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Zum Golde drängt… – nicht jeder

Auf die Frage, ob es möglich ist, an einem Ort wie Esquel eine Mine zu eröffnen und gleichzeitig eine Kontaminierung von Boden und Grundwasser zu vermeiden, antwortet der Geologe Gabriel del Mármol von der Abteilung Investitionen und Bergbaunormen der nationalen Bergbauanstalt: „Überall, wo es Bergbauaktivitäten gibt, kommt es zu Kontaminationen. Was man machen kann, ist diese so klein wie möglich zu halten. Man muss sich anstrengen, damit das Leben dort weiterhin möglich und keiner Gefahr ausgesetzt ist.”
Für del Mármol muss die „Mine von Esquel ein Beispiel werden, damit die Leute ein Bewusstsein dafür bekommen, dass wir nicht zum Zeitalter der Höhlen zurückkehren können, denn es gilt, unser Wirtschaftsmodell zu erhalten.“ Zu dem anhaltenden Widerstand der EinwohnerInnen von Esquel hat er seine eigene Theorie: Er glaubt, dass diese „von einigen Snobs benutzt werden.” Deren Kampagnen gegen den Tagebau könnte man auch „Ökoterrorismus“ nennen. Und unter die Räder komme dabei eine Stadt, die ihr Profil als Stadt neu entwerfen müsste, ist er überzeugt. Denn: „Esquel lebte bislang ausschließlich vom Tourismus.”
Eine, die im Gegensatz zu del Mármol eine genauere Vorstellung vom Kampf der Bevölkerung von Esquel hat, ist Mariana Walter, die in der Giftkampagne von von Greenpeace Argentina arbeitet. „Die Schlüsselfrage für die Anwohner von Esquel ist: Welche Art wirtschaftlicher Entwicklung wollen wir für die Region? Nach Ansicht der Anwohner ist der Bergbau nicht Teil der Aktivitäten, die sie sich als wünschenswerte vorstellen. Nie zuvor wurde öffentlich diskutiert, was die Wirtschaftsstrategie der Region sein soll.”
Für die Greenpeace-Aktivistin handelt es sich bei dem durch die Meridian Gold hervorgerufenen Konflikt um ein Problem, „das weit über Esquel hinausgeht. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Gesetzen, die solche Unternehmungen fördern. Außerdem gibt es immer mehr Anträge für Explorations- und Ausbeutungsgenehmigungen.”

Neue Gesetze als Lockmittel

Die Gesetze, die Argentinien in ein Bergbauland verwandeln sollen, gibt es teilweise schon seit einem Jahrzehnt. Unter der Regierung des damaligen Präsidenten Menem wurde ein Gesetz über Bergbauinvestitionen verabschiedet. Es folgten weitere Gesetze, die die Attraktivität des Bergbaus für Investitionen ausländischer Firmen erhöhen sollten. Zusätzlich wurde mit Chile ein Vertrag zur gemeinsamen grenzüberschreitenden Bergbauaktivität geschlossen, der 4.500 Kilometer der Andengrenze betrifft. Diese nationalen und Provinzgesetze und das bestehende Abkommen über die gemeinschaftliche Ausbeutung mit Chile räumen den ausländischen Firmen unglaublich hohe Gewinnmargen ein.
Die Firmen dürfen nach der aktuellen Gesetzeslage die argentinischen Bodenschätze ausbeuten und die gewonnenen Rohstoffe vollständig exportieren, und müssen dafür dem Staat einen lächerlichen Preis bezahlen. Die wertvollen Minerale sind in den Anden sehr verstreut anzutreffen. Deswegen sollen diese im Tagebergbau gewonnen werden. Diese Methode wurde in vielen Teilen der Welt auf Grund seines hohen Verschmutzungsrisikos verboten, vor allem wegen der Gefahr für Grundwasser und Boden.
Die nationalen und regionalen Bergbaugesetze sehen eine Abgabe von höchstens drei Prozent vor, die den Provinzen von den Bergbauunternehmen zusteht – und diese Abgabe wird lediglich auf den Wert des Roherzes erhoben, nicht auf den Wert des Endprodukts. Gleichzeitig sind die Firmen von den meisten Steuern befreit. Sie bekommen dieselbe legale Behandlung wie das nationale Kapital – das bedeutet, sie können ohne vorherige Bewilligung investieren, ihr Kapital und ihre Gewinne frei und jederzeit transferieren. Und sie können auf eine steuerliche Stabilität bauen: Für die Bergbaufirmen wurden die Abgaben und Steuern für 30 Jahre auf dem jetzigen Niveau eingefroren.
Die Bergbaufirmen müssen darüber hinaus keine Einführzölle und Abgaben für den Import von Kapitalgütern und Anlagen bezahlen. Sie dürfen 100 Prozent der Produktion ausführen und sind nicht verpflichtet Gewinndepots anzulegen oder wieder im Land zu investieren. Der Staat gewährt ihnen darüber hinaus eine Subvention, wenn sie über patagonische Häfen ausführen.
In der offiziellen Werbebroschüre „10 Gründe dafür in den argentinischen Bergbau zu investieren”, der vom Nationalen Subministerium für Bergbau herausgegeben wurde, steht: „Die Bergbaugesetzgebung schafft eine Reihe von Anreizen für die Ausbeutung, mit dem Ziel die Steuerlast dieses Sektors zu neutralisieren.” In derselben Fibel steht über die Bergbaubestimmungen: „Sie sind extrem liberal: Sie stecken den privaten Firmen einen weites Terrain ab und begrenzen gleichzeitig die direkten Eingriffsmöglichkeiten der Regierung.”

Geisterstädte mit Infrastruktur

Doch welchen Nutzen zieht das Land selbst daraus, dass es Investitionen zulässt, die derart risikoreich für Bevölkerung und Umwelt sind? Der Staat unterstreicht immer wieder die Wichtigkeit jener Unternehmen, da sie für neue Arbeitsplätze sorgten und die Wirtschaft reaktivierten. Es stimmt zwar, dass die Minen Arbeitsplätze schaffen, aber dieser Nutzen ist nur real, solange die Mine rentabel wirtschaftet. Und es stimmt, dass die Infrastruktur – Straßen, Stromnetze, der Handel – in den Einflussgebieten der Minen verbessert wird. Aber diese Dörfer werden sich nach Beendigung der Förderung innerhalb von zehn, zwanzig Jahren in Geisterstädte verwandeln, die in verwüsteten und unwirtlichen Gebieten zurückbleiben. Damit für die Menschen ein bleibender Nutzen entsteht, müsste der Staat selbst Reinvestitionen in der Bergbauregion tätigen. Das aber erfordert für die von den Bergbauaktivitäten betroffenen Regionen eine langfristige Planung .
Dieser Ansicht ist auch der Geologe del Mármol: „Das Geschick des Staates besteht darin, das zu reinvestieren, was die ökonomische Aktivität in unserem Land hinterlässt. Das aber ist dann unsere Angelegenheit und nicht mehr die der Firmen. In der Vergangenheit haben wir uns dabei als desaströs herausgestellt. Und ich sehe auch nicht, dass sich das ändern wird.”
Wie viele andere große sozioökonomische Entscheidungen, werden auch die Bergbaupläne fern der öffentlicher Einsichtnahme gehalten. Die massive Mobilisierung der Bevölkerung Esquels besorgt mittlerweile die staatlichen Organe. Die Revolte gegen den Bergbau in der kleinen Stadt im fernen Patagonien bringt das verdeckte und stillschweigende Handeln der Regierungen zu Tage, die während der vergangenen zehn Jahre versuchten, ihre Gesetze zur Förderungen und Entwicklung des Bergbaus möglichst unbemerkt den in Cutral-Có und Centenario, zwei ehemals für kurze Zeit prosperierende Ölstädte in der patagonischen Provinz Neuquén.

Goldener Dominoeffekt

Im Bericht „Es ist nicht alles Gold, was glänzt” listet Greenpeace einige der Länder und Staaten auf, die den Tagebau verboten oder eingeschränkt haben: der US-Bundesstaat Montana, Costa Rica, die Türkei, Griechenland, die Tschechische Republik.
Der Hydrogeologe und Geochemiker Robert Morán wurde von Greenpeace beauftragt, die Umweltrisiken des Minenprojekts im südlichen Umkreis von Esquel zu analysieren. Er hat seinen Bericht auf der Seite www.barrame da.com.ar veröffentlicht: „Ein solches Bergbauprojekt könnte in keiner Esquel vergleichbaren Region in einem industrialisierten Land der Welt Erfolg haben. Es wäre politisch in Kanada, den Vereinigten Staaten oder Europa nicht durchsetzbar.” Und Morán warnt: „Die ganze Andenkordilliere ist reich an Gold und Silber. Wenn dieses Projekt genehmigt wird, habe ich keine Zweifel, dass es das erste einer langen Serie sein wird.”

Weitere Infos:
www.noalamina.18.com
www.barrameda.ar.com

KASTEN:

Bergbau im Tagebau

Tagebergbau wird so genannt, weil er über und nicht unter der Erde stattfindet. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was das bedeutet, muss man definitiv die Bergleute, die mit Schaufeln und Meißeln in Tunnels steigen, vergessen. Die Tagebergbaumethode erlaubt es, Gold zu gewinnen, auch wenn es sich nur in sehr geringem Prozentsatz im Boden befindet. (Geringer Feingehalt). So ist in der Mine des Cerro Vanguardia in der patagonischen Provinz Santa Cruz der Feingehalt im Durchschnitt neun Gramm Gold pro Tonne abgebauten Materials. Doch die Bergbaufirmen halten bereits Goldabbau bei einem Gewinn von einem Gramm pro Tonne Felsmaterial für rentabel.
Nach der Sprengung der Felsen, wird der Steinschutt buchstäblich zermahlen, bis nur noch ein Pulver übrig bleibt. Dieses wird dann im Fall von Gold einem Prozess des chemischen Waschens ausgesetzt. Natriumzyanid trennt das wertvolle Metall von anderen Elementen.
In der Mine, die sieben Kilometer von Esquel entfernt entstehen soll, würden, so die dortige AnwohnerInnenvereinigung, täglich 40.000 Tonnen Gestein bewegt, enorme Mengen Wassers benutzt und 2,7 Tonnen Natriumzyanid verbraucht.
Die Verschmutzung ist vielfältig. Sie ist visuell: Wo vorher bewaldete Berge standen, werden sich nach Ablauf der acht Jahre, welche Meridian Gold für die Ausbeutung der Mine angesetzt hat, nur eine Serie großer Krater befinden. Der Bereich der Lagerstätte, wo mit dem Abbau angefangen werden soll, hat eine Länge von 2,5 Kilometern und eine Breite von einem halben Kilometer. Es gibt aber auch eine enorme Lärmbelastung: JedenTag wird es am südlichen Rand von Esquel mehrere Dynamitexplosionen geben. Dadurch kommt es zu einem höheren Staubanteil in der Luft. So kommt es insgesamt zur Zerstörung des Ökosystems und einem nicht wiedergutzumachenden Schaden für Fauna und Flora der Region.
Zusätzlich zu den bestehenden Risiken besteht die Gefahr, dass Schwermetalle wie Arsen, Quecksilber und Schwefel freigesetzt werden. Letztere bilden zusammen mit Wasser und Luft Schwefelsäure. Ein Gemisch, das als Säuredränage, saures Abwasser des Bergbaus, bekannt ist. Nach dem Bericht von Greenpeace können “die sauren Abwässer die benachbarten Ökosystem schwer verschmutzen, ebenso das von Menschen genutzte Grundwasser”.

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