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Yuma boxt sich durch

Nicht nur ihr Name ist ungewöhnlich. Yuma ist eine besondere junge Frau. Selbstsicher, zielstrebig und auch ein bisschen unnahbar. In einem ärmlichen Viertel Managuas wächst sie auf, inmitten des alltäglichen Kampfes um die eigene Existenz. Die Mutter arbeitet rund um die Uhr, um zumindest Reis und Bohnen auf den Tisch zu bekommen. Ihr Stiefvater ist ein Abbild von Lieblosigkeit und Ignoranz. Das älteste der drei jüngeren Geschwister schlägt sich gemeinsam mit seiner Gang als Dieb durch. Auch Yuma ist Teil dieser Gang, doch sie lässt sich nicht ablenken von ihren eigentlichen Träumen, macht sich nicht abhängig, von nichts und niemandem. Sie will vor allem Boxen – egal was die anderen dazu sagen. Am liebsten würde sie den ganzen Tag trainieren für ihren großen Traum. Doch sie muss mithelfen die Familie zu ernähren, arbeitet in einem kleinen Laden und sorgt sich „nebenbei“ um den kleinsten Bruder und die jüngere Schwester. Denn die zwei jüngsten der Familie sind den Stimmungen und Streitereien der Großen ausgeliefert und froh, wenn sie zumindest nachts bei ihrer großen Schwester, mit der sie ein Bett teilen, Geborgenheit erfahren. Es ist ein Alltag vieler in Nicaragua: Armut (trotz Arbeit), Gewalt, Alkohol, Abhängigkeit und Hoffnungslosigkeit.
Doch nicht ohne Grund trägt der erste Spielfilm der in Nicaragua lebenden Französin Florence Jaugey den Titel La Yuma – Der eigene Weg. Denn Yuma kämpft. Mit faszinierender Selbstsicherheit geht die Protagonistin ihren Weg und bietet dabei ihrem Umfeld samt Bruder, Gang, Mutter und nicht zuletzt dem Stiefvater die Stirn. Sie weiß, was sie will und lässt sich nicht beirren. Dabei vertraut sie nicht auf andere sondern einzig auf ihre eigene Kraft und Willensstärke. Als Boxerin trainiert sie erst in einem kleinen Gym, schafft den Sprung zu einem „echten Boxtrainer“ und gewinnt sogar ihren ersten Kampf.
Als Yuma den Journalisten Ernesto kennen lernt, fühlen sich beide voneinander angezogen. Zwischen der Unterschichts-Boxerin und dem Mittelschichts-Journalisten entsteht eine zarte, echte und zerbrechliche Verbindung. Ihre Liebesgeschichte wird zu einem Hauptthema des Films. Doch La Yuma ist kein Happy-End-Film à la Hollywood. Auch von Ernesto will sich Yuma nicht abhängig machen. Romantische Phrasen entlarvt sie sofort, wenn sie unecht sind. Sie spielt nicht mit im Spiel der Rollenklischees und -stigmas. Und so geht es nicht um „kitschige Flucht“ aus der Armut und den Aufstieg in eine scheinbar bessere Welt. Auch Ernestos Welt ist durchzogen von Lügen und Betrug, die Mittelschicht wird nicht stilisiert zur heilen Welt, die zu erreichen jedermanns Glück bedeutet.
Als der eifersüchtige Anführer der Gang auf Rache sinnt, gerät Yuma in einen Strudel der Gefühle: Kann sie ihre Zuneigung zu Ernesto wirklich zulassen? Meint er es ernst oder ist es für ihn nur ein kleiner Ausflug in eine andere Welt? Lebt er in Wirklichkeit zwei Parallelleben und -lieben? Wie ernst sind die Drohungen der Gangmitglieder? Und wo gehört sie selbst hin?
Bei allen Wirrungen und Unwägbarkeiten: Yuma boxt und kämpft für ihr Leben und das ihrer kleinen Geschwister. Als sie entdeckt, dass der Stiefvater ihre kleine Schwester missbraucht, handelt sie klar und entschieden. Hilfe bekommt sie dabei von den Freunden ihres Viertel, die in der gesellschaftlichen Realität vieler Länder oft nicht zu HauptdarstellerInnen ihres eigenen Lebens werden dürfen. Indem Regisseurin Florence Jaugey einen Transvestiten ebenso selbstverständlich agieren lässt wie ein Gangmitglied mit Down-Syndrom oder einen Strip-tanzenden Gym-Besitzer bricht sie mit Tabus und Vorurteilen ohne dabei zu moralisieren.
Mit La Yuma ist Florence Jaugey ein Spielfilmdebut gelungen, das es sich zu sehen lohnt. Zehn Jahre hat sie daran gearbeitet. Auch sie hat für ihren Traum viele Hindernisse überwinden müssen und mit eingeschränkten Mitteln viel geleistet.

La Yuma – Der eigene Weg // Florence Jaugey // 91 Min. // Nicaragua 2009 // Spanische Orginalfassung mit deutschen Untertiteln // www.kairosfilm.de // Bundesweiter Kinostart: 17.03.2011

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