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Zum Abschuss freigegeben

„Wenn sie mit der narcoguerrilla kollaborierten – pues que se jodan!“. Niemand brachte die zynische Position der mexikanischen Regierung in Bezug auf die von kolumbianischen Militärs ermordeten mexikanischen StudentInnen besser auf den Punkt als der ehemalige Außenminister Jorge Castañeda. Mit dieser nur schwer – und besser nicht – ins Deutsche zu übersetzenden Formulierung stellt Castañeda mindestens dreierlei klar. Erstens, dass wer ins weite semantische Feld des Terrorismus fällt, nicht einmal tot Respekt verdient. Zweitens, dass die FreundInnen und Angehörigen der ermordeten StudentInnen Natalia Verónica Velásquez Ramírez, Juan González del Castillo, Fernando Franco Delgado und Soren Ulises Ávila von Mexikos Regierung politische, finanzielle oder moralische Unterstützung nicht erwarten dürfen. Und drittens, dass die Unterwerfung unter die Linie US-amerikanischer Sicherheitspolitik (unter anderem formuliert im Plan Colombia und Plan Mérida) selbst vor den grundlegendsten Staatsfunktionen – wie dem Schutz der Rechte von StaatsbürgerInnen im Ausland – keinen Halt macht.
Tatsächlich, so scheint es, kam der Tod der vier mexikanischen StudentInnen, von denen drei an der UNAM und einer (Soren Ulises) am Nationalen Politechnischen Institut (IPN) studierten, sowie die Einweisung der ebenfalls an der UNAM eingeschriebenen Lucía Andrea Morett Álvarez in ein ecuadorianisches Militärkrankenhaus, den rechten Kreisen Mexikos gerade recht. Kaum stand wenige Tage nach dem Angriff auf das Camp der kolumbianischen Guerilla fest, dass sich mexikanische Studierende unter den Opfern befanden, begannen die rechten Presseorgane, sich gegenseitig im Erfinden von Querverbindungen zwischen Universität, Guerrilla, und Drogenhandel zu übertreffen, und die Kategorisierung der UNAM als „Nest der Guerrilla“ wurde zum geflügelten Wort.

Tatsächlich, so scheint es, kam der Tod der vier StudentInnen den rechten Kreisen Mexikos gerade recht.

Das angewandte Schema variierte dabei kaum zwischen Milenio, Excelsior, El Universal und anderen Publikationen. „Mexiko-Stadt, sicheres Rückzugsgebiet der FARC“ titelte beispielsweise der Auflagen starke Milenio am 11. März. Unter Berufung auf die US-amerikanische Antidrogenbehörde (DEA) behauptet Milenio, „die Mitglieder der Terrorgruppe haben Kontakte mit den Universitäten, mit Foren zur Verteidigung der Menschenrechte, Studenten, Professoren und Anführern subversiver Gruppen und können auf deren Hilfe zählen, ebenso wie auf ein breites Informations- und Propagandanetzwerk“. Nachdem der Artikel zunächst bemerkte, dass insbesondere die philosophische Fakultät der UNAM sich durch Kontakte zu Guerrillagruppen hervortue, erklärt er weiter: „Die FARC sind seit etwa vier Jahren die zentrale Verbindung zwischen den kolumbianischen und den mexikanischen Drogenkartellen“. Auf diesen Artikel folgte ein weiterer – ursprünglich ein Einspalter – dessen Inhalt in den folgenden Tagen von verschiedensten anderen Zeitungen nachgedruckt und erweitert wurde: ein Dutzend Namen von Studierenden der UNAM, die „laut Geheimdienstinformationen“ in den vergangenen Wochen das Camp der FARC besucht haben sollen. Man beschränkte sich jedoch nicht auf angebliche BesucherInnen des Guerrillacamps: In den vergangen Wochen veröffentlichten die Zeitungen Namen, Fotos und sogar Adressen von Mitgliedern studentischer Gruppen, deren bolivarianische Orientierung ganz offenbar ausreicht, sie als „Unterstützerkreise der FARC“ auszumachen. Sogar aus den Magisterarbeiten einiger Betroffener wurde zitiert.
„Diese Strategie ist eine Art des Brandmarkens von Personen als gefährlich und kriminell“, erklärt Francisco vom Comité Cerezo, welches sich für politische Gefangene einsetzt und eines der 20 an der Philosophischen Fakultät der UNAM ak­tiven Kollektive ist. „Das erlaubt es auf längere Sicht, zukünftige Festnahmen oder Gewaltakte vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen.“ Doch die derzeitige Repression gegen studentische Gruppen beschränkt sich nicht allein auf die Einschüchterungskampagnen der Presse. „Das Schema ist seit der Regierung Fox im Grunde immer das selbe: Es beginnt mit einer Pressekampagne. Gleichzeitig werden Kollektive und einzelne Aktivisten vom Geheimdienst verfolgt, und zwar so, dass sie es merken. Zudem erhalten sie Morddrohungen – in diesem Fall waren sie gegen Menschen gerichtet, die den in Ecuador Ermordeten nahe standen. In den letzten Wochen waren außerdem öfter Mitarbeiter des kolumbianischen Geheimdienstes hier“, erklärt Francisco.
Was die rechten Schreiberlinge außer Aufstandsbekämpfung sonst noch im Sinn hatten, wenn sie in letzter Zeit von der UNAM sprachen, wird in einem zu einiger Berühmtheit gelangten Kommentar vom Kolumnisten des Milenio, Carlos Mota, klar. Unter dem Titel „Wer will Philosophie an der UNAM studieren?“ fragte Mota sich, ob ein/e StudentIn der Philosophischen Fakultät denn „von Firmen wie Unilever, Nokia, Sony oder Cemex“ angestellt werden könne. Natürlich verneint er. „In den Vereinigten Staaten studieren viele Philosophiestudenten zusätzlich noch Business Administration. Ihr Ziel? Geschäfte machen. Prosperieren. Hier hingegen exportieren wir sie in die lateinamerikanischen Guerillacamps. Warum ist dies ihr Schicksal?,“ schließt Mota seine Kolumne. Seine ungeschriebene Antwort und die vieler seiner KollegInnen liegt auf der Hand: Weil die Universität eine öffentliche ist, weil das Falsche gelehrt wird, weil man Studierenden Räume zugesteht, in denen sie sich autonom organisieren können. Hier schließt sich der Kreis von Guerrilla, Drogenhandel, studentischen Kollektiven und öffentlicher Universität.
Wie Francisco sagt: „Wir erleben gerade die mediale Kreation einer sozialen Vorstellungswelt, mit der die Zerstörung studentischer Organisation vorbereitet wird. Die Partei der Institutionellen Revolution (PRI) hat immer versucht, die rebellischen Gruppen zu kooptieren. Heute hingegen duldet man nicht einmal minimale Spuren studentischer Opposition, um jeden Widerstand gegen die Versuche der Privatisierung der Universitäten unmöglich zu machen.“

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