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Zeichen setzen gegen die Barbarei

Ich habe Angst“, bekennt Martha Cecilia Monroy. „Immer wieder treiben sich seltsame Typen vor dem Gebäude herum, manchmal sogar auf unserem Stockwerk. Sobald wir die Polizei verständigen, sind sie verschwunden.“ Die resolute Anwältin arbeitet als juristische Beraterin im Bogotaner Büro der kolumbianischen Menschenrechtsorganisation Minga, die sich im Nordosten des Landes für die ländliche Bevölkerung einsetzt.
Seit der jüngsten Offensive paramilitärischer Verbände ist das Catatumbo-Gebiet an der Grenze zu Venezuela für die engagierten Minga-AktivistInnen zu heiß geworden. Unbehelligt von Armee und Polizei, teilweise sogar mit deren Hilfe, haben die Paras dort in gut drei Monaten rund 200 ZivilistInnen umgebracht. Die Geldgeber aus der lokalen Oligarchie erhoffen sich dadurch eine Schwächung der Guerillaverbände FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens), ELN (Heer zur nationalen Befreiung) und EPL (Volksbefreiungsheer). Neben der strategisch wichtigen Lage ist das Gebiet auch ökonomisch attraktiv. Tausende von Menschen mußten flüchten. Weil sie die Untätigkeit der Armee angesichts der Massaker beklagten, wurden Minga und andere Nichtregierungsorganisationen (NGOs) von einem General beschuldigt, „Sprachrohr der Guerilla“ zu sein.

Präsenz zeigen

Das mit Kameras und gepanzerter Tür gesicherte Minga-Büro in Bogotás Stadtzentrum ist eine der Stationen auf dem täglichen Rundgang von Christiane Schwarz. Die 34jährige Hamburgerin ist seit Mitte August als Freiwillige der Peace Brigades International (PBI) in Kolumbien tätig. Ihre Aufgabe ist es, bedrohte MenschenrechtsaktivistInnen zu schützen. Wenn eine der örtlichen Partnerorganisationen es wünscht, stellt PBI Begleiter für besonders gefährdete Personen ab – wenn es sein muß, rund um die Uhr. Die Präsenz von AusländerInnen im Umfeld der MenschenrechtlerInnen soll die politischen Kosten für einen Mord so in die Höhe treiben, daß er sich für die potentiellen Auftraggeber nicht mehr „lohnt“.
Anfang der neunziger Jahre hatte sich Christiane Schwarz für Nicaragua engagiert und war zu dem Schluß gekommen, sie könne „am wirkungsvollsten von Deutschland aus tätig sein“. Nach ihrem Romanistikstudium leitete sie einige Jahre das PBI-Büro in Hamburg, bei dem Aktivitäten vier deutscher Regionalgruppen zusammenlaufen. Dort reifte der Entschluß für einen Einsatz im kolumbianischen Krisengebiet. Bei den Friedensbrigaden könnten „Leute aus der ´ersten´ Welt etwas tun, ohne gleich Lösungsansätze zu suggerieren“ – dieser Ansatz gefällt ihr besonders.
In Bogotá fühle sie sich wohl, sagt Christiane Schwarz, und es klingt überzeugt. Nach zwei Monaten hat sie „das Gefühl, schon sehr lange hier zu sein.“ Die schönste Erfahrung für sie war der „herzliche und offene Empfang“ durch alle, mit denen sie zusammenarbeitet. „Die Situation der Leute, die wir begleiten, stelle ich mir sehr schwierig vor. Auch wenn sie sich sicherer fühlen, ist es bestimmt nicht einfach und auch nicht immer angenehm, ständig eine fremde Person um sich zu haben.“ Ob sie manchmal Heimweh hat? „Was mir vor allem fehlt, sind vertraute Menschen, mit denen ich sprechen kann, auch auf deutsch. Das läuft dann alles über e-mail.“

In der Tradition von Mahatma Gandhi

Der Name der 1981 in Kanada gegründeten NGO erinnert an die linken Internationalen Brigaden, die im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der bedrängten Republik kämpften – ein „Mißverständnis“, wie Christiane Schwarz meint. Denn PBI ergreift Partei für Menschenrechtsorganisationen von Haiti über Serbien bis Osttimor und steht damit in der Tradition von Mahatma Gandhis Shanti Sena (Friedensarmee), deren unbewaffnete AktivistInnen sich zuweilen „physisch zwischen die Kampflinien stellten. Das tun wir natürlich nicht, aber auch wir wollen gewaltfrei zu Konfliktlösungen beitragen.“ Gerade im kolumbianischen Mehrfrontenkrieg ist dies eine durchaus heikle Aufgabe. Offenheit ist da der beste Selbstschutz: Ständig informieren die PBI-Mitglieder die Regierung und die militärischen Behörden, wann und wohin sie eine bedrohte Person begleiten. Bei ihren Missionen tragen die Freiwilligen auffällige grüne Jacken mit dem Schriftzug ihrer Organisation auf dem Rücken.
Minga hat die FriedensbrigadistInnen gebeten, im Catatumbo-Gebiet aktiv zu werden. Doch ob es bald dazu kommt, ist fraglich. „Wir sind gegen Feuerwehreinsätze. Kontinuität und Konzentration sind sehr wichtig für uns,“ so eine andere Freiwillige aus dem Hauptstadtbüro. Sieben AktivistInnen aus Westeuropa und Nordamerika leben zusammen in einem Haus im Wohnviertel Teusaquillo, in einer Art Wohngemeinschaft. „So ist garantiert, daß wir rund um die Uhr erreichbar sind und in Notfällen sofort reagieren können,“ sagt Christiane Schwarz. Seit dem ersten Einsatz im Oktober 1994 ist das Team stetig gewachsen. Zunächst gab es neben Bogotá noch ein Büro in der Krisenregion Magdalena Medio. Seit einem Jahr ist PBI in Urabá nahe der Grenze zu Panama ständig präsent und hat seinen Schutz auf die dortigen Flüchtlingsorganisationen ausgeweitet. In Kürze wird ein Regionalbüro in Medellín eröffnet. 30 Aktive aus Westeuropa und Nordamerika sollen Ende des Jahres in Kolumbien arbeiten.

Die letzte zivile Opposition

Die nächste Station auf dem Rundgang von Christiane Schwarz ist die Vereinigung Familienangehöriger der Verhaftet-Verschwundenen (ASFADDES). Im ganzen Land versuchen derzeit 120 Familien, das Schicksal ebensovieler „Verschwundener“ aufzuklären. Dies ist eine schwierige und auch gefährliche Aufgabe, da die Verantwortlichen für diese Verbrechen in den allermeisten Fällen Polizisten oder Militärs sind. Mehrere ASFADDES-Mitglieder wurden bereits ins Exil gezwungen. Yolima Quintero, eine der Vorsitzenden, lobt den Schutz durch PBI in den höchsten Tönen: „Wenn wir direkte Drohungen erhalten, werden wir bis nach Hause begleitet. Riskant ist es auch, wenn jemand wegen einer Zeugenaussage in eine andere Stadt reisen muß. Unsere Leute fühlen sich bei den BrigadistInnen bestens aufgehoben, gerade weil sie unbewaffnet sind.“
Als „besonders angespannt“ bezeichnet die temperamentvolle 24-jährige die derzeitige Situation, nicht nur in der Provinz, wo ASFADDES bereits mehrere Büros schließen mußte, sondern gerade auch in Bogotá. Im August wurde der populäre Satiriker Jaime Garzón auf offener Straße erschossen, einen Monat später, auf dem Gelände der Nationaluniversität, der Ökonom und Friedensforscher Jesús Bejarano. In aller Öffentlichkeit zirkulieren Todeslisten eines „Kolumbianischen Rebellenheeres“, hinter dem viele den Dunstkreis rechtsextremer Armeekreise und ihrer paramilitärischen Helfer vermuten.
In den letzten zehn Jahren sind in Kolumbien rund 4.000 Menschen „verschwunden“. Bei Nachforschungen kommen selbst engagierte Staatsanwälte nicht weit. Haftbefehle werden von den zuständigen Polizeistellen oft einfach ignoriert. Wenn es tatsächlich einmal zu einem Verfahren kommt, landet es bei der Militärgerichtsbarkeit und verläuft im Sande. Immerhin befindet sich derzeit eine Gesetzesvorlage im Parlament, die das „Verschwindenlassen“ als Verbrechen definiert und hohe Strafen vorsieht. Doch die Militärs, die ähnliche Projekte in der Vergangenheit noch immer torpediert haben, wehren sich vehement. Für Eduardo Carreño, den Vorsitzenden des „Anwaltskollektivs José Alvear Restrepo“, sind die MenschenrechtlerInnen die letzte verbliebene zivile Opposition. „Der kolumbianische Staat hat sämtliche oppositionelle Gruppierungen, auch die aus dem gewerkschaftlichen Spektrum, systematisch ausgeschaltet. Die Paramilitärs setzen dieses staatliche Projekt durch.“ Verbal weise jede Regierung solche Anschuldigungen zurück, doch auch unter dem jetzigen Präsidenten Andrés Pastrana sei „kein politischer Wille“ erkennbar, die rechten Todesschwadronen zu bekämpfen. Vertreter von amnesty international (ai), die sich drei Wochen lang in Kolumbien aufhielten, sehen dies ähnlich. „Die Aktivitäten der Paramilitärs nehmen zu. Zehntausende von vertriebenen Bauern haben die Elendsviertel anschwellen lassen.
Die Regionale Vereinigung zur Verteidigung der Menschenrechte (CREDHOS) hatte vor Jahren mehrere Tote zu beklagen und gehörte daher zu den Organisationen, denen PBI von Anfang an Begleitschutz gewährte. Nach ständigen Morddrohungen ging Osiris Bayther, zeitweilig Vorsitzende von CREDHOS, ins Exil, hielt es aber nicht lange aus. Nach ihrer Rückkehr wurde sie erneut zum „militärischen Objekt“ erklärt: zunächst in einem internen Dokument der Armee, dann in einem Flugblatt der Paramilitärs. „Die Begleitung durch die BrigadistInnen,“ so die Einschätzung der couragierten Aktivistin, „hat uns das Leben gerettet.“ Daß dies keine Übertreibung ist, beweist der Fall ihres Kollegen Mario Calixto aus dem Nachbarort Sabana de Torres: Vor zwei Jahren drangen bewaffnete Unbekannte in sein Haus ein, zogen sich aber zurück, als sich die anwesenden PBI-Freiwilligen einschalteten.
Ein Jahr, maximal anderthalb, wird Christiane Schwarz im Lande bleiben, „das ist die Regel, wegen der großen psychischen Belastung.“ Dagegen scheint das Ende des Engagements von Peace Brigades International in weiter Ferne zu liegen, denn noch „ist es in Kolumbien die Stunde der Bestien, der Intoleranten“, meint Osiris Bayther, die jetzt in Europa lebt.

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