der Marsch wird, während er sich an den Plantagen vorbei Richtung Hauptstadt zieht, noch anschwellen.
Am dritten Tag ihres Marsches um fünf Uhr morgens erreichen wir das Ziel des langen Protestzuges. Es gibt keinen Polizeischutz, und einige der Marschierenden kommen den vorbeirauschenden LKWs und Feldmaschinen gefährlich nahe. Trotz der am vorherigen Tag zurückgelegten Etappe von zwanzig Kilometern bewegt der Zug sich erstaunlich schnell, worüber manche mit leiser Stimme klagen, ansonsten herrscht Schweigen. Einige Knuffe hier, vereinzeltes Lachen dort. Man fühlt und sieht, dass die Menschen ankommen wollen.
Wir begleiten sie über einige Kilometer, während die Dunkelheit rasch der Morgendämmerung weicht, die den Himmel über Nicaraguas Westen in ein für den tropischen Sommer so typisches Rosa taucht. Schließlich erreichen wir den Ort, an dem die Gruppe sich niederlässt. Sofort werden unzählige Hängematten zwischen die Bäume gebunden, die nachts auch die Betten sein werden.
Victorino Espinales, der Vorsitzende der Asotraexdan, spricht von der „Marcha Sin Retorno“, dem Marsch ohne Rückkehr. Die Protestierenden tragen einen sozialen Kampf aus, sie leisten nicht allein Widerstand, sondern fordern auch und vor allem die Umsetzung sehr konkreter Vorschläge ein. Es ist ein Kampf gegen die Macht der Transnationalen, gegen eine Regierung, die ihren Versprechen wieder und wieder nur Hohn folgen ließ und gegen eine Nationalversammlung, die sich weigerte, die finanzielle Unterstützung für die Gesundheitsversorgung und für eine lebenslange Pension im Haushaltsplan festzuschreiben. „Entweder erfüllen sie unsere Forderungen, oder wir werden dort sterben“, sagt Espinales.

Die Abkommen

Fast acht Monate müssen die BananenpflückerInnen ausharren, um die erhofften Resultate zu erzielen. Im Laufe dieser Zeit entstehen neue Verbindungen zu anderen Sektoren, den ArbeiterInnen der Zuckerrohrplantagen beispielsweise, von denen viele auf Grund des Pestizideinsatzes an chronischem Nierenleiden erkrankt oder gestorben sind.
Die langen Tage in Managua sind geprägt von äußerster Spannung und intensiven Protesten – während der langen Zeit trotzen die ehemaligen ArbeiterInnen der Hitze des Sommers wie der Kälte und dem Regen des Winters. Sie leben in armseligen Zelten aus schwarzer Folie, in denen sie in Hängematten oder auf dem Boden schlafen. Die nötigen Nahrungsmittel erhalten sie dank nationaler und internationaler Solidarität.
Damit die Institutionen sie schließlich erhören sehen die Protestierenden sich gezwungen, ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen: Sie drohen an, sich lebend begraben zu lassen oder in einem Hunger- und Durststreik zu sterben.
Im Mai diesen Jahres gelingt den ArbeiterInnen ein Durchbruch: Erste Vereinbarungen mit der nicaraguanischen Regierung werden getroffen. Es dauert allerdings noch bis zum August, bis auch die Nationalversammlung zustimmt. Dank des langen Kampfes, der auch von der nicaraguanischen Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen unterstützt wird, können nicht nur die erhofften Verträge zur Versorgung der ArbeiterInnen besiegelt, sondern auch Vereinbarungen zum Schutz der Natur getroffen werden.
Zum ersten Mal wird so ein festgeschriebenes Budget des Haushalts für die medizinische Versorgung der BananenpflückerInnen bereitgestellt. Gleichzeitig werden Vorbereitungen zur Schaffung einer Pension für die arbeitsunfähigen ehemaligen ArbeiterInnen getroffen. Chronisches Nierenleiden als arbeitsbedingte Krankheit wird dabei ebenfalls anerkannt, was den geschädigten ArbeiterInnen der Zuckerrohrplantagen eine lebenslange Pension sichert.
Als wesentlichen Erfolg kann die Asotraexdan verbuchen, dass es ihnen zukünftig möglich ist, Klagen gegen transnationale Firmen zu erheben und zusätzlich eine bedeutende Anzahl von gefährlichen Pestiziden, die weiterhin auf Nicaraguas Plantagen im Einsatz waren, zu verbieten. Doch nicht nur das: Die ehemaligen PlantagenarbeiterInnen schaffen es auch, die Regierung zur Einleitung von Aufforstungsprogrammen im Westen des Landes zu drängen und außerdem einen Plan zur Untersuchung des Kontaminationsgrades der dortigen Wasserquellen zu erstellen. Die nicaraguanische Regierung hat sich zu guter Letzt verpflichtet, die ArbeiterInnen mit ihren Forderungen nach einer angemessenen Entschädigung gegen die transnationalen Firmen zu unterstützen.
Um über die Realisierung der Versprechen zu wachen, und um ihr Engagement fortführen und erweitern zu können, haben sich die ehemaligen PlantagenarbeiterInnen schließlich mit anderen Sektoren der ArbeiterInnenschaft zu einer Gewerkschaft, der „Central Obrera“, zusammengetan. Auf diese Weise sollen die Interessen aller ArbeiterInnen vertreten werden, die tagtäglich unter den kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen zu leiden haben.
Damit ist eine wichtige Etappe im Kampf der nicaraguanischen PlantagenarbeiterInnen gewonnen. Der vielleicht schwierigste Teil allerdings steht noch aus: Es ist alles andere als sicher, dass die Gerichte die Schuld der transnationalen Unternehmen an den unzähligen Leiden und Toten anerkennen. Und diese weisen weiterhin jede Verantwortung von sich.

Weitere Informationen unter:
www.rel-uita.org

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