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Zu Hause ist es doch am schönsten

Das war meine Papaya!“ schreit Lucas seinen jüngeren Bruder Edinho beim Abendessen an. „Halt die Klappe, du Schwuchtel!“ kontert der. Lucas rastet aus, prügelt auf seinen Bruder ein. „Wer ist hier die Schwuchtel?“, brüllt er. Hilflos stehen die Großmutter Dona Jacira und der jüngste Bruder Juninho daneben. Schließlich stürmt Alice, die Mutter, ins Wohnzimmer und dreht ebenfalls durch. Sie beginnt die Einrichtung zu demolieren und schmeißt alle aus dem Zimmer.
Als ob der Gewaltausbruch eine kathartische Funktion haben sollte, sieht man in der nächsten Szene, wie die Großmutter ein Reinigungsritual vollzieht. Mit afrobrasilianischen Kulten vertraut, verkauft sie in der Nachbarschaft kleine Parfümfläschchen, die Geld oder SexualpartnerInnen anlocken sollen. Nun sieht man, wie sie alleine und ruhig mit einem Räucherfässchen in dem Wohnzimmer die afrikanischen Geister beschwört: „Vater Oxalá, gebe deinen Kindern Frieden und Einheit.“
Doch der Reinigungseffekt stellt sich nicht ein; es bleibt alles beim Alten. Von Einigkeit kann in Alices Haus keine Rede sein. Die Familie lebt im Großen und Ganzen aneinander vorbei und geht sich in den engen Räumen auf die Nerven und – soweit möglich – aus dem Weg. Die Familienmitglieder treffen sich nur beim Abendessen, wo sie sich von der Großmutter bedienen lassen. Sie alle suchen ihr Glück lieber außerhalb des Hauses. Und in diesem Fall ist diese Suche eine rastlose Jagd nach Sex, Geld und Ansehen.
Der Familienvater Lindomar arbeitet als Taxifahrer und wird von seiner Frau verachtet, weil er nicht alleine für die Familie sorgen kann. Er tröstet sich mit jungen Frauen und fühlt sich bei den Kollegen vom Taxistand besser verstanden als zu Hause.
Edinho verbringt so wenig Zeit in der Wohnung wie möglich. Kommt er einmal nach Hause, dann nur, um von Juninho oder seiner Großmutter Geld aus dem Portemonnaie zu klauen. Selbst wenn alle vermuten, dass er eine kleinkriminelle Laufbahn eingeschlagen hat, sind sie doch sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich wirklich daran zu stören.
Auch Alice beredet ihre Träume und Probleme lieber mit ihren Arbeitskolleginnen vom Schönheitssalon. Obwohl sie eigentlich die Hauptverdienerin des Haushalts ist, wird ihr von den vier Männern im Haus kaum Respekt entgegengebracht. Und als sich eine Affäre anbietet, ergreift sie sofort die Chance, um wenigstens ein bisschen Glück zu erheischen und dem latenten Terror zu Hause zu entkommen.
Nur wenige in der Familie haben ein wirklich inniges Verhältnis. Der älteste Sohn Lucas und der Teenager Juninho zum Beispiel erzählen sich nachts vor dem Einschlafen ihre intimen Geheimnisse und Wünsche. Und Alice ist die Einzige, die mit ihrer Mutter ein wenig redet, und ihr nicht nur Anweisungen zum Sockenwaschen gibt.
Doch auch in diesen vertraulichen Beziehungen tragen alle weiter ihre Masken. Alice erzählt Dona Jacira nichts von ihrer Affaire. Und auch Lucas, der immer als Macho auftritt und beim Militär ist, verheimlicht seinem Bruder seine Homosexualität.
Nach außen wird eben der Schein bewahrt. Der Stammkundin im Schönheitssalon erzählt Alice, dass sie eine tolle Liebesnacht mit ihrem Mann verbracht habe, und deshalb so übermüdet aussehe. Lindomar schwärmt seinem Kollegen vor, wie er zu Hause verwöhnt wird: „Da wartet meine Frau mit einem schönen Abendessen und hat sich für mich extra schön gemacht.“ Seine Stimme bricht sich ein wenig dabei, und verrät, dass diese glückliche Familie mehr Wunschvorstellung denn Realität ist. Letztlich ist Alices Familie nur eine zufällige Vereinigung rücksichtsloser EgoistInnen.
Chico Teixeira demaskiert in seinem ersten Spielfilm erfolgreich das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie. In „Alices Haus“ wohnen alle nur zusammen, weil es keine andere Option gibt, weil keiner etwas anderes kennt. Die Sehnsucht nach Glück wird in der Familie jedenfalls nicht erfüllt. Als Dokumentarfilmer hat Teixeira gelernt, schonungslos und glaubwürdig menschliche Abgründe aufzuzeigen. Unterstützt wird er durch die hervorragenden Leistungen der SchauspielerInnen, insbesondere von Carla Ribas (Alice), Zécarlos Machado (Lindomar) und dem jungen Felipe Massuia (Juninho). Man kann sich gut vorstellen, dass es in vielen Familien der unteren Mittelklasse in São Paulo tatsächlich ähnlich zugeht, wie es im Film beschrieben wird.
Mit seiner nuancierten Kameraführung offenbart Teixeira auch die intimsten Geheimnisse und kleinsten Perversionen seiner ProtagonistInnen – wenn er beispielsweise dem Blick eines Darstellers auf den Hintern einer Passantin folgt. In einer anderen Szene sieht man Alice beim pinkeln zu, und es hätte nicht weiter erstaunt, wenn die Kamera noch der Spülung in die Kloschüssel nachgegangen wäre. So erhält der Film eine beunruhigend voyeuristische Qualität. Dass Teixeira dies ganz ohne Sexszenen schafft, ist durchaus erstaunlich. Kontrastreiche Schnitte verdeutlichen wunderbar den Gegensatz von Schein und Wirklichkeit, von Wunschdenken und Realität.
Letztlich bleibt der Film jedoch etwas zu statisch. Wie ein guter Dokumentarfilm ist die Darstellung genau und realitätsnah. Doch eine Entwicklung der Charaktere fehlt. Man schaut während des Films Alices Familie lediglich dabei zu, wie sie ein bisschen frustrierter geworden ist. Am Ende hat sich nichts verändert. Selbst der Gewaltausbruch in der Mitte des Films ist letztlich bedeutungslos. Die Schlägerei ist nur ein weiterer Schritt auf dem Weg des unaufhaltsamen Scheiterns der ProtagonistInnen.

Der Film läuft vom 8. Februar bis zum 18 Februar im Panorama-Programm der Berlinale.

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