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Zeugnisse, Versionen, Lügen

Alle Jahre wieder, ist man versucht zu sagen, gehen die Überlebenden von Tlatelolco zusammen mit den SchülerInnen und StudentInnen von heute am 2. Oktober auf die Straße, um öffentlich an das Morden von 1968 zu erinnern und die alten Rufe nach Freiheit auf die herrschenden mexikanischen Verhältnisse zu beziehen. Alle Jahre wieder, so auch 1998 – und das Rituelle, die Gewohnheit, ja Müdigkeit, die in diesem Vers steckt, paßt auf die Tlatelolco-Demonstrationen und paßt doch zugleich kein bißchen. Die Routine in den Kolumnen, Reden, Fernsehinterviews und Aufrufen erzeugt den Eindruck, als sei alles gesagt, und es komme viel mehr darauf an, daß jeder Prommi seine Kolumne und sein Interview bekommt, als auf das, was er mitteilt. Wäre Tlatelolco eine offene Wunde, wie oft behauptet wird, dann könnten nicht so viele Menschen in aller Ruhe mit dieser Offenheit leben. Sie scheinen sich damit abgefunden zu haben, daß manches im Dunkel bleibt. Und doch steckt hinter dieser Gelassenheit eine Portion von Vergessen-wollen, denn Tlatelolco ist offen und nicht aufgeklärt, und Teile der derzeitigen politischen Elite sind die Erben und Beschützer der damaligen Hauptverantwortlichen. Der Umgang mit dem Massaker ist ein wichtiger Bestandteil des alltäglichen politischen Geschehens; Tlatelolco ist noch nicht Geschichte. Die Zeile des Weihnachtsliedes wirkt wie Hohn.

Die Chance genutzt

Raúl Alvarez Garín, 1968 Repräsentant des Nationalen Streikrates CNH, der wichtigsten Organisation der mexikanischen Studentenbewegung, gab auf der Kundgebung am 2. Oktober bekannt, daß er am Vormittag desselben Tages eine gerichtliche Klage gegen die Schuldigen eingereicht hat. Das ist erstens neu und zweitens ein – indirektes – Ergebnis von Untersuchungen, die bis vor kurzem nicht möglich gewesen wären. Als die PRI bei den Wahlen am 6. Juli 1997 ihre absolute Mehrheit im Bundesparlament verlor, war erstmals der Weg zu einer parlamentarischen Untersuchungskommission über Tlatelolco frei. Am 2. Oktober 1997 auf Grund eines Antrags der Oppositionspartei PRD gebildet, endete ihre Tätigkeit ein Jahr später (die Präsentation des Abschlußberichts war für den 1. Oktober vorgesehen, sie hat sich allerdings bis nach Redaktionsschluß verzögert). Erstmals überhaupt konnten Personen, die nicht zum präsidentialen Machtzirkel gehörten, Archive einsehen, die Tlatelolco betreffen – ein wichtiger Schritt in einem Land, in dem es kein Gesetz über die Öffnung der Regierungsakten nach einem bestimmten Zeitraum gibt. Der Kommission wurden auch Dokumente aus anderen Ländern übergeben – von besonderem Interesse waren die Archive in den USA (CIA, FBI, Pentagon, State Department) –, sie konnte Anhörungen durchführen und Zeitzeugen einladen.
Allzu viel Begeisterung über die Erfolge der Kommission ist nicht angebracht. Das mexikanische Verteidigungsministerium hat seine Akten nicht bereitgestellt, angeblich aus Sicherheitsgründen für die, deren Verantwortung durch die Akten bewiesen würde. Andere Ministerien haben nur einen Teil der Akten zugänglich gemacht, ebenso wie die US-Archive. Und schließlich: Die Anhörungen von Regierungspolitikern jener Jahre waren ein Flop, die meisten haben sich geweigert auszusagen. Eine der wichtigsten Personen, der damalige Innenminister Luis Echeverría, hat im Februar aus der Anhörung ein peinliches Medienspektakel gemacht und so gut wie nichts gesagt.
Und dennoch: Die Weigerung hochrangiger Politiker, wichtige Dokumente herauszurücken, beweist endlich, daß es diese Papiere wirklich gibt – das war bis dahin nicht sicher. Einsatzpläne und Befehle der 68er Schlüsselfiguren existieren in schriftlicher Form. Nun muß dafür gesorgt werden, daß sie nicht verschwinden und so bald wie möglich an die Öffentlichkeit kommen.

Keine “kommunistische Verschwörung”

Die Kommission hat Ergebnisse erarbeitet, die nach dreißig Jahren mit den schlimmsten Verleumdungen gegen die StudentInnen aufräumen. Als die StudentInnenproteste Ende Juli 1968 begannen, begründete die Regierung unter Präsident Gustavo Diaz Ordaz das brutale Vorgehen der Polizei und den Einsatz der Armee mit folgender Version: Kommunistische Kräfte aus dem Ausland, angeblich aus Kuba und der Sowjetunion, hätten eine Verschwörung gegen die legitime Ordnung in Mexiko angezettelt, um eine Revolution zu provozieren, und sie hätten sich dazu den geeigneten Zeitpunkt ausgesucht: die Monate vor der Sommerolympiade. Deren Eröffnung am 12. Oktober stand nahe bevor und war für Mexiko ein Prestigeprojekt ohnegleichen. Mexiko war das erste Land der „Dritten Welt“, das die Olympiade austragen durfte. Unzweifelhaft, daß sich Diaz Ordaz tatsächlich vor einem kommunistischen Umsturz fürchtete, aber die Aktionen und Forderungen der StudentInnen hatte er falsch verstanden. In ihrer großen Mehrheit verlangten sie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratisierung – Forderungen, die allesamt im Rahmen der Verfassung umzusetzen gewesen wären. Die Verschwörungspropaganda war wenig mehr als der – geglückte – Versuch der Regierung, Reformforderungen und einen öffentlichen Dialog abzublocken.
Die Kommission hat aus den Dokumenten, vor allem denen aus den USA ersehen können, daß es keinerlei Einflußnahme von außen auf die StudentInnenbewegung gegeben hat: Die Verschwörungsthese ist passé. Die ungeheuerliche Behauptung, die StudentInnen seien an der Repression selbst schuld, ist widerlegt – absurd war sie, seit sie aufgestellt wurde.
Im August und September ‘68 erlebten die StudentInnen Wochen des Aufbruchs und der Freiheit. Anfang August wurde der Consejo Nacional de Huelga (CNH) gegründet, ein Koordinationsgremium, in dem alles öffentlich diskutiert und abgestimmt wurde – eine komplett neue Erfahrung in einem Land, das durch Weisungen, Bestechung und Repression regiert wird. Auf der anderen Seite die Brigaden, einige Dutzend kleine Gruppen, die Blitzmeetings in der Stadt abhielten, Flugblätter verteilten, Leute mobilisierten. August und September mit riesigen, mehrere hunderttausend TeilnehmerInnen zählenden Demonstrationen, gelten als Zeit der eigentlichen, friedlichen Bewegung. Aber gänzlich friedlich war sie nicht. Jorge Hurtado Poo, damaliger Student und in den 70er Jahren Mitglied der Guerilla-Einheit 23 de septiembre, sagte vor der Kommission aus und erklärte, daß sich seine Brigade bereits nach der Repressionswelle Ende Juli bewaffnet hatte. Über leichte Kaliber ging das nicht hinaus, die Brigade zählte sechs Leute, und die Pistolen sollten lediglich zur Verteidigung dienen, dennoch: Am Mythos von den unschuldigen StudentInnen hat es gebröckelt. Weitere Fälle von Bewaffnungen sind allerdings bisher nicht bekannt geworden.
Besonders intensiv wurden die entscheidenden Tage um den 2. Oktober ausgeleuchtet. Der Rahmen war bekannt: die Besetzungen von Universität und Polytechnischem Institut in der zweiten Septemberhälfte durch die Armee, dann der Abzug der Soldaten aus der Universität und erste offizielle Gesprächsangebote seitens der Regierung; die StudentInnen schienen auf einen Erfolg zuzusteuern. Kurz vor der Olympiade, die JournalistInnen aus aller Welt befanden sich schon vor Ort, war ein gewaltsames Ende unwahrscheinlich.

Die Ereignisse

Am Morgen des 2. Oktober fand in der Universität ein Gespräch zwischen StudentInnen- und Regierungsvertretern statt, in dem die Aufnahme von Verhandlungen für den 3. Oktober vereinbart wurde. Dieses Ergebnis sollte auf dem Meeting am späten Nachmittag bekanntgegeben werden, zu dem sich auf dem Platz der Drei Kulturen, in der neuerrichteten Plattenbausiedlung Tlatelolco unweit des historischen Stadtzentrums, etwa 5000 Menschen trafen. Armee und Polizei hatten im Laufe des Tages bereits leerstehende Wohnungen in den umliegenden Häusern besetzt, den Platz teilweise umstellt, und Krankenhäuser waren auf die Aufnahme von Verletzten, Gefängnisse auf Verhaftete vorbereitet worden. Dieser Widerspruch zwischen Entgegenkommen und zugleich geplanter Repression gibt nach wie vor Rätsel auf. Die einen – wie Armando López von der PRD, Mitglied der Untersuchungskommission – gehen von separaten Gruppen im Regierungslager aus, die um die Macht und den nächsten Präsidentschaftskandidaten kämpften. Andere, wie der Historiker Ilán Semo von der Universidad Iberoamericana, meinen, das Dialogangebot habe lediglich dazu dienen sollen, daß der CNH Vertrauen schöpft und einzelne Repräsentanten hervortreten, die dann leichter verhaftet werden könnten; darüber, daß die Bewegung vernichtet werden müsse, habe im Machtapparat nie Zweifel bestanden.
Wer wann was befohlen hat, ist noch nicht klar. Sicher ist – das hat ein Dokument ergeben –, daß Innenminister Luis Echeverría der Armee befohlen hat, den Platz nach dem Meeting zu räumen. Ein Schießbefehl ist das nicht, und er kann das sowohl im Einvernehmen mit Diaz Ordaz oder aber in Konspiration gegen ihn angeordnet haben. Fakt ist, daß Echeverría wichtige Entscheidungen getroffen hat, was er derzeit in Interviews leugnet. Er weist alle Verantwortung dem (1979 gestorbenen) Präsidenten zu, der laut Verfassung Oberbefehlshaber der Armee ist.
Von besonderer Bedeutung für die gegenseitigen Schuldzuweisungen am Massaker war stets der erste Schußwechsel.

Der erste Schuß

Die Tatsache, daß der erste Verletzte ein Militär war und kein Student, wurde offiziellerseits als Begründung für den Waffeneinsatz herangezogen: Notwehr gegen bewaffnete StudentInnen. Umstritten war die Rolle einer geheimen Armeeeinheit, des Batallón Olímpia (so genannt wegen der eigentlichen Aufgabe, die Olympiade zu bewachen). Das Batallón Olímpia hatte sich zivil gekleidet und trug versteckte Pistolen – beides verstößt gegen internationales Kriegsrecht, die Verantwortlichkeit für diese Maßnahme ist daher besonders brisant. Die Militärs hatten sich in einem Gebäude verschanzt, das an den Platz grenzt, sie nahmen nach dem Meeting den kompletten CNH fest, der von dem Gebäude aus die Versammlung geleitet hatte, und beteiligten sich an dem Massaker. Seit vor einigen Monaten Filmaufnahmen bekannt wurden, die den Beginn der Auseinandersetzungen festgehalten haben, steht fest: Nicht die StudentInnen haben als erste geschossen, sondern Mitglieder des Batallón Olímpia. Die angeblichen Waffenfunde, die die Regierung als „Beweise“ für die studentische Aggression nach dem Massaker vorgelegt hat, stimmen außerdem mit der Munition der ersten Schüsse nicht überein.
Die diversen Erkenntnisse über Verantwortlichkeiten von den damals mächtigsten Politikern und über die vorsätzliche Verwicklung des Militärs in den Massenmord liefern das Fundament dafür, daß eine Gruppe ehemaliger CNH-Repräsentanten am 2. Oktober ‘98 Klage einreichen konnte. Wenig vorher, am 21. September, hatte Cuauhtémoc Cárdenas Stellung zu Tlatelolco bezogen.

Schmusekurs mit dem Militär

Cárdenas, seit knapp einem Jahr erster direkt gewählter Bürgermeister von Mexiko-Stadt, ist mit größter Wahrscheinlichkeit Präsidentschaftskandidat der PRD bei den Wahlen im Juli 2000. In seiner Rede in der Universidad Iberoamericana forderte er eine vorbehaltlose Aufklärung der Ereignisse von Tlatelolco, die Öffnung aller Archive und Prozesse gegen die Schuldigen, zugleich sprach er jedoch die Armee als Institution von der Schuld am Massaker frei. Tlatelolco habe einen verhängnisvollen Gegensatz zwischen der studentischen und der militärischen Jugend aufgebaut, der den 68er-Tatsachen nicht entspreche. Cárdenas’ Rede fand breite Zustimmung, sie wurde als Zeichen der Versöhnung gewertet. Zugleich hat sie eine Diskussion um Befehle und Gehorsam in Gang gebracht, in der Cárdenas von Kritikern vorgeworfen wird, die Verantwortung für den Mord an wehrlosen StudentInnen sei nicht einfach auf den Oberbefehlshaber abzuschieben. Hier liegt eine der Schwachstellen in Cárdenas’ Argumentation. Die Armee als Institution ist in extrem schlechtem Zustand, für den sie auch als Institution verantwortlich ist: Die Soldaten sind schlecht ausgebildet und stammen zumeist vom Land. Sie sind mit unsinnigen Feindbildern ausgestattet. Darüber hinaus ist die Erinnerung an die straflos gebliebenen Massaker der letzten Jahre wach, Aguas Blancas, Acteal und andere. Die Äußerungen des Generalssohns Cárdenas dürften durchaus auch wahlpolitisch gemeint gewesen sein. Für eine Präsidentschaftskandidatur ist ein gutes Verhältnis zum Militär natürlich von Vorteil. Tlatelolco ist nicht nur Geschichte, sondern auch politisches Argument.
Auf der anderen Seite, bei Präsident Zedillo, herrscht bezüglich Tlatelolco eisiges Schweigen. Kein Wort darüber in seinem jährlichen Regierungsbericht, den er am 1. September vorlegte (darin unterließ er übrigens auch jeden Kommentar über den Konflikt in Chiapas). Zedillo ist als Oberbefehlshaber der Armee persönlich und direkt dafür verantwortlich, daß die Archive des Verteidigungsministeriums nicht geöffnet werden. Und auch am 2. Oktober zeigte er die kalte Schulter. Während auf dem Dach der Stadtregierung die Fahne zum Gedenken an die Opfer von Tlatelolco auf Halbmast stand, wehte der grün-weiß-rote Lappen vom schräg gegenüberliegenden Nationalpalast genauso wie am riesigen Mast in der Mitte des Zócalo ganz oben.

Eine gruselige Geschichte

Einige Zeitungen und Fernsehsender kamen dieser Mischung aus Trivialisierung und Beschweigen durchaus entgegen. Tlatelolco erscheint hier – zum Beispiel in den Reportagen der Fernsehgesellschaft Televisa – als gruselige Geschichte vergangener Zeiten, mit denen die Realität des heutigen Mexiko nichts mehr zu tun habe.
Aber auch die, die von der 68er-Repression persönlich betroffen waren, insbesondere ehemalige CNH-Repräsentanten, sind in ihrem öffentlichen Erinnern gespalten. Es haben sich zwei Gedenkorganisationen gebildet, das Comité 1968-1998 und La Nave Va (etwa: „Das Schiff fährt“). Die politischen Positionen unterscheiden sich entlang alter Fronten. Während das Comité eher die demokratisch-reformerische Linie vertritt, versteht sich La Nave Va als libertär-revolutionär. Entsprechend ist das Comité eng mit der PRD verknüpft und sieht in deren Wahlerfolgen auch einen Erfolg der StudentInnenbewegung von 1968. La Nave Va besteht hingegen darauf, daß sich die Verhältnisse keineswegs verbessert, sondern noch verschlechtert hätten.
Der Marsch am 2. Oktober ´98 war nicht von wiederbelebten Grabenkämpfen der 50- bis 60jährigen bestimmt, sondern von Leuten unter 20. In Sprechchören mit den Slogans ihrer jeweiligen Schulen verschafften sie sich Aufmerksamkeit und verbanden so Tlatelolco mit ihrer Präsenz hier und heute. Bis auf die erste der Reden auf der Kundgebung, gehalten von Raúl Alvarez Garín, blieben die Forderungen und Botschaften des Marsches jedoch weitgehend schwach. Auch Sub Marcos, der eine Grußbotschaft geschickt hatte, trug wenig mehr bei als die Gemeinplätze, die eh allerorten kursieren. Die Mobilisierung von Zehntausenden jedes Jahr, die machtvolle Präsenz am 2. Oktober, die immer wiederkehrende Aufforderung, Tlatelolco nicht zu vergessen und der Ruf nach Freiheit und Demokratisierung – all das ist wichtig, damit der Massenmord nicht zu einer Schauergeschichte der Vergangenheit verkommt. Jetzt steht dennoch auf der Tagesordnung obenan, daß alle 1968 betreffenden Archive öffentlich zugänglich gemacht, daß die Befehlshaber von damals belangt werden und die Rolle des Militärs aufgeklärt wird. Dann könnte 1999 der Vers “Alle Jahre wieder” wirklich überflüssig werden.

KASTEN:
30 Jahre Canoa

Canoa ist ein Dorf in der Nähe von Puebla, östlich von Mexiko-Stadt. Am 15. September 1968 wurden hier fünf junge Männer aus Puebla von einer aufgebrachten Menschenmenge gelyncht. Zwei von ihnen überlebten schwerverletzt, die anderen drei starben. Der Kazike im Dorf, der Priester, hatte seine Leute fest im Griff. Er hämmerte ihnen ein, daß die StudentInnen, die die mexikanische Hauptstadt seit Wochen in Bewegung hielten, die Inkarnation des Teufels waren: Kommunisten, Gottlose, Umstürzler, Feinde der guten Ordnung. Auch in Puebla hatten sie sich schon bemerkbar gemacht, und nun kamen sie nach Canoa.
Mit politischer Propaganda hatten die fünf Männer nichts im Sinn, sie wollten lediglich übernachten, um am nächsten Morgen auf einen Berg in der Nähe zu steigen. Sie waren Angestellte an der Universität Puebla – keine StudentInnen, aber das Reizwort Universität reichte bereits aus, daß der Priester das Dorf gegen die vermeintlichen Feinde mobilisierte. Von der hysterischen Menschenmasse wurden sie überfallen und mißhandelt. Die herbeigerufene Polizei wurde lange am Betreten des Dorfes gehindert, bis sie sich schließlich durchsetzte und zwei Überlebende retten konnte.
Canoa ist Geschichte: eine abseitige Episode im Konflikt zwischen StudentInnen und Staat, bezeichnend – wenn auch nicht beispielhaft – für die Wucherungen eines öffentlich propagierten, blind-schematischen Antikommunismus.
Canoa ist auch ein Film, 1975 von dem mexikanischen Regisseur Felipe Cazals mit äußerst knappen Mitteln gedreht. Cazals hatte die Hergänge des 15. September genau recherchiert, Gespräche mit Beteiligten geführt und die beiden Überlebenden zur Teilnahme an den Aufnahmen bewegen können, stellenweise spielen sie sogar mit. Der Film, der übrigens auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann, ist eine spannende künstlerische Auseinandersetzung mit historischen Begebenheiten. Er bewegt sich auf dem Grat zwischen Authentizität, die lediglich durch die Glaubwürdigkeit des Regisseurs und seines Teams hergestellt wird, und Inszenierung.

Der Film wurde seinerzeit heftig kritisiert – natürlich von der Rechten, insbesondere von einigen Kirchenleuten, aber auch von Linken wie den Schriftstellern Jorge Ibargüengoitia und Ricardo Garibay. Sie warfen Cazals vor, daß der Film die Polizei reinwasche, die am Schluß die letzten Morde verhindern konnte. Später gaben sie zu, daß sie den Falschen beschuldigt hatten.
Im Kino war der Film ein großer Erfolg, auch und gerade in Puebla, das den Ruf hat, besonders konservativ und katholisch zu sein. Kürzlich wurde der Film im Rahmen des Programms „Klassiker des mexikanischen Kinos“ restauriert und läuft seit Mitte September wieder in den Filmsälen.

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