Zu schön, um wahr zu sein
Gaucho, Gaucho zeigt hyperästhetisiert den Lebensstil von Cowboys*girls in Nordargentinien

„Ich bin Gaucha und das ist meine Kleidung!“ Auf die Schuluniform hat Guada keine Lust. Stattdessen möchte sie im Unterricht mit blauem Kleid, weißem Halstuch und schwarzem Hut erscheinen – dem Erkennungsmerkmal aller Gauchos und Gauchas, der argentinischen Variante der Cowboys*girls. Wie diese Episode letztlich ausgeht, bleibt ungewiss. Denn dem Dokumentarfilm Gaucho Gaucho der US-amerikanischen Regisseure Michael Dweck und Gregory Kershaw geht es nicht darum, Geschichten zu Ende zu erzählen oder zu problematisieren. Ziel des Films war, das Lebensgefühl der Viehhüter*innen aus dem Norden Argentiniens zu transportieren – und dabei verdammt gut auszusehen.
Beides ist den Filmemachern geglückt, wie zwei Dokumentarfilmpreise bei den Festivals von Sundance und Locarno beweisen. Gaucho Gaucho ist eine Hommage an Menschen, die ein Leben in Einklang mit der Natur verbringen. In wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern im Breitbildformat Cinemascope sehen wir ihnen, manchmal in Zeitlupe, beim Reden, Tanzen, Viehtreiben, Lassowerfen und immer wieder beim Reiten durch die wilde Landschaft zu. Protagonistin des Films ist die 17-jährige Guada, die ein Leben als Gaucha und Rodeoreiterin beginnen will und bereit ist, ihrem Traum alles unterzuordnen. Allerdings wird beim Zusehen klar: Ein Rodeoturnier ist kein Ponyhof. So begleitet die Kamera Guada dabei, wie sie sich stolz darauf vorbereitet, ihr erstes Pferd zuzureiten. Wie die Unternehmung ausgeht, zeigt die nächste Einstellung: Sie schleppt sich auf Krücken durchs Bild. Unterkriegen lässt sich die junge Gaucha nicht: Bald sitzt sie wieder im Sattel.
Gaucho Gaucho folgt neben Guada auch anderen Menschen aus verschiedenen Generationen, die als Gauchos leben: Unter anderem Solano, der seinem 5-jährigen Sohn sein Handwerk beibringt oder dem über 80-jährigen Lelo, der in Rückblicken über sein Leben philosophiert. Der Film gibt der Ästhetik dabei den Vorzug vor Authentizität und wirkt häufig eher wie eine Doku-Fiktion. Die Protagonist*innen werden nicht durch Kommentare aus dem Off oder Interviews vorgestellt, sondern über Gespräche, die sie miteinander führen. Die Aufnahmen sind bewusst selektiv: Kaum vorstellbar, dass die einzigen Autos in der Gegend die verrosteten Schrottkarren sind, an denen die Pferde so elegant vorbei galoppieren. Und auch Smartphones, die garantiert vorhanden sind, werden nicht gezeigt – vermutlich, um die archaische Cowboy*girl-Romantik nicht zu stören. Die Realität von Gaucho Gaucho gleicht so weniger einem Dokumentarfilm als einer aus der Zeit gefallenen Illusion.
Das ändert nichts daran, dass sich der Film in vollen Zügen genießen lässt. Nicht nur die Bilder sind herausragend schön, die Musik ist exzellent ausgewählt. Von gezupften Gitarrenakkorden über die argentinische 60s-Rockband Los Gatos bis zum französischen Komponisten Georges Bizet: Hier passt jedes Stück. So sehr, dass man manchmal fast vergisst, dass die hyperästhetisierte und überidyllische Welt von Gaucho Gaucho in der Wirklichkeit natürlich nicht so existieren kann. Was aber letzten Endes nicht so schlimm ist: Denn wo sonst als im Kino sollte es erlaubt sein, von einer Welt zu träumen, die ein bisschen zu schön ist, um wahr zu sein.
Gaucho Gaucho // USA/Argentinien 2024, 85 Minuten, Regie: Michael Dweck, Gregory Kershaw; ab 11.09.2025 im Kino


